Hölle und Titanen

Mit Opel durch die Provence: Von Marseille über Salon und Gordes bis nach Les Baux

Von Günther Koch/Life-Magazin

Blick auf den Klosterberg von Notre-Dame de Beauregard bei Orgon. Foto: Koch

Salon-de-Provence/Les-Baux-de-Provence – Die Provence! „Jeder scheint zu glauben, die Region zwischen Mittelmeer, dem Tal der Rhône und Italien wenigstens ein bisschen zu kennen“, sagt Kimberly Lauret, „als Heimat von Lavendel und Parfüm, Bouillabaisse und Ratatouille, Amphitheatern und Aquädukten.“ Doch die Provence sei „vielfältiger und geheimnisvoller als zunächst vermutet“, stellt Lauret fest, die eigentlich von der Insel La Réunion im Indischen Ozean kommt, inzwischen aber für den deutschen Autobauer Opel in Frankreich arbeitet – und für die Rüsselsheimer zuletzt aus Anlass der Fahrvorstellung des neuen Insignia GSi in Marseille einen Reiseführer zusammengestellt hat über die Region, an die sie, so schein es, ihr Herz verloren hat.  

Wo der Mistral weht

Mitte Februar. Der Mistral hat ganz schön aufgedreht, fegt über den Küstenstreifen bei Marseille entlang, der mit rund 900 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Frankreichs, seit jeher bedeutender Handelsplatz, nach wie vor größter Hafen im Land und Hauptstadt der französischen Mittelmeer-Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Noch scheint die Sonne, auch über dem Michelin-Testzentrum in Salon-de-Provence, auf dem wir mit dem GSi einige Runde drehen. Wir sollten es genießen, denn die Aussichten für den Tag danach sehen alles andere als sonnig aus …

Von Nostradamus bis Cardin

Wir sind in der Heimat von Nostradamus unterwegs, der in Saint-Rémy-de-Provence geboren, als Astrologe später durch seine Prophezeiungen berühmt geworden ist. Von Vincent van Gogh, dem  Maler, eigentlich Niederländer, im Herzen aber Provenzale, der als bedeutend und doch, so Lauret, „irgendwie als unvollkommen“ gilt. Von einem Dichter, dessen Kindheit in der Provence offenbar so inspirierend war, dass er in den 1920er-Jahren damit begonnen hat, daraus große Literatur zu machen. Unsere Begleiterin fragt, wer das gewesen sein könnte. Marcel Pagnol vielleicht, von dem wir die Kinoverfilmungen „Der Ruhm meines Vaters“ und „Das Schloss meiner Mutter“ gesehen haben? Und dann ist da noch der Mann, der in der Provence angeblich 40 Häuser und das Château de Lacoste besitzt, in dem einst Marquis de Sade residiert haben soll, bekannt durch pornographische, kirchenfeindliche und philosophische Romane, die er während verschiedener Aufenthalte im Gefängnis geschrieben hat. Lauret gibt einen Tipp, verweist auf einen „Schneider und Geschäftsmann“. Das kann dann eigentlich nur Pierre Cardin sein, oder?

Eines der schönsten Dörfer im Land

Von Salon-de-Provence folgen wir der Route zunächst nördlich, überqueren die Durance, biegen bei Cavaillon Richtung Lacoste ab, fahren an Abt vorbei und erreichen Gordes, eines der schönsten Dörfer Frankreichs. Es zählt rund 2000 Einwohner, liegt reizvoll über 630 Meter hoch auf einem Felssporn im Luberon über dem Fluss Coulon mit engen Gassen und hohen, schmalen Häusern. Beim Château de Gordes handelt es sich um eine massiv befestigte Burg, ursprünglich aus dem 11. Jahrhundert. Der Brunnen davor war  lange einzige Wasserstelle im hochgelegenen Ortskern. Zum Palais Saint Firmin gehört ein Park, der Palast verfügt zudem über imposante Gewölbekeller, Zisternen und Ölmühlen. Ältere Einwohner erinnern sich, dass der Maler Marc Chagall im Zweiten Weltkrieg in das von den Deutschen damals noch nicht besetzte Dorf geflüchtet ist, zu dessen Füßen heute noch alte Waschhäuser, eine Wassermühle und verschiedene kleine Kapellen stehen, eine sogar direkt in den Fels gegraben. In der Nähe finden sich ein Zisterzienserkloster, die Ruinen einer Benediktinerabtei und ein Areal, auf dem alte Steinhüten in Iglu-Form zu sehen sind, einst von Einheimischen gebaut und bewohnt.

Oliven, Trüffel, Wein

Das Umland von Gordes gehört zum Weinbaugebiet der Côtes du Ventoux. Regionale Trauben, Kirschen, Mandeln, dazu Lavendel und Eichenholz etwa für die Fassbinder landen auf den lokalen Märkten. Und Oliven und Trüffel, die auch für Kimberly Lauret zu den drei Dingen gehören, die ein Mensch angeblich braucht, neben dem Wein. Die Oliven seien am „Baum des Lebens“ mit den Griechen in die Provence gekommen. Echte Trüffel, am besten schwarze, seien die Diamanten der Region, berühmt, betörend und teuer, je nach Qualität pro Kilo bis zu 1000 Euro. Der Weinbau schließlich habe ebenfalls von der Provence aus, aus der meist Rosé- und Rotweine kommen und wo die wichtigsten Rebsorten Barbaroux, Syrah, Grenache, Mourvédre, Cabernet Sauvignon und Cinsault sind, das ganze Land erobert.

Wie in Dantes Inferno

Von Gordes fahren wir an L’Isle-sur-la-Sargue vorbei, nehmen ab Châteaurenard den Weg Richtung Süden durch den Parc Naturel des Alpilles bis Les-Baux-de-Provence, wo wir uns in der vom Bauernhof zur Nobelherberge umgewandelten Domaine de Manville einquartieren. Entlang der Route erstreckt sich das für seine wilden, von der Erosion gezeichneten Felsformationen berühmte Höllental Val d’Enfer. Die Höhlen sollen denen aus Dantes Inferno gleichen, betont Lauret. Auch würden Menschen in ihnen „mit der richtigen Fantasie“ die schrecklichen Figuren aus der Hölle erkennen … Das Tal bildete 1959 übrigens laut Lauret die perfekte Kulisse für die Dreharbeiten zu Jean Cocteaus Film „Das Testament des Orpheus“ mit Jean Marais damals in der Hauptrolle.

Seitdem feuerrot gefärbt

Und wenn wir schon hier in dieser Gegend sind, die sich durch Felsen und Steine augenfällig von der übrigen Provence unterscheidet: Schon die Griechen soll dieses Phänomen beflügelt haben, denen zufolge Herakles auf dem Rückweg von Spanien in Les Baux von den ligurischen Ureinwohnern der Provence angegriffen worden sei, die ihm eine in Spanien erbeutete Herde hätten rauben wollen. Weil der hilflose Grieche zuletzt über keine Pfeile mehr verfügt habe, sei ihm Zeus, der Göttervater, mit einem Steinhagel auf die Ligurer zu Hilfe gekommen, so dass die heutige Form der Landschaft entstand. Lauret kennt eine ähnliche Geschichte – und die geht so: Vor langer, langer Zeit haben Titanen demnach die Provence erobern wollen. Doch die Einheimischen verteidigten ihre Heimat tapfer. Die Titanen zogen sich in eine Höhle der Monts de Vaucluse zurück, bauten dort eine gigantische Feuerkanone und feuerten diese aus Rache noch einmal auf die Berge rund um Roussillon, was den Boden seitdem feuerrot färbt. „Selbstverständlich“, versichert unsere Begleiterin mit einem Augenzwinkern, „eine wahre Geschichte …“

Und dann tatsächlich noch Schnee

Die am nächsten Vormittag, als der Mistral dunkle Wolken über die gesamte Region treibt, es bei der Rückfahrt zum Flughafen nach Marseille plötzlich tatsächlich heftig anfängt zu schneien, sich vom einen auf den anderen Moment Unfälle ereignen und Staus bilden, hat sich jedoch wirklich zugetragen: Schnee nicht nur in mittleren oder höheren Lagen, sondern ganz unten, wo das Land endet und das Meer beginnt. In der Provence!

Info Provence I

Die Region im Südosten Frankreichs liegt im Département Provence-Alpes-Côte d’Azur am Mittelmeer zwischen demRhône-Tal und Italien. Hauptstadt ist Marseille. Neben Nizza, Toulon und Aix-en-Provence sind etwa noch Avignon, Arles, Gap, Orange, Carpentras und Menton bekannt. Sehenswert in Arles ist das Amphitheater, in Orange sind es römisches Theater, der Brückenbogen an der Straße nach Lyon und das römische Aquädukt Pont du Gard über den Gardon, in Avignon die von einer Mauer umgebene Altstadt mit Papstpalast. Vor allem Gemüse und Obst werden angebaut. Aus der Provence kommen sehr gute Weine und Olivenöle. Die Lavendelfelder dienen der Parfümproduktion. Im mediterranen Klima sind die Sommer heiß und trocken, die Winter mild und sonnig. Hügelketten wie Luberon und Trévaresse bieten wenigstens etwas Schutz vor dem gefürchteten Mistral.

Info Provence II

Wir waren untergebracht in Les-Baux-de-Provence in der Domaine de Manville (fünf Sterne, 30 Zmmer/Suiten, moderne Einrichtung, ländliche Umgebung, Golfplatz, www.domainedemanville.fr). Für einen Zwischenstopp können wir in Gordes das Petit Palais d'Anglaé (hübsches, kleines provenzalisches Hotel, Blick auf die Lubéron-Berge, www.petitpalaisdaglae-gordes.com) empfehlen. Typische Gerichte sind neben der Bouillabaisse sind etwa Bourride, die mit Rindsgulasch geschmorte Daube Provencale, Ratatouille-Gemüse, Pistou-Gemüsesuppe, die Salate Nicoise und Mesclun. Weißer Nougat kommt aus Montélimar, kandiertes Obst aus Apt, Socca-Pfannkuchen und Píssaladière-Zwiebelkuchen aus Nizza, Calissons aus Aix, Trüffel aus dem Vaucluse-Gebirge. Die roten Weine der Region gelten als eher kraftvoll und geschmeidig, die Rosé als überaus fruchtig, die selteneren Weißweine als aromatisch; langlebigere Spitzenrotweine sind Châteauneuf du Pape, Girondas, Bandol und Palette. Information: Atout France, Französische Zentrale für Tourismus, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/Main, Telefon 069-745556, www.france.fr.

Service Auto

Wer den eigenen Wagen mitnehmen will: Ab Basel sind es über Besancon, Lyon, Orange und an Avignon vorbei bis Marseille an der Küste noch etwa 720 Kilometer. In Orten ist 50, außerhalb 90, auf Schnellstraßen je nach Ausbau 90 oder 110, auf Autobahnen Tempo 130 erlaubt. Die Promillegrenze liegt bei 0,5. Mit der Bahn kann man über Paris und Lyon bis Avignon, Aix-en-Provence oder Marseille fahren, Die nächstgrößeren internationalen Flughäfen sind in Marseille und im etwa 200 Kilometer entfernten Nizza. Die Reise in der Provence fand in der Neuauflage des sportlichen Opel-Flaggschiffs Insignia GSi statt, der als Turbobenziner und als Turbodiesel mit 260 und 210 PS als Grand-Sport-Limousine und Sports-Tourer Kombi ab 45 595 bei den Händlern steht.

27. März 2018

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