Du, ich, wir: Rendezvous mit Hindernissen

Eine Beziehung ist nie statisch, sie verändert sich mit den Lebensumständen und vor allem auch mit der Zeit. Damit Liebe und Lust Schritt halten können, müssen Partner aktiv an ihrer Beziehung arbeiten. Aber wie?

Dr. Jessica Schneider ist Diplom-Psychologin und hat langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der Paarberatung. Sie kennt mögliche Fallen einer Langzeitbeziehung, aber auch Wege, diesen zu entgehen.

Frau Dr. Schneider, können Sie uns verschiedene Warnsignale verraten, die Paaren zeigen, dass ihre Liebesbeziehung in Gefahr ist?

schneiderIch würde drei Bereiche unterscheiden. Zunächst das Vorhandensein von etwas Negativem, wenn ein Partner über einen längeren Zeitraum hinweg von dem anderen genervt ist, wenn man sich unzufrieden, einsam oder gelangweilt fühlt. Eine andere Richtung, aber ebenso problematisch ist, wenn etwas fehlt: und zwar das Schöne. Gemeinsame Dinge, die beiden Freude bereiten, kleine Momente der Gemeinschaft oder auch die Lust am anderen. Ein drittes Anzeichen kann das Interesse an anderen Personen sein, das nicht mehr nur freundschaftlich ist. Wenn ich plötzlich merke, dass ich empfänglicher bin für die Reize Außenstehender, ist das auch ein Warnsignal für meine Partnerschaft. Denn natürlich machen sich emotionale Konflikte auch über die Sexualität bemerkbar.

Und dann?

Am Anfang steht immer die Selbstanalyse: Was ist mein eigentliches Problem? Liegt meine Unzufriedenheit vielleicht in mir selbst begründet oder hat mein Partner Einfluss darauf? Dann müssen Paare das Gespräch suchen. Und das klingt leider einfacher, als es in festgefahrenen Situationen manchmal der Fall ist. Es kommt immer darauf an, wie groß die Frustration oder die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, ist. Wenn die Beteiligten nicht mehr kommunizieren können, sich nur noch Vorwürfe machen, dann brauchen sie einen neutralen Dritten, einen Dolmetscher. Sie sprechen in einer Paarberatung sozusagen über Bande miteinander, der eine erklärt dem Berater etwas, der andere kann zuhören. Zuhause müssen sich Streitende vor allem bewusst machen, dass in emotional aufgeladenen Situationen keine sinnvolle Kommunikation mehr möglich ist. Eine Strategie könnte sein, lieber zu schreiben, statt zu reden. Wer seine Wünsche und Gedanken in einem Brief formuliert, wird sich oft selbst erst klar über deren wirklichen Gehalt. Das Schreiben ist also ein gutes Mittel zur Selbstreflexion. Alles sollte in Ich-Botschaften formuliert sein, also keine „Du-machst-immer“-Vorwürfe machen, sondern lieber „Ich-wünsche-mir“-Aussagen treffen.

Welche Strategien helfen, an einer Beziehung zu arbeiten?

Ich rate meinen Klienten gerne, kleine Verabredungen zu echter Paarzeit zu treffen – also ein Rendezvous ohne Störungen durch Kinder, Smartphones oder Fernsehen. Das kann ein wöchentlicher Saunabesuch, ein Abendessen, Spaziergang oder auch das tägliche Treffen am Küchentisch sein, bei dem man sich von den Höhen und Tiefen des Tages erzählt. Es ist wichtig, wieder ein grundsätzliches Interesse an dem anderen zu finden. Vielleicht auch nicht erst,
wenn es Probleme gibt.

Welchen Stellenwert würden Sie der Sexualität dabei zuordnen?

Sexualität ist ein grundlegender Faktor, der eine Liebesbeziehung von einer Freundschaft unterscheidet. Und nichts anderes ist so individuell. Deswegen ist es natürlich nicht außergewöhnlich, sondern ganz naheliegend, dass Partner unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und die können auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise befriedigt werden. Es gibt kein richtig oder falsch. Obwohl unsere Gesellschaft derart sexualisiert ist, fällt es vielen Menschen noch sehr schwer, offen über dieses Thema zu sprechen. Dabei ist das natürlich der beste Weg für Partner, gemeinsame Lösungen zu finden. Meiner Erfahrung nach brauchen Menschen für guten Sex ein grundsätzliches Wohlbefinden, Zuneigung und eine positive Verbindung. Denn Kränkungen und Verletzungen machen sich meist auch beim Sex bemerkbar. Probleme „im Bett“ wurzeln also meist in emotionalen Differenzen.

Gibt es etwas, das Sie gerne allen Paaren mit auf den Weg geben würden?

Jeder trägt die Verantwortung für sein eigenes Wohlbefinden, es ist nicht die Aufgabe des Partners, dafür zu sorgen. Und trotzdem ist die Bereitschaft enorm wichtig, die eigene Komfortzone dem anderen zuliebe auch mal zu verlassen. Es ist eine Mischung beider Aspekte. Und natürlich hilft eine klare Kommunikation in allen Situationen.

Von Katharina Stenner, Fotos: A.Löbbert (Porträt Schneider), Adobe Stock © guerrieroale


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