Russische Reise

Ein Land, zwei Kontinente: Von St. Petersburg über Moskau nach Jekaterinburg hinterm Ural

Von Günther Koch/Life-Magazin

 

Mystische Stimmung: Am Grenzmonument im Ural zwischen Europa und Asien. Fotos: Koch

Moskau - Von Europa nach Asien. Von St. Petersburg über Moskau nach Jekaterinburg. Von der Newa über die Wolga und durch den Ural fast bis nach Sibirien. Lesen Sie das Tagebuch einer russischen Reise auf zum Teil unbekanntem und unwegsamem Terrain.

Erster Tag: Die Zaren-Stadt

Ankunft in St. Petersburg. Temperaturen schon gegen Ende Oktober nur noch knapp über 0 Grad. Es hat geregnet. Der Wind braust ganz schön auf. Erster Vorgeschmack auf das, was noch folgen wird. Vom Flughafen in die Stadt der Zaren, mit rund fünf Millionen Einwohnern heute die zweitgrößte Stadt Russlands. Einst Hauptstadt des Reiches. Meergeboren dort, wo die Newa in die Ostsee mündet. Buchten, Seen, Kanäle. Das Venedig des Ostens. Außen noch sowjetisch-grimmige Protz-Architektur. Im Zentrum aber verspielt-schmucke Häuser- und herrliche Palastfassaden. Winterpalais. Bernsteinzimmer. Eremitage. „Die Stadt von Peter dem Großen war schon immer“, sagt Jelena, die uns begleitet, „Russlands erstes großes Fenster zum Westen.“ Abends Dinner im Marmorpalast.

Zweiter Tag I: Mit Widrigkeiten

Das Abenteuer beginnt. 700 Kilometer zunächst bis Moskau, die Zwölf-Millionen-Metropole. Abfahrt vom St. Isaaksplatz. Noch bei Dunkelheit. Die Mahnung vom Vorabend bei der Einweisung wirkt nach: „Das ist keine Urlaubsfahrt, hier geht es um Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit!“ Die Widrigkeiten fangen an. Das Wetter. Die Straßenverhältnisse. Der Verkehr. Der Zustand, in dem sich russische Fahrzeuge nicht selten befinden.

Zweiter Tag II: Njet! Njet!

Kilometer 400. Fernstraße E95. Kühe, die plötzlich über die Fahrbahn laufen. Bremsmanöver. Ein Lkw kann nicht mehr ausweichen. Der Sicherheitsabstand. Dahinter bleibt einem Dritten mit seinem Pkw nur noch der Graben. Aus dem er sich so schnell wie möglich von einem Kleintransporter herausziehen lässt. Polizei? Njet! Njet! Nein! Nein! – warum auch immer. Vielleicht wegen Alkohol. Personen kommen nicht zu Schaden. Gott sei Dank! Weiter geht’s. Es wird dunkel. Auf einem Teilstück der breiten Zufahrt zur über elfeinhalb Millionen Einwohnern zählenden Hauptstadt Russlands fällt die komplette Straßenbeleuchtung aus.

Dritter Tag I: Im Kreml

Moskau. Fast märchenhaft. Bunte Zwiebeltürme. Wie Disneyworld. Nur ohne Mickey Mouse. Im Zentrum der Macht. Im Kreml. Die Zarenkanone, die niemals geschossen, die Zarenglocke, die niemals geläutet hat. Mächtig. Riesig. Gewaltig. Beide. Wie das Land. „Das alles“, glaubt Ludmilla, die uns durch die Festung führt, „sollte wohl auch russische Größe demonstrieren.“ Keine Flagge über dem Amtssitz des Präsidenten. „Wladimir Wladimirowitsch Putin“, vermutet unsere Begleiterin, „ist wahrscheinlich gerade nicht da.“ Start zum nächsten Teilstück am Roten Platz unterhalb der Basilius-Kathedrale.

Dritter Tag II: Zum „Goldenen Ring“

Je nach Zwischendurch-Abstecher um die 500 Kilometer bis Nischni Nowgorod. An der längsten Eisenbahnstrecke der Welt entlang. Der Transsibirischen Eisenbahn. Von Moskau bis Wladiwostok. Sechs Tage. 9300 Kilometer. Zehn Zeitzonen. 90 Städte. Hauptstraße 7 Richtung Osten. Zum „Goldenen Ring“. Marktbesuch. Inmitten von Pelzmänteln und Shakpa-Mützen. Stopp in Wladimir. Zentrum altrussischer Ikonenmalerei. Oder in Susdal. Mit Kloster, Mutter-Gottes-Kathedrale – und natürlich Zwiebelturm-Kuppeln. Gleich fünf. Und alle blau. Ja, hier könnte es sein. Hier nähern wir uns ihm. Dem Inneren. Dem Herz. Der Seele Russlands. Wohin sich ein St.-Petersburg- oder Moskau-Tourist wohl kaum verirrt.

Dritter Tag III: Erster Schnee

Zurück auf der Route. Birkenwälder. Immer wieder. Und lang gestreckt. Die Unsicherheit. Sind wir schon in einer Ortschaft? Oder nicht? Ist das noch eine Schnellstraße? Oder nicht? Polizei fast überall. Mit Laserpistolen. „Du kriegst angezeigt“, haben einige diese Erfahrung gemacht, „wieviel du angeblich zu schnell gefahren bist.“ Und der Deal beginnt. Ohne Beleg. Aber mit nach oben offener Grenze. Erste Schneeschauer setzen ein, teils schon heftig. Vorhersage: Keine Änderung.

Vierter Tag I: Früher Gorki

Blick aus dem Fenster. Schnee. Trübe Winterstimmung schon im Herbst. Minusgrade. Nischni Novgorod, früher Gorki und wegen der Rüstungsproduktion dort für Fremde bis 1991 gesperrt, erwacht grau in grau. Vor uns wieder rund 400 Kilometern durch Russlands Weite. Auf dem Highway M7, benannt nach dem mit über 3500 Kilometern längsten und wasserreichsten Fluss Europas, dem vielleicht russischsten aller russischen Flüsse, der Wolga. Schlechte Fahrbahndecken. Schlaglöcher. Starker Lkw-Verkehr. Und immer wieder Kontrollposten der Polizei.

Vierter Tag II: In Kasan

Fahrt durch Tschuwaschien. Mit dichterer Besiedlung. Und Europas größtem Stausee, dem von Samara. Alles in allem allein er gigantische 550 Kilometer lang. Die nächste Republik. Tatarstan. Wo nicht nur Erdöl gefördert und Erdgas gewonnen wird, sondern die Religionen Toleranz zeigen. Ankunft in Kasan, der Hauptstadt. Die mächtige Scharif-Moschee und die prachtvoll orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kathedrale thronen nebeneinander. In Kasans Kreml. Hoch über der Stadt. Einträchtig.

Fünfter Tag: Nach Perm

Das wird wieder lang! Rund 700 Kilometer. Aber mit zum Teil malerischen Orts- und Landschaftsbildern unterwegs. Und Holzhäusern, die so typisch sind für Russland. Nach Tatarstan jetzt Udmurtien. Mit vielfältiger Pflanzen- und Tierwelt. Und reichen Erdöl- und Kohlevorkommen. Die Schneefälle werden stärker. Die kleinste Steigung – und schon geht bei vielen Lkw nichts mehr. Ankunft im frostigen Perm. Russischer kann kaum eine russische Stadt sein. Kein Wunder, Perm hieß früher Molotow. Auf den gleichnamigen Cocktail, als Brandflasche oder Benzinbombe genauso berühmt wie berüchtigt, verzichten wir lieber.

Sechster Tag I: Zwei Kontinente

Das letzte Teilstück. Noch einmal rund 500 Kilometer. Diesmal durch den tief verschneiten Ural, der sich 2500 Kilometer durch den mittleren Westen Russlands zieht. Kilometer 241. Wir steigen aus, überqueren zu Fuß zwei Kontinente. Von Europa nach Asien. Die trüb-graue Stimmung am riesigen weißen Grenzmonument, der imaginären Trennlinie zwischen Europa und Asien, ist plötzlich gewichen, wandelt sich in fast mystisches Blau.

Sechster Tag II: Nur noch Sibirien

Was folgt, ist nur noch Sibirien. Gleich hinter dem Ural fängt es an, umfasst rund drei Viertel des russischen Staatsgebiets, ist mit etwa 13,1 Millionen Quadratkilometern nochmals rund 3,5 Millionen Quadratkilometer größer als die Volksrepublik China. Gigantisch! Wir sind in Jekaterinburg. Rund 1,5 Millionen Einwohner. Nach Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk viertgrößte Stadt im Land. Und Endpunkt unserer über 2700 Kilometer langen Tour. Benannt nach Katharina der Großen, der deutschen Prinzessin und späteren russischen Zarin. Zu Sowjetzeiten ebenfalls eine verbotene Stadt. Das frühere Swerdlowsk, das traurige Berühmtheit erlangt, als Bolschewisten dort 1918 Nikolaus II., Russlands letzten Zaren, ermorden. Samt Familie.

Sechster Tag III: Die Revolution

Russland 1917 und die Revolution! Weltgeschichte. Der nächste Jahrestag steht an. Rückblende. Am 7. November übernehmen die kommunistischen Radikalen unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin die Macht. Nach dem damals gültigen julianischen Kalender ist es der 25. Oktober. Deshalb auch Oktober-Revolution. Ein älterer Russe, den wir auf einer Parkbank sitzend darauf ansprechen, erzählt, was er aus der Schule weiß: „Arbeiter und Soldaten stürmen den Winterpalast, der Bürgerkrieg bricht aus, es gibt Millionen Tote. Und dann, im Nachgang, der Mord! Wo heute die ‚Kathedrale auf dem Blut‘ steht, da ist es passiert. Schauen Sie sich nur um. Im Wald erinnert eine Gedenkstätte an die Familie. Fragen Sie einfach nach der Holzkirche im Kloster Ganina Jama. Dann wissen Sie alles!“

Siebter Tag: Das große Finale

Die Sonne scheint, ein kalter November-Wind fegt durch den Westen Sibiriens. Tagsüber historische Vergangenheit. Die Romanows. Die Transsibirische Eisenbahn, mit 9288 Kilometern längste Bahnstrecke der Welt, Hauptverkehrsachse im Land mit über 400 Haltepunkten bis zum Pazifik. Der Hauptbahnhof von Jekaterinburg mit riesigen Gemälden, auf denen sogar Boris Nikolajewitsch Jelzin zu sehen ist, nach dem Untergang der Sowjetunion von 1991 bis 1999 Russlands erster Präsident. Abends Zirkusshow im Zirkuspalast. Kamele, Elefanten, Bären, Clowns, Akrobaten. Das ganz große Programm! Das große Finale! Schon hinter der imaginären Trennlinie zwischen Europa und Asien.

Info Russland I

Der Nachfolgestaat der Sowjetunion ist mit über 17 Millionen Quadratkilometern das größte Land der Erde, trotz der um die 145 Millionen Einwohner aber auch relativ dünn besiedelt. Die West/Ost-Ausdehnung beträgt etwa 9000, die Nord/Süd bis zu 4000 Kilometer. 21 Republiken bilden die Russische Föderation. Hauptstadt ist Moskau. Vor allem die Annexion der Krim 2014, in der Folge das weitere Vorgehen im Osten der Ukraine und das Eingreifen in den Bürgerkrieg in Syrien haben die Beziehungen zu anderen Staaten stark belastet. Wir sind von Frankfurt/Main aus im Flieger die fast 1750 Kilometer nach St. Petersburg angereist. Von Jekaterinburg zurück sind es nahezu doppelt so viele. Zur Einreise ist ein Visum nötig. Die Zeitdifferenz zu uns kann sich auf plus zwei bis plus zwölf Stunden belaufen. Amtssprache ist Russisch. Englisch hilft zumindest in den Zentren weiter. Landeswährung ist der Rubel. Das Klima reicht von gemäßigt über subtropisch bis polar.

Info Russland II

Wir waren von St. Petersburg bis Jekaterinburg in verschiedenen Hotels untergebracht. Deren Standard geht in Ordnung, hat sich zuletzt deutlich verbessert, ist wie in Moskau sogar teilweise sehr hoch. Die russische Küche ist in der Regel eine kräftig-deftige. Zu bekannten Gerichten und Zutaten gehören etwa Kaviar, Salzgurken, Soljanka-Suppe, Borschtsch-Eintopf, in Brühe gekochte und mit Fleisch gefüllte Pelmeni- oder Piroschki-Teigtaschen aus Hefe-, Blätter- oder Nudelteig, Bœf-Stroganoff-Filetspitzen aus sautierten Würfeln oder Streifen, Sauerkraut, Kohlrouladen und, natürlich, russische Eier. Was die Getränke betrifft, reichen die vom Wodka-„Wässerchen“ über alkoholhaltiges Medowucha auf Honigbasis, das gärige Kwaß, ein Brottrunk und Leichtbier, früher aus Getreide oder Stutenmilch hergestellt, bis hin zu Tee und, wenn‘s kälter wird, dem russischen Glühwein Sbiten. Internet-Information: www.russiatourism.ru.

Service Auto

Wer es tatsächlich mit dem Auto wagen will, auch mit Blick auf die Entfernungen in Russland selbst: Von Berlin bis St. Petersburg wären noch über 1720 Kilometer zu fahren, von Berlin bis Moskau fast 1820 und von Jekaterinburg zurück in diesem Fall ebenfalls nach Berlin kämen rund 3600 zusammen. In Orten ist in Russland Tempo 60 erlaubt, außerhalb 90, auf Autobahnen 100. Alkohol am Steuer ist verboten, die Promillegrenze liegt bei 0,0! Das Straßennetz wird immer dichter. Die Bahn nimmt besonders über längere Distanzen eine wichtige Rolle ein. Die Anzahl der Häfen und befahrbaren Wasserstraßen im Land ist beträchtlich. Mehrere internationale Fluggesellschaften, darunter Lufthansa, fliegen außer Moskau auch andere russische Städte an. Die bekannteste nationale Airline ist Aeroflot.

KoCom/Fotos: Günther Koch

14. November 2017

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