Friedensangebot an mich selbst

Katja Schneider ist Journalistin und vogelfreie Autorin und schreibt in ihren Kolumnen am liebsten über skurrile Alltagsmomente als Frau und das Leben, das sie selbst nicht so ganz versteht ...

"Meine Tochter fragte mich neulich während meiner Beautyroutine im Badezimmer, wie das eigentlich so ist, alt zu werden (kein Scherz!). Ich schnauzte sie an, so alt sei ich nun auch wieder nicht, und verschluckte mich beinahe an einem Peelingkörnchen vor Stolz. Ich meine, hat die Kleine noch nie etwas vom Inside Glow gehört? Von innerer Anmut, Würde und einer weichen Schale? Ich hätte ihr am liebsten den straffen Teenager-Hintern versohlt, dozierte aber stattdessen über meine Lebensweisheit Nummer eins:Frühjahr Spiegel II Ich pfeif’ aufs Alter! (… was gelogen war.) Später heulte ich mich bei meiner Instagram-Kommune aus und, jaaa, man bestätigte mir, dass ich wie 29 aussehe. Also höchstens! Nicht, dass mir das wichtig wäre, nein nein.Schließlich predige ich doch immer allen, dass das Äußere nur eine Facette von uns ist. Dass es auch eine innere Schönheit gibt, die wir hegen und kultivieren müssen für den Tag, an dem die  äußere Hülle immer mehr Risse bekommt. Aber das ist alles nicht so einfach, denn natürlich habe auch ich eine heimliche Sehnsucht nach früher, nach prallen Wangen, einem festen Bauch und Fülle an den richtigen Stellen, nach  einem Morgen, an dem ich unzerknittert aufwache und vor mir auf die Knie falle. Vielleicht rettet mich manchmal mein innerer Guru, der gut auf mich aufpasst und mir sagt: Sollten wir etwa anders aussehen, wie Teenager vielleicht?  Wäre das nicht falsch? Wer sich Hals über Kopf ins Leben stürzt, seinen Körper nicht gerade verschont, weder mit Kummer noch mit grenzenloser Freude, wird eines Tages die Spuren sehen. So ist das nunmal. Und ich finde, das ist  völlig okay.

Obwohl, ich erinnere mich noch gut an diesen Morgen im April vor 15 Jahren. Eine Woche, nachdem ich mein erstes Kind geboren hatte. Als ich da so stand, unter der Dusche, und durch das Wasser an mir herunterblickte, musste ich weinen. Nicht, weil ich ein wenig die Form verloren hatte, auch nicht, wegen des Bauches, der immer noch schwanger aussah. Das war mir egal. Mir kamen die Tränen, weil mir alles so leidtat. Wie hatte ich meinen Körper nur all die Jahre behandelt? All die durchzechten Nächte, Radikaldiäten, Sex mit den falschen Männern, Boshaftigkeiten und gehässigen Selbstvorwürfe. Und mein Körper? Hat einfach weitergemacht, unerschrocken, loyal, als wäre ich die schönste  Frau auf dem Erdball, auf die man ein Leben lang wartet. Das Warten hat sich gelohnt. Heute weiß ich, wer ich bin, kenne meine Maße und weiß, was mir gut tut (achteinhalb Stunden Schlaf) und wovon ich besser die Finger lasse  (Toffifee zu Liebesfilmen). Auf meinem Spiegel klebt seit einiger Zeit ein Post-it mit dem Wörtchen „perfect“. Es heißt nicht, dass ich makellos bin. Es heißt nur, dass ich mich vor mir nicht fürchten muss. Es ist wie ein Friedensangebot an mich selbst, ein Mantra, das mich daran erinnert, in den Spiegel zu gucken und zu denken: Wow, siehts du gut aus! Und nicht den geringsten Zweifel daran zu haben. Denn unter der Oberfläche liegt so viel Schönheit, die völlig unbeeindruckt von Fettpölsterchen, Krähenfüßen und Nasolabialfalten existiert. Die nie vergeht. Respekt, ich stehe voll hinter mir!"

Von Katja Schneider

Fotos: Katja Schneider; Adobe Stock © BillionPhotos.com

 


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