Mekka der Dialekte

Direktor Jürgen Erich Schmidt stellt Deutschen Sprachatlas vor

Der Gang ist etwas unrund, die Begrüßung freundlich. Prof. Jürgen Erich Schmidt, der Direktor des Deutschen Sprachatlas‘ in Marburg,  bittet ins Arbeitszimmer und erklärt sein Humpeln: Erst vor einem Tag hat er die Gehhilfen bei Seite gelegt. „Beim Fußballspielen hat mich mein Enkel im Zweikampf um den Ball abgegrätscht.“ Ein Foto an der Wand ist ein weiteres Indiz für sportliche Aktivitäten. Auf dem Bild ist der jetzt 61-Jährige beim Segeltörn mit seiner Tochter zu sehen.
Ich habe es also mit einem agilen Sprachwissenschaftler zu tun, der im Gespräch nicht nur komplexe Details geduldig erklärt, sondern dabei auch große Gemütlichkeit ausstrahlt. In Mayen in der Eifel geboren landete Schmidt nach dem Abitur zum Lehramtsstudium an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Doch bald wuchs sein Interesse an der deutschen Literatur und der Sprachwissenschaft. In seiner Dissertation („Die mittelfränkischen Tonakzente“) beschäftigt er sich mit Besonderheiten der Sprachmelodie im Großraum um Köln. Die Entwicklung des Satzbaus in der geschriebenen deutschen Sprache ist Thema der Habilitation.

Sätze werden kürzer

Seit 1850, so erzählt Schmidt, gebe es einen Trend zu kürzeren Sätzen. Vor allem Nebensätze fallen weg und werden durch Attribute ersetzt. Von 1970 bis heute habe sich die durchschnittliche Satzlänge von 22 auf 16 Wörter reduziert, die Anzahl der Nebensätze halbiert. Diese Wandlungstendenzen ermöglichen die Vereinfachung von komplexen Sachverhalten. Die Inhalte werden jedoch vager. Sprache passe sich so der Geschwindigkeit der Rezeptionshaltung an. Nach einer Zwischenstation in Greifswald ist Schmidt seit 2000 Leiter der traditionsreichen Einrichtung an der Lahn, die als „Mekka der Dialektforschung“ gilt. Die Anfänge der Institutsgeschichte liegen im Jahr 1876, als der Bibliothekar Georg Wenker begann, Fragebögen mit 42 kurzen „volksthümlichen“ Sätzen an die Schulen im Rheinland zu schicken. Mit Hilfe der Lehrer sollten sie in die Ortsdialekte übersetzt werden, um daraus eine „Dialectkarte der nördlichen Rheinprovinz“ zu erstellen. Später wird diese Erhebung auf das gesamte Kaiserreich ausgeweitet. Die Ergebnisse wurden in handgezeichneten Karten festgehalten. Wenker‘s Nachfolger entwickelten die räumliche Darstellung von Sprache weiter und standardisierten sie. Ab 2001 erfolgte im Rahmen eines DFG-Projekts die Digitalisierung der Karten.
Zur Zeit arbeiten acht Professoren sowie rund 30 Mitarbeiter an mehreren Aufgaben. Gefördert von der „Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz“ befassen sie sich mit dem Langzeitprojekt „regionalsprache.de“ (REDE). Dazu werden an 150 Orten in Deutschland Sprachdaten von Informanten in Interviews, informellen Gesprächen und Vorlesetexten erhoben. So wird zum Beispiel  an Polizeidienststellen die Sprache in Notrufsituationen untersucht. Damit soll die Annahme unterfüttert werden, dass sich die deutschen Regionalsprachen zwischen Dialekt und Hochdeutsch in einem Umwandlungsprozess befinden.
Sprache ist das bedeutendste Organ der Kommunikation, sagt Prof. Schmidt. Obwohl alle Menschen ein ähnliches Gehirn haben, gibt es tausende von Sprachen. Was daran in der Verschiedenartigkeit gleich ist, untersuchen Forscher im LOEWE-Projekt „Fundierung linguistischer Basiskategorien“. Mit Hilfe der Messung von Gehirnströmen wird der Zusammenhang von Sprache und Gehirn untersucht, um Diagnose und Therapie von Sprachstörungen zu verbessern.
Schließlich geht es bei dem DFG-Projekt „Syntax hessischer Dialekte“ darum, erstmals flächendeckend die Dialektsyntax des Deutschen am Beispiel eines Bundeslandes in ihren Grundzügen zu ermitteln, systematisch zu erschließen und zu analysieren.
Ein Ziel der Sprachwissenschaft besteht für Prof. Schmidt darin, Sprache im Computer besser implementieren zu können. Der wichtigste Anspruch an seine Arbeit ist jedoch ein anderer: „Die Sprache ist zentrales Objekt des Menschseins und ich möchte einfach besser verstehen, wie das funktioniert.“

von Norbert Wiedemer

 

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