Vom Drang, Dinge zu verändern

Was ist zu tun? Andreas Schulz im Gespräch mit Mitarbeiterin Carina Greb-Zimmermann.

mrlife im Gespräch mit Bürgermeister Andreas Schulz

Er gehört zu dem halben Dutzend von Bürgermeistern im Landkreis, die - Anfang der 1990er Jahre ins Amt gekommen, von Medien als die „jungen Wilden“ bezeichnet wurden: Andreas Schulz, mittlerweile 25 Jahre für die fast 9.000 Einwohner zählende Großgemeinde Ebsdorfergrund tätig.
Während der Großteil dieser neuen Generation von Verwaltungs-Chefs - Norbert Mai, Helmut Hyner, Manfred Barth oder Oliver Haupt - inzwischen andere Berufe ausübt, pensioniert ist oder nicht mehr wiedergewählt wurde, ist es für Schulz nach wie vor ein „Traumjob, Bürgermeister zu sein“. Auch wenn er zwei Mal öffentlich mit dem Gedanken gespielt hat, auf die nächstgrößere Bühne zu wechseln: 2006 und auch sechs Jahre später war er als Landratskandidat bei der SPD vielversprechend im Gespräch, sagte aber jeweils ab. Das erste Mal, weil das Vorstandsvotum nicht eindeutig genug war, 2012 weil er das geplante Kandidaten-Casting ablehnte. Eine für Schulz im Nachhinein richtige Entscheidung: „Hier in der Großgemeinde kann ich mehr gestalten als im Kreishaus“.
„Junge Wilde“ waren sie, weil es mit einem „weiter so“ für sie einfach nicht mehr weitergehen konnte. Sie gestalteten Verwaltungen um, definierten Ziele und Handeln neu - vor allem ergebnisorientierter und betriebswirtschaftlicher. Für die Vorgänger, die „alten Mauschler“ wie sie von Journalisten einmal bezeichnet wurden, zeigt Schulz Verständnis und begründet deren Tun: Sie hätten in den Jahren nach der Gebietsreform eine große Aufgabe bewältigen müssen. Auch, weil diese den Bürgern durch Verheißungen und Geschenke schmackhaft gemacht worden sei.
Was von dem „jungen Wilden“ Andreas Schulz geblieben ist? „Vor allem der Elan und der Drang, Dinge zu verändern.“ Nur  würde er bei der Umsetzung inzwischen „effektiver vorgehen“. Dies sicherlich auch, weil er zu Beginn seiner Amtszeit auf viele Widerstände gestoßen sei:
Kurz nach seinem Amtsantritt verliert die SPD bei der Kommunalwahl die Mehrheit im Gemeindeparlament. Nicht nur, dass die neue und für damalige Zeit ungewöhnliche Zählgemeinschaft aus CDU, Grünen und Freien Wählern im Grund kräftig am Haushaltsentwurf des Bürgermeisters herumstreichen will. Er soll nur zuvor abgesegnete Mitteilungen im Gemeindeblättchen verkünden dürfen - eine Reaktion auf eine Fähigkeit des Bürgermeisters, Öffentlichkeitsarbeit  auch in eigener Sache zu betreiben. Die Antwort auf diesen „Maulkorb“ lässt nicht lange auf sich warten. „Hört, Ihr Leut …“, Andreas Schulz zieht mit der Schelle durch Dreihausen.
Doch nicht nur politisch bläst dem Bürgermeister in den ersten Jahren der Wind ins Gesicht, auch aus der Verwaltung. „Offener Aufstand gegen den Bürgermeister“ titelt die „Oberhessische Presse“ 1995. Während der Personalrat das schlechte Arbeitsklima beklagt, hat für den Bürgermeister die Arbeitsleistung Vorrang.
„Diese Auseinandersetzungen waren notwendig“, ist sich Schulz heute sicher. Sie seien Voraussetzungen dafür gewesen, überhaupt etwas verändern zu können. Und was ihm dabei besonders wichtig ist: „Ich habe den Rückhalt in der Bevölkerung gespürt.“ Ein Beistand, der bei der ersten Direktwahl deutlich wurde: mit 73,5 Prozent wurde er im Amt bestätigt - im ersten Wahlgang.
Ein Rückhalt, den der „junge Wilde“ sicherlich nicht nur der Streitbarkeit für die eigenen Anliegen verdankt, sondern auch der Entwicklung der Kommune bis hin zur „Sonnenscheingemeinde“. Betrug der Schuldenstand 1993 noch 15,7 Millionen Mark, ist acht Jahre später die Quadratur des Kreises gelungen: Während anderenorts die Haushalte - wenn überhaupt - nur mit Mühe ausgeglichen sind, freut man sich im Grund über ein dickes Plus. Zwei Jahre später wird aus dem Nehmer Ebsdorfergrund gegenüber dem Land gar ein Geber: Nachdem nunmehr 40 Jahre vergeblich auf die Ortsumgehung für Heskem gewartet wurde, wird der Bau der Landesstraße durch die Kommune vorfinanziert. Nicht die einzige Idee, durch die der Grund überregional Aufmerksamkeit erlangt. Kindersparbuch für jedes Neugeborene oder GrundGeldGutschein - mit einem Wert von 25 Euro,  für 10 Euro erhältlich und einlösbar in mehr als 70 Unternehmen, Betrieben und Geschäften im Ebsdorfergrund – sind weitere Beispiele.
Und wenn dann einmal Schluss ist mit Bürgermeister, wie sähe die Stellenausschreibung für seinen Job aus? Ideen zur Fortentwicklung der Gemeinde, Menschen und menschlich überzeugen, Finanzfachmann sein, Durchsetzungsvermögen und für den Erfolg der Gemeinde auch persönlich leidensfähig zu sein. Ansprüche, die er auch nach 25 Jahren noch an sich stellt. Auch wenn er nicht mehr wie früher mit dem Gesetzbuch im Rucksack in den Urlaub fährt und auch nach drei Tagen ohne Kontakt zur Gemeinde nicht mehr unruhig wird.

Text: Manfred Günther/ Fotos: Rainer Waldinger

 

 

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