Süße Sünden am Tejo

Ein etwas anderer (Pastéis-)Streifzug durch die portugiesische Hauptstadt Lissabon

Von Günther Koch/Life-Magazin

In Lissabon gibt es noch so etwas wie eine portugiesische Kaffeehaus-Atmosphäre. Foto: Koch

Lissabon – Die Stadt zieht an – nicht nur an sonnig-schönen Urlaubstagen, sondern auch oder sogar vor allem, wenn sich wie jetzt zu kühleren Jahreszeiten die melancholische Fado-Stimmung scheinbar noch stärker mit dem morbiden Charme der portugiesischen Hauptstadt mischt: Mit dem von Lissabon!

Zwischenstopp im Chiado

Wir sind im Zentrum mit seinen kleinen, holprigen Kopfsteinpflaster-Gassen  und mittendrin mit seinen gelb und rot leuchtenden Straßenbahnwagen, machen einen Zwischenstopp im Chiado, einem der für Lissabon-Kenner angesagtesten Altstadtviertel. Selbst Parkmöglichkeiten gibt es hier am Praca Luís Camoes. Der Bummel beginnt. Mit portugiesischem Kaffee und dem Stöbern in genauso hippen wie nostalgischen Boutiquen.

Mit Blick auf die Brücken

Auch wenn wir diesmal keine der beiden großen Brücken über den Tejo überqueren: Immer wieder eröffnen sich, je höher man sich in Lissabons Altstadt begibt, Blicke auf die markanten Bauwerke: die neuere, mit gut 17 Kilometern die längste Brücke Europas, die Ponte Vasco da Gama beim Parque das Nacoes, dem Gelände der Weltausstellung 1998, und die ältere, die 1966 nach vier Jahren Bauzeit nach der Nelkenrevolution eröffnete Ponte 25 de Abril, deren sanft gebogene Kabel das Gewicht von immerhin mehr als 70 000 Tonnen Stahl zu tragen haben.

In der Pastéis de Belem

Fast zu ihren Füßen, nicht weit vom bekannten Torre de Belém und nahe dem Jerónimo-Kloster, die Pastéis de Belém! Von den traditionellen, oben mit einem Hauch von Zimt versehenen Pastel de Nata dort erzählt man sich, sie seien eigentlich noch berühmter wie Portugals Fußballstar Cristiano Ronaldo. Und das will wahrlich was heißen!

Was mit den Mönchen begann

Der Überlieferung nach sind die Puddingtörtchen bereits vor dem 18. Jahrhundert von Mönchen aus dem Kloster nebenan hergestellt worden. Die Fábrica Pastéis de Belém hat die Produktion der Törtchen erst 1837 übernommen, da das Kloster infolge der Revolution von 1820 seine Pforten habe schließen müssen. Zu Spitzenzeiten sollen heute davon hinter großen Fenstern in der Pastéis bis zu 15 000 Stück pro Tag gebacken werden. Das Rezept bleibe aber geheim. Angeblich nur drei Personen sollen es kennen. Es werde sicher im Safé verwahrt …

Zum Kulturobjekt gewandelt

Beim Alcantara-Bezirk direkt unter der Ponte 25 de Abril ist das 1846 gegründete und später aufgegebene Industrieviertel 2008 in ein Kulturobjekt umgewandelt worden. Es stellt nun als eine Art schöpferische Insel die Heimat für kreative Köpfe aus Mode, Werbung, Medien, Kunst, Architektur, Musik und Gastronomie dar. Vieles aus den Ursprungszeiten der LX Factory, als die sie heute firmiert, ist erhalten geblieben, was die Atmosphäre in der Tat schon zu einer besonderen macht.

Kreativität und Individualität

Da ist zum Beispiel die von einem jungen Team geleitete Taberna 1300, auf deren Karte „portugiesisch inspirierte Speisen mit dem gewissen Etwas“ stehen, wie es ein Besucher formuliert. Die Ausstattung ist genauso kreativ wie individuell – bis hin zu einem Kranz aus Silberlöffeln als Dekoration für eine Deckenleuchte. Da ist die übersetzt „Lies langsam“ überschriebene Buchhandlung Ler Devagar, in der sich Tausende von Büchern um riesige Original-Druckmaschinen auftürmen. Nein, Ler Devagar ist keine normale Buchhandlung und Bibliothek, hat sich als Restaurant, Bar, Galerie und Konzertsaal gleichermaßen in der LX Factory positioniert.

„Schokolade macht glücklich“

Da ist Sofia Landeau. Die junge Frau hat zwei Masterabschlüsse in Design – und eine Leidenschaft für Schokolade. „Schokolade macht glücklich“, sagt sie. Mit Engelsgeduld, das finden Bekannte, habe sie das Rezept für ihren Schokoladen-Kuchen, natürlich ebenfalls sündhaft-süß, perfektioniert, über den die Zeitung „New York Times“ urteilt: „Teuflisch gut!“ Sofia hat natürlich auch den vom Lifestyle-Magazin „Time Out“ organisierten Wettbewerb gewonnen, bei dem es um den besten Schokoladen-Kuchen Lissabons ging. Bald darauf schon öffnete sie ihre Boutique. Da gibt es nur einen großen Tisch. Und der Duft von Schokolade liegt betörend in der Luft.

Rezepte nur im Kopf

Obwohl die Meisterin Angebote erhalten haben soll, Boutiquen etwa auf Hawaii zu eröffnen, scheint sie bislang selbst treu geblieben zu sein. Sie backt dem Vernehmen nach höchstens 40 Kuchen am Tag. Und die Rezepte? Klar, die gibt es nur in ihrem Kopf.

Info Lissabon I

Portugals Hauptstadt an der Mündung des Tejo in den Atlantik zählt rund 550 000, im Großraum gut zwei Millionen Einwohner. Die Anreise mit dem Flieger dauert etwa von Frankfurt/Main aus rund drei Stunden. Die Zeitverschiebung beträgt minus eine Stunde. Mit Englisch kommt man in der Regel gut weiter. Währung ist der Euro. Das Klima ist gemäßigt. Die Winter sind kühler, aber trotzdem meist mild, die Sommer warm. An der Küste weht fast immer ein frisches Lüftchen. Nach Lissabon kann man das ganze Jahr über reisen. Wir waren diesmal bei Cascais im Onyria Marinha (fünf Sterne, 84 Suiten/Zimmer, moderner Stil, inmitten eines Golfplatzes in einem Hain an der Küstenstraße, www.onyriamarinha.com) untergebracht.

Info Lissabon II 

Als Restaurant können wir in Lissabon unter anderem Darwin’s Café (höhere Preiskategorie, moderne eingerichtet, große Freiterrasse, nicht weit vom Torre de Belém direkt am Tejo, www.darwincafe.com) empfehlen. Kulinarische Spezialität im Land ist der Stockfisch Bacalhau, eine Art Nationalgericht, das sich in verschiedensten Variationen genießen lässt. Dazu passen frischer Grünwein Vinho Verde, hinterher ein Espresso-ähnlicher Bica in Form einer kleine Tasse mit schwarzem Kaffee, ein Bagaco-Tresterschnaps oder ein Aguardente-Branntwein. Information: Turismo de Portugal, Zimmerstraße 56, 10117 Berlin, Telefon 030-254-1060, www.visitportugal.com. 

Service Auto

Wer viel Zeit, Geduld und Ausdauer hat: Von der Grenze sind es über Basel und quer durch Frankreich sowie durch den Nordwesten Spaniens noch gut 2000 Kilometer bis Lissabon. Ausflüge mit dem Mietwagen lohnen erst am Tejo, dann am Atlantik entlang über Cascais und am Surferstrand Praia do Giuncho vorbei bis zum Cabo da Roca, Europas westlichstem Festlandspunkt, und über Sintra wieder zurück in die Hauptstadt. In Orten ist 50, außerhalb zwischen 90 und 100, auf Schnellstraßen 100 und auf Autobahnen Tempo 120 erlaubt. Die Promillegrenze liegt bei 0,5. Zum Flughafen Portela sind es vom Zentrum Lissabons nur etwa 20 Minuten.

KoCom/Fotos: Günther Koch

12. Januar 2018

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