Exklusiv: Einblicke in das Leben einer Glasmalermeisterin

Ein überdimensionales Schneckenhaus auf der grünen Wiese – so lässt sich das Haus von Familie Satzke aus Lahntal wohl am treffendsten beschreiben. Beeindruckend und massiv wirkt das Gebäude von außen – und überrascht durch sein hohes, lichtdurchflutetes Inneres. Das Architektenhaus ist seit einem Jahr das Zuhause von Claudia Satzke und ihrer Familie.

Gemeinsam mit Ehemann Timo, den beiden Teenager-Töchtern und Labrador Alfred lebt und arbeitet die Glasmalermeisterin dort. Errichtet wurde das Haus von Claudia Satzkes Onkel, dem Glasmalermeister Hans Bernd Gossel. In den 80er-Jahren beschloss er, in Lahntal noch einmal neu zu bauen, und der befreundete Architekt Klaus Kautz versprach dem Bauherrn: „Ich mache euch etwas ganz Besonderes.“ Das ist ihm gelungen, und das Haus mit seiner  ungewöhnlichen Form zog schnell die Aufmerksamkeit auf sich – gerade an diesem Standort auf einer Wiese am Rande eines Mini-Gewerbegebietes. In der Silvesternacht 1984/1985 übernachtete das Ehepaar Gossel zum ersten Mal im neuen Haus, erinnert sich Gossels Witwe Anneliese. Eingezogen sind die beiden dann 1985.

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Von Beginn an war das Gebäude als Betriebswohnung geplant, denn sowohl in der großen Werkstatt als auch im Wohnbereich übte der Glasmalermeister seinen Beruf aus. Während er in der Werkstatt an den Entwürfen – hauptsächlich für Kirchenfenster – arbeitete, nutzte er die raumhohe Glasfl äche in der Halle des Hauses zur Präsentation der fertigen Fenster. Das macht Claudia Satzke noch heute so. „Die Entwürfe auf Papier sind eine Sache, das fertige, aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Fenster im Durchlicht sieht dann noch einmal komplett anders aus. Die Glaskunst entfaltet im Licht erst ihre volle Wirkung“, erklärt Claudia Satzke. Auch für die Künstler, die die Entwürfe für die Fenster liefern, sei dieser Anblick immer wieder etwas ganz Besonderes.

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Die Werkstatt ist die Basis des Hauses und bildet die erste „Lage“ des geschwungenen Gebäudes. Satzke selbst beschreibt die Architektur so: „Man muss sich das Haus vorstellen wie schneckenhausförmig zusammengesetzte Kuchenstücke. Angefangen mitfl achen, breiten Stücken windet sich das Schneckenhaus nach oben. Die Stücke werden nach oben hin immer schmaler.“ Das Zentrum des Hauses ist die große Halle mit 9,40 Meter Deckenhöhe. Eine geschwungene Treppe führt ins obere Stockwerk, und von der Empore bietet sich der beste Blick auf die großformatigen Gemälde an der Wand. „Die hohen Räume sind perfekt, um solche großen Bilder aufzuhängen“, sagt Satzke.

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Nach dem Tod von Hans Bernd Gossel vor 16 Jahren stand für die Glasmalermeisterin schnell fest, dass sie die Werkstatt ihres Onkels weiterführen wird. Dort hat sie ihre Ausbildung absolviert und mit Hans Bernd Gossel gemeinsam Projekte umgesetzt. Den Gedanken, einmal selbst mit der Familie in diesem Haus zuwohnen, hatte sie ebenfalls schon lange. „Für mich war immer klar, dass ich hier einmal leben möchte. Ich mag dieses besondere Wohnen.“ Ursprünglich war das Haus für zwei Personen geplant. Um mit der vierköpfi gen Familie einziehen zu können, waren einige Umbauarbeiten notwendig. Während die Räume im Obergeschoss neue Böden bekamen und die Bäder komplett saniert wurden, galt es, die Räume im Untergeschoss neu aufzuteilen. Durch das Einziehen einer Wand ist eine separate Wohnung für Claudia Satzkes Tante entstanden, die ebenfalls im Haus wohnt. Neu ist die große, offene Küche, die sich direkt an die Halle anschließt. Auch wenn die äußere Form des Hauses einen anderen Eindruck vermittelt: „Wir haben hier kaum Probleme, Möbel zu stellen. Sonderanfertigungen waren nicht notwendig“, erklärt Claudia Satzke. Bis auf eine Ausnahme: „Die Rollos für die Fenster in den Zimmern unserer Töchter mussten wir nach Maß anfertigen lassen.“ 

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Nicht nur der Wohnbereich ist lichtdurchfl utet, auch die Fenster in der Werkstatt lassen viel Licht herein. Das ist wichtig für die Glasmalermeisterin, die heute hauptsächlich Reparaturarbeiten, Bilderrahmungen und Glasgestaltung in Privathäusern ausführt – eine Gestaltung mit Buntglas bietet sich überall dort an, wo Licht hineinfällt, man aber Blicke von außen ausschließen möchte, beispielsweise bei Haustüren und Hauseingängen. „Der Beruf des Glasmalers hat sich komplett verändert, Neuaufträge für Kirchenfenster sind mehr als selten geworden“, erklärt Claudia Satzke, während sie eine farbige Glasplatte aus dem Regal zieht und im Gegenlicht die Qualität prüft. Für Satzke kein Grund, Werkstatt und Beruf aufzugeben: „Wer weiß, welche Möglichkeiten sich noch ergeben...“

 von Christina Rausch

Fotos: Christina Rausch


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