Ein Satz zum Nachdenken: „Zuviel Ehrgeiz ist kontraproduktiv“ meint der Olympiateilnehmer von London (2012) und Rio (2016).

„Ich bin völlig mit mir selbst“

Von Niederklein nach Rio:

Sportschütze Julian Justus ist Teil des deutschen Olympiakaders

Verbissenes Gesicht, hitzköpfig, hoch ehrgeizig: Wenn es irgendein Klischee gibt über Sportschützen – Julian Justus erfüllt es nicht. - „Ehrgeiz ist kontraproduktiv in diesem Sport“, findet der, der sich „hochgeschossen“ hat: Durch alle Ligen, bis an die deutsche Spitze. Von Niederklein nach Rio. Bis in den Olympiakader.
Julian Justus wirkt gelassen. Er schießt, seit er 15 ist. Bei Ferienspielen im Jahre 2003 entstand der Kontakt zum Luftgewehr und „der Funke sprang über.“ So nennt es der 29-jährige rückblickend, das An-Sich-Arbeiten-Wollen. Das müsse da sein, sagt er, „wenn man sich entwickeln will“.
Besser zielen. Besser treffen. Besser sein. Für sich selbst. „Das macht die sportliche Komponente aus,“ sagt Julian Justus.
 Im nacholympischen Jahr treffen wir uns beim Schützenverein im Stadtallendorfer Stadtteil Niederklein. Zur Übungsstunde kommen nach und nach Vereinskameraden durch die Tür. 166 Mitglieder, allein 40 neue zu Jahresbeginn. Die Jugendarbeit ist rege, auch Mädchen sind dabei. Nachwuchssorgen im Verein – das kennt man hier nicht.
Wie seine Mannschaftskameraden auch, so schätzt auch Julian Justus, der ursprünglich aus dem Homberger Stadtteil Appenrod stammt und seine ersten Schussversuche beim Homberger Schützenverein machte, die Infrastruktur der Niederkleiner Schützen. Wetterunabhängiges Training mit einer 100-Meter Bahn im geschlossenen Raum bietet nicht jeder Verein.
Warum Schießsport populär ist? Dem Zeitgeist genau entgegen – eine Theorie.
In einer Welt des Dauerkontaktes – immer irgendwo mit irgendwem auf irgendwelchen Kanälen – ist man beim Schießsport allein. Allein mit sich selbst. „Man ist gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen“, sagt Justus. Besser anvisieren, ruhiger werden, Fehler vermeiden.
„Es gibt für mich keinen Antrieb, den perfekten Wettkampf zu schießen,“ stellt er klar.  Man ruht in sich, sagt er. Und vor allem: Man kommt runter.

Der Antrieb, an das Optimum zu kommen

Wenn Julian Justus vom „KVP“ erzählt, vom kontinuierlichen Verbesserungsprozess, dann spricht der Maschinenbauer. „Im Maschinenbau ist das nämlich so,“ sagt er, „und hier auch.“ Über den Schießsport kam Justus zu seinem Beruf und schließlich zu seinem Arbeitgeber, der Firma Anschütz aus Ulm, Hersteller von Jagd- und Sportwaffen. „Als gelernter Maschinenbautechniker konstruiere ich selbst, was ich schießen will.“ Das ist ein Wort.
Was ich schießen will – das liegt vor uns. Das Sportgerät wird wie ein Instrument transportiert, in einem stoßsicheren Koffer mit Griff. Der Anblick der Waffe, mit allen Details, nötigt dem Betrachter Respekt ab. „Nicht Waffe. Sportgerät“, korrigiert Justus.
Bis zu 5,5 Kilogramm wiegen Luftgewehr und Kleinkaliber – die Waffen, mit denen Julian Justus olympisch unterwegs ist. Aus 10 Metern Entfernung muss er ins Schwarze treffen. Oder möglichst nahe heran. 
Doch es geht noch härter. Im sogenannten 3-Stellungs-Kampf, im Liegen, Knien und Stehen, hat es ein Sportschütze mit bis zu 8 Kilogramm zu tun. Spätestens jetzt wird klar, warum der Sportschütze auch Sportschütze heißt. Er selbst muss fit sein - und sein Puls niedrig.
Wie es mental aussieht? Vorurteilen begegnet Justus persönlich nicht. Im privaten Umfeld gibt es keine Spannungen, weil Julian Justus Waffen baut und sie auch sportlich einsetzt. Mit seinem Privatleben steht dies im Einklang. Auch seine Freundin ist Sportschützin.
Dass Waffenbesitz zwangsläufig zum Missbrauch anregt, kann Julian Justus nicht unterschreiben. „Unter Schützen gibt es weniger Hitzköpfe und Hektiker als anderswo,“ ist seine Erfahrung. Die Welt aus Edelstahl, Carbon und Nussbaumholz allein forme keinen Täter. Denn das Problem sei nicht die Waffe, sondern der dahinter.

Von Angela Heinemann/ Foto: Uwe Brock

 

 

 

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