Weinbau im Rheingau

Michaela Gerhard vom Hattenheimer Weingut Leon Gerhard im MrLife-Gespräch

Von Günther Koch/Life-Magazin

Winzerfamilie Gerhard: (von links) Tochter Michaela, Mutter Gudrun, Vater Werner und Tochter Daniela. Foto: Steinmetz

Hattenheim – Mit welchen Erwartungen sie 2018 als Winzerfamilie eigentlich ins neue Jahr gegangen sind? „Man wünscht sich natürlich schon“, sagt Michaela Gerhard vom Familienweingut Leon Gerhard in Hattenheim im Rheingau, „dass der 2017er-Jahrgang in der Flasche ein schöner Wein wird, von Kunden wertgeschätzt wird und ihnen viel Freude bereitet.“

Und was Sie sich im vergangenen Jahr weinbau- und weinmäßig von 2017 erhofft haben, ist das denn wenigstens eingetroffen?

Michaela Gerhard: Wettermäßig nicht immer alles, aber natürlich erhofft man sich immer eine geregelte Vegetation ohne starke Wetterumschläge und eine gleichmäßige Gärung im Keller.

Wie war denn der Jahrgang 2017 überhaupt?

Michaela Gerhard: Er zeigt sich beim Probieren als schöner, sauberer und runder Wein, hat trotz der Wetterumstände eine gute Qualität gebracht, jedoch in geringerer Menge.

Wie war es während der Vegetationszeit?

Michaela Gerhard: Da gab es ein gutes Rebenwachstum und einen knapp zehntägigen Vorsprung gegenüber dem Durchschnitt. Ende April allerdings hatten wir in einigen Bereichen vom Rheingau Frost, am 1. August Hagel und Sturm sowie ein feuchtwarmes Klima mit Starkregenereignissen im August/September. Das hat die Menge in manchen Orten stark reduziert und die Trauben teils geschädigt. Die vermehrte Arbeit im Weinberg, die dadurch nötig wurde, zeigt sich jetzt im Glas als lohnenswert.

Was zeichnet die Lagen im Rheingau, die Reben und die Weine, die daraus entstehen, im Gegensatz zu anderen Weinanbaugebieten besonders aus?

Michaela Gerhard: Unser Anbaugebiet liegt hauptsächlich entlang der Rheinstrecke, die von Ost nach West und weiter in der Verlängerung des Mains verläuft. Somit haben wir eine südliche Ausrichtung unseres Anbaugebietes und im Norden den Taunus als Schutz. Außerdem haben wir von Lorchhausen bis Wicker unterschiedlichste Anbaubedingungen durch das ehemalige Mainzer Becken, das unsere Bodenstruktur stark geprägt hat. Das komplette Anbaugebiet hat sich mit knapp 80 Prozent besonders auf die Rebsorte Riesling spezialisiert und im Rotweinbereich auf den Spätburgunder.

Generell zur Situation der Winzer im Rheingau: Wo sind die im nationalen, wo im internationalen Bereich einzuordnen?

Michaela Gerhard: Der Rheingau ist besonders für seinen Riesling im nationalen/internationalen Bereich und der damit verbundenen Tradition bekannt. In der Weinbranche hat der Rheingau zudem für seine weinbauliche Ausbildung durch die Hochschule Geisenheim University einen sehr guten Ruf. Im In- und Ausland trifft man immer wieder Kollegen, die hier zum Studieren waren.

Wenn Sie gestern und heute vergleichen: Was hat sich in der Vergangenheit am meisten geändert bei Ihrer Arbeit?

Michaela Gerhard: Wir haben noch das eine oder andere Foto, als die Weinberge nur mit dem Pferd oder dem Ochsen bearbeitet wurden, heute haben wir Traktoren und andere maschinelle Unterstützung. Natürlich gibt es auch im Keller die eine oder andere Neuerung und auch im Büro beziehungsweise der Vermarktung hat sich vieles geändert.

Was denn zum Beispiel im Keller und bei der Vermarktung?

Michaela Gerhard: Im Keller sind es zum Beispiel die Filtersysteme, die immer noch in Feinheiten weiterentwickelt werden, oder die Keltertechnik, die je nach Rebsorte und Philosophie ausgewählt wird. Bei der Vermarktung hat sich natürlich durch das Internet einiges getan, Stichwort etwa Homepage und soziale Medien. Auch die Ausstattung wird immer wichtiger. Wenn mehrere vergleichbare Weine nebeneinander stehen, die man nicht kennt, greift man automatisch zu der Flasche, die einen optisch am meisten anspricht oder nimmt diese auch am liebsten als Geschenk.

Und worauf stellen Sie sich ein, was Ihre Arbeit in Zukunft betrifft?

Michaela Gerhard: Besonders im bürokratischen Bereich wird die Arbeit immer mehr. Auch die Vermarktung hat sich über den Handel, die Globalisierung und das Kaufverhalten der Konsumenten verändert.

Und wie?

Michaela Gerhard: Natürlich hat man immer noch seine Stammkunden, die größere Mengen abnehmen, die einem die Treue halten und deren Geschmack man über die Jahre kennen gelernt hat. Doch auch das Kaufen bei unterschiedlichen Weingütern in kleineren Mengen oder die Mitnahme einer einzelnen Flasche im Handel für den momentanen Gebrauch wird mehr. Durch die Globalisierung steht man dabei selbstverständlich auch mit ausländischen Weinen in direkter Konkurrenz. Im Gegenzug ergibt sich jedoch für deutsche Weingüter ebenfalls die Möglichkeit, sich im internationalen Bereich zu vermarkten.

Und im Weinberg selbst?

Michaela Gerhard: Da wird man ebenfalls immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt, etwa durch andere Schädlinge oder klimatische Bedingungen wie der viele Regen beziehungsweise der Sonnenbrand auf den Trauben in 2016 oder der Starkregen in 2017. Es wird also nie langweilig.

Stichwort Klima: Es heißt, Winzer seien einige der Wenigen, die vom Klimawandel, sprich: der Erderwärmung, profitieren. Stimmt das eigentlich?

Michaela Gerhard: Zum momentanen Zeitpunkt, ja. Aber ich denke, es bringt positive und negative Seiten für uns. Gerade das letzte Jahr hat gezeigt, dass das Wetter manchmal verrücktspielt, was eine Folge des Klimawandels ist. Andererseits hat es in den letzten Jahren immer eine hohe Qualität gegeben, auch in den einfacheren Lagen. Außerdem bringt es bessere Voraussetzungen für andere Rebsorten im Vergleich zum Weinbau von vor 50 Jahren, wobei der Rheingau seinem Riesling als Hauptrebsorte bestimmt treu bleibt.

Man kann also aktuell noch nicht genau sagen, ob der Klimawandel dem Weinbau schadet oder nicht?

Michaela Gerhard: Ja. Was man aber durchaus sagen kann, ist, dass er durch den Klimawandel um einiges unberechenbarer geworden ist und wir als Winzer immer schneller auf klimatische Extremsituationen reagieren müssen.

Wovon gehen Sie aus, was die künftige Arbeit im Weinberg, beim anschließenden Keltern und beim Reifeprozess betrifft?

Michaela Gerhard: Vor allem im Herbst und während der Lese muss man schlagkräftig sein, um die Trauben im optimalen Reifezustand in den Keller zu holen. Außerdem werden mehr qualitätssteigernde Maßnahmen im Weinberg durchgeführt wie das Entblättern, um möglichst gesunde Trauben bis zum Ende des Herbstes zu bekommen.

Wie sollte der 2018er-Jahrgang werden?

Michaela Gerhard: Durch den Rebschnitt ist der Grundstein dafür gerade erst gelegt. Wenn wir uns da etwas wünschen dürften, wäre eine gleichmäßige gute Vegetation ohne große Wetterumschläge das Wichtigste, um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Qualität und Quantität zu erreichen.

Michaela Gerhard

… vom Weingut Leon Gerhard in Hattenheim ist gelernte Winzerin, hat nach ihrer Ausbildung Weinbau und Oenologie in Geisenheim studiert. Um Erfahrungen zu sammeln, war sie im Anschluss für den Herbst in Weinbaubetrieben in Südtirol, Österreich und Neuseeland. Die 28-Jährige unterstützt Vater Werner, der das Weingut 1990 von den Eltern übernommen hat, in der Weinproduktion, und Mutter Gudrun, die für den Verkauf zuständig ist, hilft wie Schwester Daniela, Bankkauffrau und Bankfachwirtin, bei den Wein- und Hoffesten im Service. Die erste Flaschenabfüllung fand 1919 durch Urgroßvater Heinrich statt. Die Familie selbst ist nachweislich seit 1442 im Weinbau tätig, baut auf knapp fünf Hektar an Reben heute Riesling, Weißburgunder und Spätburgunder an. Vom 2016er-Jahrgang haben die Gerhards rund 40 000 Flaschen abgefüllt. Information: Weingut Leon Gerhard, Bergweg 5, 65347 Hattenheim, Telefon 06723-3335, www.weingut-leon-gerhard.de.

KoCom/Fotos: Weingut Leon Gerhard/Norman Steinmetz

2. März 2018

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