Blindenstudienanstalt

Die blista feiert 100. Geburtstag

Erstbesucher in Marburg bekommen schon mal einen Schreck, wenn sie bei Straßenquerungen an Fußgängerampeln von einem heulenden oder piependen Geräusch begleitet werden. Wir Marburger hören das nicht mehr. Die akustischen Orientierungshilfen für Blinde. Wir kennen das. Wir sind auch mit den vielen Personen vertraut, die sich mit einem langen weißen Blindenstock durch die Stadt bewegen. Marburg hat das größte und älteste Gymnasium für Blinde in Deutschland. Die Carl-Strehl-Schule. Am 16. September vor hundert Jahren wurden die entscheidenden Unterschriften gesetzt, wurden die entscheidenden Genehmigungen erteilt. Seit 100 Jahren gehört die blista in der Nordstadt Am Schlag zu Marburg. Seit 100 Jahren werden hier junge Menschen zum Abitur geführt, die wenig oder nichts sehen können. Etwa 300 Blinde und Sehbehinderte gehen in die Carl-Strehl-Schule. Sie leben verteilt über Marburg in betreuten Wohngruppen.

 

Zehn Highlights aus 100 Jahren blista

■    Erstes Gymnasium für Blinde 1916 wird an der „Hochschulbücherei, Studienanstalt und Beratungsstelle für blinde Akademiker e.V.“ (heute: blista) in Deutschland erstmals gymnasiale Bildung für blinde Menschen möglich.

■    Blinde Frau promoviert 1932 macht Emma Saludok an der Philipps-Universität Marburg als erste blinde Frau in Deutschland eine Promotion. Sie zog in den 1930er Jahren in die USA und war später mit der israelischen School for the Blind in Jerusalem aktiv.

■    Bücher zum Hören 1954 gründet die blista die Deutsche Blindenhörbücherei als erste derartige Einrichtung in der Bundesrepublik. Zur Ausleihe kommen in eigenen Studios aufgesprochene Werke. Seit den 80er Jahren wird dort auch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel als Tondokument produziert.

■    Blinder Richter 1963 wird der der ehemalige Schüler der blista, Hans-Eugen Schulze, zum Bundesrichter in Karlsruhe ernannt. Heute sind in Deutschland rund 70 blinde Richter aktiv.

■    Akustische Ampeln Die bundesweit erste ihrer Art wurde 1971 am Marbacher Weg in Marburg installiert. Mittlerweile sind in Deutschland tausende Fußgängerampeln eingerichtet, die mit verschiedenen akustischen Signalen Blinden und Sehbehinderten Orientierung geben.

■    Wohnen in der Stadt Seit 1978 wohnen die Schüler in Wohngruppen mitten in der Stadt. Die blista hat dafür an verschiedenen Standorten Häuser gekauft oder gemietet. Die Schüler werden von pädagogischem Personal vor Ort betreut. Dieses richtungsweisende dezentrale Internatskonzept ist international als „Marburger Modell“ bekannt und hat in vergleichbare Einrichtungen weltweit Nachahmung gefunden.

■    Bambi an blista-Schüler 2006 Der 13jährige blista-Schüler Kevin Barth erhält den Bambi für sein besonderes Engagement während der Fußballweltmeisterschaft.

■    Beauftragte der Bundesregierung 2014 Die ehemalige Schülerin Verena Bentele wird zur Beauftragten der Bundesregierung für Menschen mit Behinderung ernannt.

■    Deutsche Meisterschaften SF Blau-Gelb blista Marburg wird 2015 zum dritten Mal Deutscher Meister beim Blindenfußball. Im Jubiläumsjahr 2016 führt die Mannschaft der blista derzeit die Tabelle an.

■    Erfolgreiche Schulabschlüsse Mehr als 4.000 junge Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung haben in den 100 Jahren der blista einen Höheren Schulabschluss erlangt. Viele von ihnen haben danach an der Philipps-Universität eine akademische Ausbildung absolviert.

Text/Fotos: Günter Gleim

Joomla Plugin