Der professionelle Herrenausstatter kniet auch schon mal nieder vor einem Kunden und stellt die passende Hosenlänge ein.

Es geht nicht nur um die Hose

Manche Männer müssen wie ein Esel durch die Stalltür

in ein Herrenbekleidungsfachgeschäft gezogen werden. Andere gehen gern hin, parken am liebsten derweil die Frau im Bällchenbad. Damit der Herrenausstatter die entscheidenden Tipps gibt. Wer will schon gesagt bekommen „Mein Mann ist etwas voll um die Hüften mit etwas kurzem Arm“. Oder „das braucht er nur zum zuhause Rumrutschen“. Ich habe einen Herrenausstatter getestet: Horst Kurz von Homberger´s in der Bahnhofstraße. Ich wusste nur, dass der Gürtel zum Schuh passen muss; das hat jedenfalls Lothar Matthäus mal gesagt. Der muss es wissen, schließlich hat er auch die Bibel übersetzt. Oder verwechsele ich da was?
Mit Anzug und Krawatte habe ich mich Herrenkleidungsspezialist Horst Kurz vorgestellt. Er zuppelte sofort an meiner Krawatte, sie sei ein, zwei Zentimeter zu kurz gebunden. Ich zog schnell den Hosenbund einen Tick höher. Die Spitze der Krawatte muss nämlich genau auf die Gürtelschnalle zeigen. Und dann packte Horst Kurz alles aus, was man über Anzüge wissen kann. Wie Zwischenlagen aus Ross- oder Kamelhaar in der Jacke für ein angenehmes Trageklima sorgen; wie die Ärmel bei hochwertigen Anzügen aufgeknöpft werden können; dass eine Viskoseeinlage das Revers aufstellt; und wie leichter Zug auf dem Schließknopf Disziplin beim Stehen erzeugt.

"Die besten Weber sitzen in Italien"

Disziplin beim Stehen? Und es stimmt. Wenn der Bauch bequem nach vorn in die Jacke kippt, kommt Spannung auf den Knopf. Das macht Zugfalten. Das sieht nicht aus. Und überhaupt die Knöpfe: Die müssen aus Horn sein und ein Gesicht haben. Plastikknöpfe haben kein Gesicht. Und wenn das Hosenbein beim Gehen oder Sitzen nach oben wandert, dürfen keine Tennissocken sichtbar werden; auch keine Haut. Deshalb tragen stilbewusste Herren Kniestrümpfe. Passend zum Anzugstoff. Und überhaupt der Oberstoff: „Die besten Weber sitzen in Italien“, sagt Horst Kurz. Zegna, Loro Piana, Colombo. Der Fachmann kennt die. Der Fachmann weiß auch, dass man für einen Anzug etwa 3 Meter Stoff und fast einen Kilometer Nähfaden braucht. Und dass Anzüge je nach Schnitt mehr im Nacken oder mehr auf den Schultern aufliegen. Und dass die Ärmel nicht zu lang sein dürfen. Einmal, weil die Hemdmanschette rausgucken muss und zum anderen, weil es sonst nach geborgt vom großen Bruder aussieht. Kürzlich sagte ein Kunde bei der Anprobe: „Jacke ist egal, mir geht’s um die Hose“.

 

von Günter Gleim

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