Krippenbilder:

 In nordhessischen Krippenbildern dürfen sie ganz nah am Jesuskind sein

Am Anfang der Geburtsgeschichte waren Maria, Josef und das Kind in der Krippe. Aber keine Tiere! In der biblischen Weihnachtserzählung von der Geburt Christi nach Lukas und Matthäus kommen sie noch gar nicht vor. Doch was wären die Altarbilder und Weihnachtskrippen unserer nordhessischen Kirchen ohne „Ochs und Esel“?    Seit Beginn des 4. Jahrhunderts gehören die beiden Stalltiere zum festen Repertoire des Weihnachtsbildes. Den frühen Christen waren sie sogar wichtiger als die Darstellung der heiligen Familie. Später belebten Künstler, so etwa die Meiderdorfer Franziskaner in Frankenberg, mit Ochse und Esel ihre Flügelaltäre, Maler und Modelschnitzer rückten die Haustiere in ihren Bildern ganz dicht an das Christuskind heran. Auf dem spätgotischen Flügelaltar der Stadtkirche in Rauschenberg aus dem Jahr 1420 zum Beispiel haben die beiden Vierbeiner einen bevorzugten Platz – vor dem Chor blondgelockter Engel.  

Erst viel später als in den Evangelien kamen Ochse und Esel in „apogryphen“, kirchlich nicht offiziell anerkannten Schriften vor und gelangten von dort in die Geburtsdarstellungen. Sie bezogen sich auf Jesaja 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel erkennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht.“ Die Kirchenväter betrachteten die beiden Tierfiguren als Allegorien: Der Ochse steht für das Volk Israel, der Esel für die Heiden. Alle Völker, gleichsam die ganze Welt ist hier in den Tierfiguren versammelt.    Im Lauf der Jahrhunderte kennzeichneten die beiden klassischen Stalltiere den überlieferten Geburtsort des Gottessohnes. Sie verwiesen symbolhaft auf die einfache und ärmliche Herkunft Jesu sowie dessen Leben in Demut und Aufopferung. Der Umweltpfarrer der Landeskirche von KurhessenWaldeck, Uwe Hesse, selbst Bewirtschafter eines Archehofs in Rengershausen bei Frankenberg, sieht die Krippenbilder in den Kirchen unter einem ganz eigenen Blickwinkel: „Für mich sind sie allein schon wegen des Roten Höhenviehs sehr wichtig und aufschlussreich. Man erkennt auf den Tafeln die Rinder, Kühe und Bullen, die die Künstler früher täglich vor Augen hatten. Und das waren vom Nordrand der Mittelgebirge bis zu den Alpen Vorläufer des Roten Höheviehs beziehungsweise Keltenrindes: einfarbig rote Tiere im Gebirgsrindtyp.“ Pfarrer Hesse verweist besonders auf zwei Beispiele der Region: Auf einem spätgotischen Altarretabel in der Kirche von Dorfitter bei Korbach knien der Esel und ein roter Ochse mit nach oben geschwungenen Hörnern seitlich neben dem Jesuskind. Anbetend wie Maria und Josef. Auf dem Rauschenberger Altarbild wirken die Tiere hingegen ganz kreatürlich. Sie fressen hungrig Grünfutter an der Krippe. Der dort gemalte Ochse zeigt sogar, wie der Umweltpfarrer bestätigt, das für diese historische rote Nutztierrasse typische „helle Flotzmaul“.
   Für den Umweltpfarrer haben die Künstler in den alten Darstellungen auf den Flügelaltären „der Rasse Rotes Höhenvieh ein bleibendes Denkmal gesetzt. Sie bezeugen die Präsenz der historischen Landrasse schon im hohen Mittelalter.“ Diese Haustierrasse wäre in Hessen in den 1970er Jahren beinahe ausgestorben, wenn sich nicht Idealisten und Umweltpolitiker auch aus kulturellen Gründen um ihre Erhaltung bemüht hätten.

von Karl-Herrmann Völker

 

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