Forschen im Intimbereich

2019 feiert der Dildo seinen 150. Geburtstag:  Nadine Beck untersucht die Entwicklungsgeschichte des Vibrators.

Das Gerät, das für das ultimative Glücksgefühl sorgen soll, ist ein Ungetüm. Es ist silber, liegt schwer in der Hand und aus seinem Inneren baumelt ein Steckerkabel gen Boden. Würde Nadine Beck sich das sperrige Gerät an ihre blonden Haare halten, würde es wohl jeder Betrachter als Fön, als ein seltsam surrendes Technikteil, vielleicht gar einen rustikalen Revolver aus dem Antiquariat wahrnehmen. Aber als ein Sexspielzeug, als den letzten Schrei zur  Selbstbefriedigung in einer Zeit, drei, vier Jahrzehnte bevor sich die freie Liebe in den späten 1960-Jahren Bahn brach?

dildoaltBeck schmunzelt als sie den Vibrator, von der Firma Sanax alternativ in den 1930er-Jahren auch als Penetrator beworben, aus der Schachtel befreit. „Das ist schon echt ein grobes Ding. Eigentlich schwer vorstellbar, dass man das im Genitalbereich benutzte“, sagt die 42-Jährige. „Nicht nur, dass es klobig und wie ein Rührgerät aussieht, es läuft bei der Anwendung auch heiß und ist laut.“ Die Kulturwissenschaftlerin hat sich Vibratoren verschrieben und deren Weg zur
Massentauglichkeit in Deutschland. Denn was heute als gängiges und in verschiedenen Formen und Farben erhältliches Sexspielzeug fungiert – laut aktueller Studien besitzen rund 60 Prozent aller Frauen „Sex-Toys“, meist Vibratoren – kam in der Bundesrepublik erst viel später auf den Markt als anderswo. „Den Anfang machten alte Zeitungsanzeigen, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ich sah die und dachte: Moment, da steht Vibrator, aber wieso sieht das
Ding aus wie ein Rührgerät und wieso halten Frauen und Männer sich das an Nasenspitze und Rücken?“


Anzeigen in den USA lassen schon sehr früh durchblicken, dass auch eine sexuelle Verwendung dieses Massagegerätes möglich ist. Und in Deutschland, waren die Menschen damals wirklich so unschuldig? Oder sprach man hinter  vorgehaltener Hand über die Geräte? Wer kaufte die Vibratoren? Wie sprach und dachte man über sie? Wann und wie begann der Siegeszug des surrenden Sexspielzeugs in den Läden? „Der Messias der Masturbation oder doch ein slow-seller – ich bin auf Spurenlese in einer Zeit von gesellschaftlicher Doppelmoral und bevor die Sexwelle in der Mitte ankam“, sagt Beck mit Verweis auf den Zeitraum zwischen 1966 bis 1970, als Vibratoren auf den Markt kamen und Prüderie noch allgegenwärtig war. Ihre zu überprüfende wissenschaftliche Hypothese: „Das Ding fiel vom Himmel, und alle fanden es toll.“ Werbung für die Geräte habe es jedenfalls ab dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er-Jahre gegeben.

Im Jahr 1869 erfand der amerikanische Arzt George Taylor einen dampfbetriebenen Massage- und Vibrationsapparat, den „Manipulator“, mit dem kränkelnde Frauen im Genitalbereich massiert werden konnten. Wenige Jahre später ließ sich der britische Mediziner Joseph Mortimer Granville den ersten elektrischen Vibrator patentieren. Nach sexueller Revolution und Porno-Produktionen ab den 1960er-Jahren gilt nicht zuletzt die US-Serie „Sex and the City“ Anfang der
2000er-Jahre als Auslöser dafür, dass das Schmuddel-Image des Sexspielzeugs verschwunden ist. Mittlerweile gehören Vibratoren auch zum Verkaufssortiment von Drogerieketten. Schönheit durch Hautpflege, Durchblutungs-Förderung, Entspannung: Die sexuelle Komponente des Gerätes wurde lange verschleiert, weil tausend ungeschriebene Gesetze der Zeit dafür gesorgt haben, dass über das Eigentliche, geschweige denn über den Kauf und Einsatz von Sexutensilien nicht gesprochen wurde.“ In Zeiten des noch aus der Kaiserreichszeit stammenden Schmutz- und Schund-Paragrafen hätte man sich öffentlich lediglich knöchern wissenschaftlich, über Fachliteratur dem Thema Sex genähert – zumal der weiblichen Sexualität. Keuschheit, Prüderie, sexuelle Verklemmung: Das seien aber vor allem „Phänomene der bürgerlichen Oberschicht“ gewesen.


Lustempfinden statt Liebesdienst, Orgasmus über klitorale Stimulation, Einsatz auch von Massagestäben beziehungsweise Vibratoren? Im Arbeitermilieu ist das nach Becks bisherigem wissenschaftlichem Kenntnisstand anders gewesen,
„da wussten die Leute meist ganz genau wie was geht und mit welchem Gerät was anzufangen ist“. Ihre phallische Form – also die Anlehnung der Vibratoren-Gestalt an den männlichen Penis – erhielten die Sex-Spielzeuge erst im Laufe der 1960er-Jahre; was heute bereits wieder als überkommenes Design gilt. Der Landkreis Marburg-Biedenkopf sei angesichts der Mischung etwa der Bildungsschichten und Erwerbsbiografien grundsätzlich ein perfektes Forschungsfeld auch für diesen wortwörtlichen Intimbereich. Studenten und sowohl liberales als auch konservatives Bildungsbürgertum in der Universitätsstadt auf der einen Seite, das evangelisch geprägte Hinterland und der katholisch geprägte Ostkreis auf der anderen Seite, stellen laut Beck ein „ideales Untersuchungsgebiet“ dar. Anlässlich des in diesem Jahr fälligen 150. Geburtstages des Sexspielzeugs erhofft sich Beck Hilfe aus der Heimat – von Hetero- wie Homosexuellen. Einzige Voraussetzung: „Sie müssen sich erinnern, dass es diese Dinger gab.“

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Von Björn Wisker, Fotos: Björn Wisker, Adobe Stock © Tijana © ddukang


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