Ein Acker mit Geschichte(n)

Mit ganzem Körpereinsatz lüften die Archäologen nahe Heskem die Geheimnisse des Ackers

Über Jahre und Jahrtausende wurde er aufgerissen,

in Furchen geteilt, geschlagen, durchlöchert und geradezu überrannt. Genauer gesagt rund 7000 Jahre lang. Doch nie zuvor erfreute er sich dermaßen großer Aufmerksamkeit wie heute. Nie zuvor wurde sein Innerstes so akribisch, sorgfältig, fast liebevoll, aufgewühlt. Die Geschichte eines Ackers, der gerade Geschichte schreibt.
Dort siedelten sie, die jungsteinzeitlichen Bandkeramiker, wie überall in Mitteleuropa seit etwa 5500 vor Christus. „Dort haben die Menschen sicher gerne gesiedelt, die Siedlung ist recht groß für jene Zeit“, sagt Dr. Christa Meiborg vom Landesamt für Denkmalpflege.
Etwa 20 Langhäuser in Holzständerbauweise standen einst auf dem heutigen Ausgrabungsgelände. Geschwungene Linien aus Schwarzerde kennzeichnen die Grundrisse. Sie geben einen „geologisch gebildeten Horizont“. Eichen- oder Lindenstämme bilden das Gerüst, Rutengeflecht mit Lehm verputzt die Wände. Alles in mühevoller Arbeit mit Steinbeilen gefällt und zurecht gehauen. Der Alltag in grauer Vorzeit bestand aus vielen Kraftakten.
Grundlagen für Werkzeug fand der innovative Steinzeitmensch in der Umgebung. Knochen, Holz, Stein. Lehmgruben zwischen den Häusern lieferten Baustoffe, auch für Geschirr. „Die Bandkeramiker waren die ersten, die aus Ton Gefäße gebrannt haben“, erklärt Meiborg. Ein wichtiger Aspekt der neu gewonnenen Sesshaftigkeit.
Denn Häusle bauen, an ein und demselben Ort verweilen, Nutztiere züchten, Nahrung anpflanzen und lagern - all das ist neu in der europäischen Jungsteinzeit. Einfach war der Wechsel vom Nomadentum zur vielschichtigen Bauernkultur sicher nicht. Dennoch weit fortgeschritten. Archäologen gehen davon aus, dass sich bereits neue kulturelle Besonderheiten etabliert hatten. Totenkult, Schmuck, Haartrachten, Kopfbedeckungen, Kleidungsstile, Werkzeug. Hypothesen gibt es viele.
Die Reste dieser bedeutsamen Revolution finden sich noch heute verstreut im Ackerboden. Steinbeile, Mahlwerkzeug, unzählige Scherben von Tongefäßen. Verziert mit charakteristischen Bandmustern aus wellen- und spiralförmigen Linien. Daher der Name der Linearbandkeramischen Kultur. Die zählt als erste Bauernkultur Mitteleuropas.
Den Spuren unserer Urahnen gehen Dutzende Grabungshelfer und Archäologen der Wissenschaftlichen Baugrund-Archäologie seit Ende 2016 akribisch auf den Grund. Sie legen frei, dokumentieren, sammeln, lagern ein. Noch bis Ende des Jahres wird weiter gegraben auf einem historisch bedeutsamen Acker, der bislang nur einen Bruchteil seiner Schätze und Geschichten preisgegeben hat. Er wird mit der anstehenden Ortsumgehung verschwinden und seine noch nicht gelüfteten Geheimnisse, die vielleicht noch viel tiefer vergraben liegen, mitnehmen.

Text u. Fotos: Ina Tannert

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