Blick in einen Hochbehälter. Streng abgeschirmt von der Umwelt lagern hier Tausende von Litern sauberes Trinkwasser zur Versorgung der Marburger Bürger.

Marburgs Wasser

und das tiefe Loch im Schloss

Jeder Marburger Bürger braucht pro Tag knapp 120 Liter Wasser. Kein Problem – kommt ja aus dem Wasserhahn. Aber wie kommt das Wasser in den Wasserhahn? Noch im 19. Jahrhundert war man in den Dörfern froh, wenn es ausreichend Brunnen gab, an denen sich die einzelnen Haushalte Wasser schöpfen konnten. Für die Bewohner der Stadt Marburg gab es hingegen seit dem Mittelalter eine Fernwasserleitung aus der Marbach, die mehrere Wasserbehälter (Kumpe genannt) und Brunnen versorgte, so auch den auf dem Marktplatz, wo jeder Bürger Wasser schöpfen konnte.  Hausanschlüsse gab es ab 1893 mit dem Bau einer Fernwasserleitung aus Wehrda und dem Bau eines Hochbehälters auf dem Schlossberg. Noch 1936, als in Marburg schon Häuser an die Wasserversorgung angeschlossen waren, rechnete man 50 Liter pro Tag und Kopf; dazu 50 Liter für Kuh oder Pferd und gut 25 Liter für ein Schwein. Also ein Mensch entsprach im Wasserverbrauch rechnerisch einer Großvieheinheit. Weil der normale Marburger häufi ger duscht als Pferd und Kuh, kommt es heute zu diesem hohen Bedarf an Wasser. An sauberem Wasser. An Trinkwasser. Aus Marburger Wasserhähnen läuft Tiptop Trinkwasser. Das wird ständig geprüft. Aus 2 Quellen und 13 Tiefbrunnen fördern die Stadtwerke zusammen mit dem Bezug von dem Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke jedes Jahr 5 Millionen Kubikmeter Wasser und verteilen es mit 500 Kilometer Rohrleitung in jeden Haushalt. In jeden Stall, um die wenigen Groß- und Kleinvieheinheiten nicht zu vergessen. Und wie war das ganz früher? Im Keller des Landgrafenschlosses ist ein dickes Loch. Gut zwei Meter Durchmesser, 100 Meter tief und vielleicht 1.000 Jahre alt. Oben gemauert und nach wenigen Metern in den Fels gegraben – oder besser – gehämmert

Viele Millionen Jahre alter Buntsandstein trennt den Schlosskeller vom Grundwasserspiegel der Lahn. Außerdem hatte das Landgrafenschloss bis nach 1900 zwei Fernwasserleitungen, die bereits im 16. Jahrhundert angelegt worden waren. Dafür drehte sich an der Lahn ein Wasserrad mit einer Pumpvorrichtung, die Wasser auf den Schlossberg brachte. Ein kleiner viereckiger Turm neben der Freilichtbühne trug oben einen großen Messingbehälter, der mit dieser alten Pumpe gefüllt wurde. Das Grundprinzip, Wasser auf größere Höhe zu speichern, hat sich bis heute bewährt: Auch heute lagern in einem modernen unterirdischen Behälter auf dem Schlossberg mehr als eine Million Liter Trinkwasser, die in das Marburger Rohrnetz eingespeist werden.
Mehrere solcher Hochbehälter befinden sich auf den Bergen rings um Marburg. Natürlich wird kein Lahnwasser mehr verteilt, sondern das Wasser aus den Tiefbrunnen und den beiden Quellen. Wo früher noch die gemütliche Wasserpumpe an der Lahn in Betrieb war, in Ockershausen pumpte gar ein im Kreis laufender Esel, schaffen heute elektrische Pumpen das Wasser dorthin, wo es gebraucht wird. Wozu auch immer – zum Trinken, Duschen, Zähneputzen.

von Günter Gleim

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