Ein Körbchen pro Kind:

So hilft die Kindertafel Stadtallendorf

Neugierig stöbert Nrmin in den blauen Plastikkörbchen auf der langen Theke herum. Das Mädchen guckt unter eine Brötchentüte, ignoriert ein saftig aussehendes Hefeteilchen mit Mohn im Zuckerguss und greift zwischen den Bananen hindurch. „Super“. Ein grünes Marzipantäfelchen taucht in ihrer Hand auf. Mit einem Grinsen im Gesicht packt die Neunjährige den Fund ein und weitere Lebensmittel unter den Kinderwagen der kleinen Schwester.
Auch die große Einkaufstasche von Mutter Nahed Omar füllt sich. Den Inhalt von drei der vielen blauen Plastikkörbchen steckt die Familie ein. Vier Töchter gibt es, drei davon zwischen sechs und sechzehn – das Alter in dem sie Anspruch auf die Waren der Stadtallendorfer Kindertafel haben. Der Standort ist eine von sechs Ausgabestellen der Marburger Tafel und der einzige Standort, der ausschließlich für bedürftige Kinder gedacht ist.
mrlife hat die bunt bemalten Geschäftsräume besucht, die mit den vielen Körbchen, und mit den Menschen gesprochen, die sie dringend brauchen. Obst, Brötchen, Milch, Käse, Joghurt, etwas Butter – das ist immer drin im blauen Körbchen. Manchmal gibt es ein Extra, je nach Spendenhöhe. Es ist ein Freitagmittag Ende Januar. Da sind noch rot eingewickelte Weihnachtsmänner aus Schokolade vom letzten Weihnachtsgeschäft übrig. Die lassen sich nicht mehr verkaufen, die landen bei der Tafel. Nrmin freut sich. Auch die zweijährige Schwester Jana lacht mit Sahne verschmiertem Mund aus dem Kinderwagen heraus. Sie hat einen Schokokuss von den Tafel-Mitarbeitern bekommen.
Nrmin hat Spaß an diesem Mittag. Wie ein kleiner Ausflug zum Wochenende wirkt der Besuch der Familie. Erste Anlaufstelle an jedem Freitag ist die Kindertafel. So wie für über 150 Kinder aus Stadtallendorf. Angefangen hat die Tafel vor zehn Jahren mit 16 Kunden. Damals, als Schulen und Lehrer auf immer mehr hungrige Schüler im Unterricht aufmerksam machten.
Nur die Kinder haben Anspruch auf die Lebensmittel, die Eltern der Kleinsten gehen noch mit.
Nrmin kennt sich aus, sie ist registriert und zeigt eine kleine eingeschweißte Plastikkarte vor. Der Nachweis zur Bedürftigkeit ist Voraussetzung für den Besuch in der Kindertafel. Wände und Fenster der Geschäftsräume sind voller bunter Bilder - grinsende Fabelwesen, bunte Autos, knallige Filmposter. Das hübscht auf und ist gleichzeitig Sichtschutz nach außen. Gerade die Jugendlichen schämen sich für den unfreiwilligen Gang nach der Schule zur kleinen Anlaufstelle neben dem Schwimmbad, erzählen die Tafel-Helfer.
Nrmin nicht, sie hat gleich noch eine Freundin mitgebracht. Die Mädchen plappern unbeschwert drauflos, ärgern die große Schwester. Die rätselt gerade über ihre nächste Mathematiknote. „Ich bin ja gut in Mathe, Deutsch, Sport, und Werken mag ich auch“, erzählt Nrmin.
Viele Kinder und Eltern kommen an diesem Tag vorbei, holen sich ihre blauen Körbchen ab. So mancher bleibt auf einen kleinen Schwatz. Man kennt sich. Die Ehrenamtlichen sind Anlaufstelle wie Ansprechpartner, fragen nach den letzten Schultests, nach der Geburtstagsfeier letzte Woche, nach der Familie. Die Armut bleibt im Hintergrund, Thema ist sie nicht.
Bekanntermaßen rettet der gemeinnützige Tafel-Verbund Lebensmittel mit Schönheitsfehlern vor der Mülltonne zugunsten von Bedürftigen. Die Kindertafel kauft zusätzlich Milch ein. Nur so können die blauen Kinderkörbchen ausreichend bestückt werden. „100 Euro im Monat kostet die Milch – das geht nur mit Sponsoren“, sagt Kindertafel-Leiterin Angelika Dorn. Sie stellt mit Nrmin die leeren Boxen zur Seite, fragt nach der Schule, wie es zu Hause läuft. Viel Neues gibt es nicht zu berichten. Knapp ist das Geld bei der Familie, die vor drei Jahren aus Syrien flüchtete. Hartz IV, der Vater stockt mit Mini-Jobs auf. Mutter Nahed kümmert sich um die vier Töchter. „Die brauchen viel Essen und noch mehr, die Tafel hilft uns da“, erzählt sie. Wenn Jana aus dem Gröbsten raus ist, peilt die Mutter eine Ausbildung an. „Als Köchin oder Erzieherin – ich habe vier Kinder, das kann ich beides gut“, erzählt sie und lacht. Nrmin will mal Ärztin werden, sagt sie und tütet eine letzte Orange ein.
Winkend verlassen die letzten Familien die Tafel. Zurück bleiben vier Helferinnen und viel Aufräumarbeit. Dutzende leere Körbchen werden aufeinander gestapelt, warten auf die nächste Ladung Lebensmittel. Auf jene Waren, die schon zu lange im Markt liegen, die als überflüssig abgetan werden und die doch so vielen Menschen zumindest eine Woche lang das Leben erleichtern können.

Text und Fotos: Ina Tannert

Joomla Plugin