Ehrenbürger im Ruhestand

Zum Ausscheiden von Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel aus dem Amt

 

Stand zehn Jahre an der Spitze Marburgs: Egon Vaupel. Foto: Waldinger

Marburg - Marburg als gefragter Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort mit hoher Lebensqualität, der Campus Firmanei, das neue geistes- und gesellschaftswissenschaftliches  Zentrum am Fuß der historischen Oberstadt, die Investitionen der Behring-Nachfolgefirmen in den Ausbau des Standorts, die Entscheidung der Deutschen Vermögensberatung für Marburg, der neu gestaltete Hauptbahnhof als attraktives Tor zur Stadt, der derzeit noch voll im Gang befindliche Stadthallenumbau oder der Ausbau des Georg-Gaßmann-Stadions zu einem Sportpark, in dem unter anderem der Länder-Zehnkampf zwischen Deutschland und den USA stattfindet:  Egon Vaupel könnte sicherl eine Reihe von politischen Erfolgen als bewegende Momente seiner etwas mehr als zehnjährigen Amtszeit als Oberbürgermeister aufzählen.

Begegnung mit Menschen

Doch kurze Zeit, bevor das Stadtoberhaupt am 30. November mit einem großen Festakt in den Ruhestand verabschiedet  wird (zwar dann im Alter von 65 Jahren, aber eineinhalb Jahre früher als geplant nach schwerem  Herzinfarkt vor fast zwei Jahren), sind es einmal mehr die Begegnungen mit Menschen, die Egon Vaupel als bewegende Momente seiner Amtszeit aufzählt – zwei aus „so vielen“:

Die Frau im Camp und der Großmufti

Erst kürzlich war es die Frau aus dem Flüchtlingscamp in Cappel, die auf ihn zugekommen sei und sich für etwas bedankt habe, was für die meisten überhaupt nicht der Rede wert gewesen wäre, vor allem nicht für einen Menschen auf der Flucht: Dass sozusagen auf Zuruf zusätzliche Wäscheklammern angeschafft worden sind, nachdem zuvor die auf Gittern aufgehängte Wäsche vom Wind weggeweht wurde und auf dem roten Ascheplatz landete. Oder vor acht Jahren die Zusammenkunft mit Dr. Ahmad Badreddine Hassoun, dem syrischen Großmufti, dem höchsten islamischen Rechtsgelehrten seines Landes, „dem interessantesten Menschen, dem ich begegnet bin“, wie Vaupel sagt. Der Scheich, der als einer von nur sechs Großmuftis in der Welt zu den ranghöchsten religiösen Würdenträgern des Islam zählt, hatte seinerzeit Vaupel als „seinen Bruder“ bezeichnet. Einen Menschen, den Vaupel geradezu „wunderbar“ findet: „Seine  Menschlichkeit ist weiter als seine politische Vernunft.“ Kein Wunder bei so viel gegenseitiger Wertschätzung also, dass eine Freundschaft daraus entstanden ist.

Mehr als die politischen Erfolge

Wenn der scheidende Oberbürgermeister die Begegnungen mit Menschen über die politischen Erfolge stellt, dann hat dies vor allem mit dem Respekt gegenüber dem jeweiligen Gegenüber zu tun. „Vieles, was zum Ende eines solchen Lebensabschnittes von anderen zu Recht als vermeintlich wichtig erachtet wird, hat für mich eine geringere Bedeutung“, wird der Vaupel nicht müde zu erklären. Passend zu seinem immer wieder glaubwürdig geäußerten Bekenntnis, dass Politik eigentlich nicht zu seinem Lebensentwurf gehört habe. Einer Einstellung, die sich erst nach der Kommunalwahl 1997 geändert hat, nicht  ganz  freiwillig:

"Dann gab es kein Zurück mehr"

„Spätnachts, völlig überraschend, bin ich gefragt worden, ob ich als Bürgermeister kandidieren will.“ Eine Woche habe er überlegt, dann gab es – ganz  Vaupel – „kein Zurück mehr.“  Zunächst Bürgermeister und dann Oberbürgermeister gewesen zu sein, dass sei die "schönste berufliche Aufgabe gewesen, die mir zuteil werden konnte“. In einer der "außergewöhnlichsten Städte", mit vielen interessanten Menschen und einer einmaligen Facette an Gruppierungen. Was er dann ab 1.  Dezember vermissen werde, wenn er nun in den Ruhestand geht? „Das fragen Sie mich am besten zwei Tage später.“ Auf alle Fälle werde ihn die Verantwortung der Amtskette nicht mehr drücken.

Marburger Ehrenbürger

Wenn Oberbürgermeister Egon Vaupel als Ehrenbürger der Universitätsstadt Marburg in den Ruhestand verabschiedet wird, dann ist er das vierte Stadtoberhaupt seit 1971 nach Georg Gaßmann, Hanno Drechsler und Dietrich Möller, das die höchste, an einen Bürger zu vergebende Auszeichnung erhält, insgesamt der 76. seit 1834. Dabei reiht er sich ein in eine Liste von Persönlichkeiten wie Emil von Behring, Ernst von Hülsen oder Carl Bantzer aus der Vergangenheit sowie Reinfried Pohl, Hans Gerhard Schwick,  Schwester Edith oder Amnon Orbach aus der jüngsten Zeit. Und auch bei der Begründung der Verleihung steht das Menschliche bei  Egon Vaupel im Mittelpunkt: Nah bei den Menschen zu sein und die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Alltagssorgen, Nöten und Problemen ernst zu nehmen, sie in schwierigen Situationen nicht allein zu lassen und – wo immer möglich – praktische Hilfe zu vermitteln.

Zur Person
Egon Vaupel, 1950 in Schlierbach, heute ein Ortsteil der Gemeinde Bad Endbach, geboren, absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann, war bis 1974 als Angestellter in der Industrie tätig, arbeitete danach für die hessische Finanzverwaltung, wurde 1997 zunächst zum Bürgermeister und vor zehn Jahren erstmals zum Oberbürgermeister gewählt  - gegen damals vier Mitbewerber im ersten Wahlgang mit 52,5 Prozent.

mrlife/Manfred Günther/ Fotos: Presseamt Marburg/Uwe Brock/Rainer Waldinger/2015

 

 

 

 

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