Entdeckt "immer wieder kleine Dinge": So die Meeresmotive in den Fachwerkbalken des Teeladens, der einst ein Fischgeschäft war.

„Verantwortung tragen“

 mrlife im Gespräch mit Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies

Seit zwei Jahren führt der tägliche Weg zur Arbeit Dr. Thomas Spies zu Fuß zu jenem Schreibtisch, vor dem er bereits als kleiner Junge stand - neben seiner Mutter, der Lehrerin und Stadtverordneten Pauli Spies. Von dem aus ein weiterer „politisch wichtiger und prägender Mensch“ im Leben des heutigen Oberbürgermeisters 22 Jahre lang das Geschehen in Marburg gestaltet hat: Dr. Hanno Drechsler.
Über ihn hat dessen Nach-Nachfolger Egon Vaupel einmal gesagt, er habe „Marburg gelebt“. Womit wir beim nächsten politischen Weggefährten von Bedeutung wären: Dem Vorgänger von Thomas Spies als „OB“, wie die Abkürzung für das Amt des Oberhauptes einer großen Stadt liebevoll bis ehrfürchtig heißt. Fortgesetzt wird die Reihe derer, denen eine besondere Rolle als politische Begleiter des Ur-Marburgers Spies zukommt, von Thomas Naumann, Ex-Vize-Landrat im Kreis - „einem immer hilfsbereiten Menschen mit prägender sozialpolitischer Radikalität, einem der auch erdet“, was Spies schätzt. Von Andrea Ypsilanti und von Norbert Schüren, dem Verleger, Kaufmann und Politiker, mit Wirken als Staatssekretär bis in die Bundesregierung hinein, und seit nunmehr mehr als 15 Jahren als Geschäftsführer der Marburger Stadtwerke tätig.
Eine Schar unterschiedlichster Charaktere als Weggefährten. Und sicherlich nur wenige Menschen können von sich behaupten, nicht nur mit allen einfach gut auszukommen - oder im Falle des vor 14 Jahren verstorbnen Dr. Hanno Drechsler es zu sein, sondern auch ein Miteinander mit jedem einzelnen zu pflegen.
Gerade war der Weg ins Amtszimmer im Marburger Rathaus für Thomas Spies nicht, auch wenn die Grundrichtung zum politischen Engagement im Hause Spies früh vorbestimmt war: Die Sozialdemokratie der Stadt ging ein und aus. So erlebte Thomas Spies  „professionelle Politik als Umsetzung des Projekts zur Verbesserung der Welt“, wie er erzählt. Hauptberuflich zunächst Arzt geworden, geht Dr. Spies pendelnd - natürlich von Marburg aus - nach Wiesbaden. Doch bevor er 1999 als Abgeordneter in den Hessischen Landtag einzieht, erfährt er, was es heißt, auf dem Weg auch Steine aus dem Weg zu räumen: So gilt es aufzuarbeiten, dass das Direktmandat im ersten Anlauf noch knapp an Frank Gotthardt geht.
„Eine Wahl ist schon eine besondere Art der Bewerbung – ganz öffentlich, und deshalb dauert es eine Weile bis so etwas wegsteckt ist.“ Und in dieser Situation wird Spies besonders bewusst, was wichtig im Leben ist: die Familie und insbesondere seine Frau Lorita „als Wegbegleiterin, als Gesprächspartnerin mit ihrer pragmatischen Haltung“. Er setzt sich erfolgreich ein Ziel: Von den annähernd 100 Kilogramm Körpergewicht - „während des Wahlkampfes zugenommen“ – wieder runter auf etwas mehr als 80 zu kommen. Unter anderem durch intensives Notarztwagen fahren - was er übrigens bis heute noch tut, wenn auch nur ab und an.
Doch was verbindet die drei Berufe auf seinem Lebensweg – Arzt, Landtagsabgeordneter und Oberbürgermeister? „Verantwortung für andere zu übernehmen und zu tragen“, muss er nicht lange überlegen. Kein Wunder auch, dass der Oberbürgermeister mit dem humanmedizinischen Doktortitel Rudolf Virchow - Arzt und Politiker aus dem 19. Jahrhundert - zitiert: „Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“ Und bei der Berufung wären wir wieder bei dem kleinen Thomas Spies, der mit „viereinhalb großer Bruder wurde und fortan Verantwortung trug“.
Und wenn er eine Stellenausschreibung für seinen Beruf als „OB“ verfassen müsste? Dann eine für „ein Mädchen für alles“. Bereit zu sein, sich den Überblick über eine ganze Stadt zu verschaffen, „ohne die Sensibilität für die kleinen Dinge zu verlieren“. Offen sein für Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen der Menschen. „Dabei ertragen zu können, manchmal am Ende doch selber die klare Linie vorgeben zu müssen.“ Sich über Ziele mit allen zu verständigen und zugleich für den Weg umsetzbare Schritte zu finden. Und sich mit Dingen beschäftigen, die auf den ersten Blick nichts mit dem Beruf zu tun hätten. Gerade hat der OB, der jetzt auch Kulturdezernent ist, ein Tanztheater besucht. „Das hilft beim Weiterdenken.“
Beim Blick nach vorne würde sich der Oberbürgermeister als Schlagzeile über einem Artikel „Marburg setzt nationale Standards im sozialen Zusammenleben und kulturellem Niveau“ wünschen, in dem ein Absatz auch dokumentiert, dass es keineParkplatzdiskussion mehr gibt. Apropos im Blick haben: Entdeckt ein
Mensch, der mehr als fünf Jahrzehnte in Marburg lebt – „der schönsten und liebenswertesten Stadt überhaupt“ - und in der Oberstadt aufgewachsen
ist, beim Gang durch die Gassen überhaupt noch etwas Neues? Auf jeden Fall. „Immer wieder kleine Dinge“, wie die Meeresmotive in den Fachwerkbalken des Teeladens, die nur mit dem Wissen zu erklären sind, dass sich dort einst ein Fischgeschäft befunden hat.

von Manfred Günther

 

 

 

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