Katjas Notizen: Bloß nicht sentimental werden

So, wir können jetzt alle schlechte Laune kriegen oder uns einfach an die Arbeit machen. Also meine To-do-Liste für den großen Frühjahrsputz steht! Ich werde meine Schränke entrümpeln, den Flur maigrün streichen und Hortensien im Garten pflanzen, ach, was sage ich: Mein ganzes Leben muss ich umkrempeln…

Obwohl, das stimmt nicht so ganz. Fürs Erste genügt es bestimmt, mich von textilem Ballast zu befreien. So eine Schrankdiät ist nämlich eine ganz feine Sache. Nicht nur, um Platz für Neues zu schaffen, sondern einen Überblick zu bekommen über das, was ich eigentlich habe. Möglicherweise mangelt es mir an etwas Wichtigem, und ich würde das nie merken, wenn ich nicht erst mal Inventur mache. Ist das nicht ein cleverer Ansatz?

katjaMir fiel beispielsweise auf, dass ich neun Schlafshirts besitze, aber nur eine weiße Hemdbluse. Und, Moment, ich zähle mal kurz nach, 17 Teile, die ich seit mehr als drei Jahren nicht mehr getragen habe. Bevor  hier irgendjemand hysterisch aufmuckt: Ich bereue nichts! Weder den Kauf des ordinär teuren Zac Posen Kleides, noch die Nacht, in der ich es ein einziges Mal trug und einen Mann küsste, bis ich nicht mehr wusste, wie ich heiße. Der Mann ist längst, pardon, entsorgt. Nur der Fummel hängt noch in meinem Schrank und verstaubt dort seit Jahrzehnten. Genau wie dieser süße Kimono, der mich an unseren Sommer 2014 in Südfrankreich erinnert, als ich jeden Morgen Crêpes darin backte, sehr laut „Le vent nous portera“ hörte und mich herrlich en vogue fühlte. Warum ich mich von Stücken wie diesen so schwer trennen  kann? Es hängen einfach zu viele Geschichten an ihnen, um es deutlich zu sagen: zu viel Melancholie. Davor schützen auch keine Lavendelsäckchen und Mottenkugeln.

Meine Freundin Tizi sagt immer, Sentimentalität hat im Kleiderschrank nichts zu suchen. Das raubt nur Energie und verstopft den Geist. Weswegen ich mir jedes Jahr vornehme, alles, was ich länger als ein Jahr  nicht mehr getragen habe, auf den Prüfstand zu stellen. Die Regel ist ganz simpel: Nützliches darf bleiben (Blümchenkleider), Doofes muss gehen (Strümpfe mit Laufmaschen). Ich nehme jedes Teil in die Hand,  streichle es, und ja, manchmal blicke ich zurück und werde traurig. Aber dann frage ich mich streng: Macht dich dieser Rock, dieser Pulli, machen dich diese Schuhe noch glücklich? Meistens lautet die Antwort Nein, und das Teil fliegt in hohem Bogen raus.

Und dann: Nicht mehr umdrehen, bloß nicht mehr umdrehen. Und den Moment nicht verpassen, der sich plötzlich wieder samtweich anfühlt. Denn das Schönste am Entrümpeln ist dieser eine Augenblick, wenn die Schubfächer leer sind, die Kleiderbügel klappern und dir klar wird: Das Leben liegt noch vor dir, sei bereit für alles, was kommt. Für etwas, das du noch nicht kennst, in dem du noch alles erleben darfst. Der Schrank ist zwar leer - aber für dich ist noch ganz viel drin!

Katja Schneider ist Journalistin und vogelfreie Autorin und schreibt in ihren Kolumnen am liebsten über skurrile Alltagsmomente als Frau und das Leben, das sie selbst nicht so ganz versteht. Ach ja, nebenbei erzieht sie noch zwei pubertierende Töchter und unterhält mit ihrem Blog katjas_notizen ihre wachsende Fan-Gemeinde auf Instagram. Außerdem setzt sie mit ihren Kolumnen Mode- und Lifestyle-Trends.


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