Ich lass mich einfach mal in Ruhe

Katja Schneider ist Journalistin und vogelfreie Autorin und schreibt in ihren Kolumnen am liebsten über skurrile Alltagsmomente als Frau und das Leben, das sie selbst nicht so ganz versteht. Ach ja, nebenbei erzieht sie noch zwei pubertierende Töchter und unterhält mit ihrem Blog katjas_notizen ihre wachsende Fan-Gemeinde auf Instagram. Außerdem setzt sie mit ihren Kolumnen Mode- und Lifestyle-Trends.

Das auf dem Foto bin ich. Und ich möchte mich gar nicht darüber auslassen, dass ich unter meinem Käppi nicht exakt so aussehe wie ein Beauty-Model. Küssen könnte ich mich dafür. Ich sehe eben aus wie eine Mutter, die morgens um halb neun Latte macchiato holt, ein paar blöde Probleme hat und trotzdem ungeheuer glücklich ist. Nicht die Art von herrlich beklopptem Glück, das sich einstellt, wenn man zwei Kilo in sieben Tagen abnimmt, sondern jenes, das einen still und leise erwischt, wenn man zum Bäcker spaziert und denkt: Herrlich!


Was es braucht für eine so entspannte Haltung? Weniger als man denkt, vor allem aber den Mut, Maskara, Laptop, BH und alle doofen Gedanken einfach mal im Schrank zu lassen. Und eine gute Portion Laissez Faire, was das eigene  Aussehen betrifft. Das dachte ich mir jedenfalls vor einiger Zeit, als ich einen Tag lang den Pyjama bis zum Abend trug. Genau wie am Tag davor. Und am Tag danach auch. Ich brauchte einfach mal eine Pause von mir selbst, von meinem  Kleiderschrank und von diesem Rumgecreme, Rumgeöle und Rumgereibe am eigenen Körper. Ja, das sage ausgerechnet ich, die Expertin der Selbstliebe und Beautyroutine. Aber kann man sich nicht ab und zu einfach mal selbst in Ruhe  lassen?


Ich legte den Töchtern einen Zettel auf den Tisch mit Anweisungen (Müll rausbringen, Blumen gießen, Briefkasten leeren) und meldete mich ab. Ich wollte nur eins: in Ruhe und mit Stoppelbart-Beinen Ravioli aus der Dose verzehren und Espresso mit sehr viel Zucker trinken. Das klingt vielleicht wenig ladylike, aber die Sache ist die: Kaum etwas im Leben macht glücklicher, als ein paar Tage ohne Make-up/Schmuck/hübsche Anziehsachen/Rasierer/Parfüm/Bodylotion zu  verbringen. Es fühlt sich an wie eine Fastenkur. Als würde man Körper und Geist einmal kräftig auswringen. Ich verbot mir, jede Pore im Vergrößerungsspiegel zu scannen, sondern hielt beim Blick in den Spiegel eine Armlänge Abstand und einfach mal aus, dass ich das bin, was ich nunmal bin. Ein menschliches Wesen.


Ich schlief mit dem Sandmännchen ein und wachte vor den Kirchturmglocken auf, hörte Amandas „Blau“ in Dauerschleife und fing am zweiten Tag an, mit mir selbst zu reden. Am dritten radelte ich mit wehendem Haar in die Stadt und  dachte wie eine Yogi-Braut: Das ist es! Freiheit! Tun, was das Herz begehrt. Nicht darüber nachdenken, wer einen mag und wer nicht. Sich nicht fragen, was die Zukunft bringt, ob wir gut genug sind und was wir im Leben alles vergeigt   haben. Einfach mal ausatmen und laut zu sich selbst sagen, dass man die schönste, klügste, weiseste und zauberhafteste Person unter der Sonne ist. Wenn ihr also auf der Straße einer Frau begegnet mit einigen Rissen in der Hülle, aber ganz viel innerem Leuchten, nicht erschrecken: Ich bin es nur!


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