Auf internationalem Parkett

Prof. Sven Simon lehrt Völkerrecht, Europa- und Kommunalrecht

Eigentlich bin ich etwas zu früh. Drei junge Juristen erwarten mich im Savigny-Haus: „Sind Sie der 11-UhrTermin?“ Auf die bejahende Antwort werde ich in das Büro von Sven Simon geleitet: „Kaffee oder Wasser? Der Prof. kommt gleich.“ Das Warten gibt mir fünf Minuten Zeit, mich umzusehen. Besonders auffällig: An der Wand steht ein riesiger blauer Hessen-Löwe aus Plastik, der friedlich in den Raum schaut. Doch schon naht das Objekt meines journalistischen Interesses, Prof. Simon begrüßt mich freundlich. Da ist er wieder, dieser jungenhafte Charme, der mir bereits in einer Vorlesung zum Thema Verfassungsgeschichte im vergangenen Sommersemester auffiel, die ich als Gasthörer verfolgte. Und nicht nur der
Seniorenstudent, sondern auch das junge studentische Publikum war von der Performance des Hochschullehrers angetan. Seit dem 1. Dezember 2016 - damals gab es das oben aufgeführte Raubtier zur Feier des Tages als Präsent - hat der 39-Jährige die Professur für Völkerrecht und Europarecht mit öffentlichem Recht inne. Damit trat er am Fachbereich Jura der Philipps-Universität die Nachfolge des emeritierten Prof. Gilbert Gornig an. Im Bereich des Völkerrechts beschäftigt sich Prof. Simon vor allem mit der internationalen „normativen Ordnung“ und dabei besonders mit der „kollektiven Friedenssicherung und den Friedenskonsolidierungskonzepten“ im System der Vereinten Nationen. Dabei arbeitet er auch mit dem Marburger Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Außerdem ist er regelmäßig Mitglied von „Peacekeeping-Delegationen“ der UNO, die ihn unter anderem in Konfliktgebiete im Sudan und Südsudan oder die Westsahara führte. Seine Bewertungen fließen in die völkerrechtliche Arbeit der Weltorganisation ein. In Marokko beobachtet er mit zwei Doktoranden, die als Vertreter einer lokalen Menschenrechtsorganisation aktiv sind, einen Prozess um Protestaktionen gegen die Regierung, bei denen Polizisten getötet wurden. In diesem Zusammenhang beschäftigt ihn auch die Frage, ob unser demokratisches System in Ländern, die von verschiedenen Ethnien und Stammesgesellschaften geprägt sind, eins zu eins umgesetzt werden kann. Die Einflüsse und Auswirkungen supranationaler Organisationen und internationaler Regime auf die nationale Rechtsordnung, Öffentlichkeit und demokratische Legitimation sind ein weiterer Bereich, dem das Interesse Simons gilt. Auch seine Habilitation „Grenzen des Bundesverfassungsgerichts im europäischen Integrationsprozess“ ist in diesem Komplex angesiedelt.

Das Wirtschaftsvölkerrecht ist ebenfalls Teil seiner Professur. Schon die Promotion „Liberalisierung von Dienstleistungen der Daseinsfürsorge im WTO- und EU-Recht“ fiel in diesen Bereich, zu dem unter anderem die Beschäftigung mit internationalen Wirtschaftsverträgen wie TTIP oder CETA gehört. Deutsche und europäische Verfassungsgeschichte, die Verfassungsreform des Landes Hessen sowie das Kommunalverfassungsrecht sind ebenso Bestandteil des wissenschaftlichen Portfolios. Dass bei Letzterem auch Erfahrungen in der kommunalpolitischen Praxis hilfreich sind, hat Simon als Mitglied des Gießener Kreistags erfahren.

Von seinen Studenten erwartet der Juraprofessor, dass sie ihren Blick für internationale Sachverhalte schärfen. Diesem Ziel gelten auch Prof. Simons Bemühungen, weltweit Kontakte herzustellen und zu pflegen. So strebt er mit der Hilfe des europäischen Erasmus-Plus-Programms den Austausch von Studenten und wissenschaftlichem Personal mit der äthiopischen Hawassa-Universität südlich von Addis Abeba an. Unter diesen Aspekten ist bereits ein Abkommen mit der Kim-Il-Sung-Universität Pjöngjang in Nordkorea zustande gekommen. Exkursionen und Blockseminare vor Ort führen Studierendengruppen regelmäßig an die Standorte von UN-Organisationen in der Schweiz sowie den internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Welche Impulse gab es für den jungen Professor, sich gerade der „Juristerei“ zu widmen? Da war, wie er schmunzelnd bekennt, zunächst die Fernsehserie „Ein Fall für zwei“ mit Günter Strack als Rechtsanwalt, die ihn als Jugendlichen begeisterte. Der eigentliche Impulsgeber für die akademische Laufbahn war sein Doktorvater Prof. Thilo Marauhn in Gießen. Schon früh bewegte sich Simon in internationalen Gefilden: So stehen Studienaufenthalte an der Universität Warwick (UK), in Brüssel und Genf, Referendariatszeiten in Anwaltskanzleien in Tel Aviv und Frankfurt sowie in der Ständigen Vertretung der BRD bei der UNO in New York zu Buche. Was treibt der Jurist, der in Buseck lebt, eigentlich in seiner Freizeit? Neben der Kommunalpolitik und einem Vorstandsamt im Landesverband der Europa-Union steht vor allem Bewegung auf der Agenda. Er joggt zweimal pro Woche, ist mit dem Fahrrad unterwegs und wandert gerne. Auch schon mal von Oberstdorf nach Meran über die Alpen.

von Norbert Wiedemer

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