Auch ohne Party

Im Ibiza auf Ibiza / Wo Atlantis- und Ufo-Mythen noch lebendig sind / Fiesta für Jesús 

Von Günther Koch/Life-Magazin

Wie aus dem Reiseprospekt: Die Sonne geht unter über der Bucht von Talamanca. Foto: Koch

Ibiza – Den Ruf als Partyinsel hat Ibiza weg! Gefeiert wird meist in großen Bars, Clubs und Discotheken. Dass das vor allem in und um die Hauptstadt Ibiza-Stadt herum und in Playa d’en Bossa im Südosten passiert, hat auch sein Gutes, denn andere Gegenden der Insel, so sehen es Bewohner, blieben so vom Trubel und vom Lärm der Touristen doch weitgehend verschont.

Amtlich Eivissa

Die vorletzte Woche im September. Der spanische Autobauer Seat stellt auf Ibiza seine jüngste Produktneuheit vor: Im Ibiza auf Ibiza! Denn der, glaubt jedenfalls Bernhard Bauer, Deutschland-Chef der Marke, fühle sich hier wohl am besten an. Ankunft von Siava-Charterflug SVB 637 aus München etwas später am Vormittag. An der Fassade des Airports steht in großen Lettern – warum auch immer klein geschrieben – ibiza. Und gleich dahinter, ebenfalls mit kleinem Anfangsbuchstaben, eivissa, wie die Insel spanisch, katalanisch, amtlich und damit offiziell heißt. Die letzten Wolkenreste sind dabei, sich nach und nach zu verziehen. Die Sonne wärmt die Luft immer stärker auf.

Zuerst nach Es Cubells

Wir fahren erst einmal weg von Ibiza-Stadt, genau in entgegengesetzter Richtung, bleiben aber im Süden. In Es Cubells, dem 900-Seelen-Ort auf dem Berg Karmel, scheint der Touristenstrom zur Nachsaison hin schon etwas nachzulassen. Zumindest haben wir das gleichnamige Bar-Restaurant mit Freiterrasse an der Plaça Pere Francesc Palau gleich gegenüber der Kirche Mare de Déu del Carmel, einst eine Einsiedelei, fast für uns allein.

Der Felsen Sa Galera

Kleine Kiesel- und Sandstrandbuchten, meist geschützt unter Hängen, die mit Pinien bewachsen sind, prägen das Bild. Bei Cala d’Hort und den vorgelagerten Inseln Es Vedrà und Es Vedranell ragt der 385 Meter hohe Felsen Sa Galera aus dem Meer. Um Es Vedrà ranken sich viele Mythen und Gerüchte. Das Eiland soll letzter sichtbarer Teil des versunkenen mythischen Inselreichs Atlantis sein, erzählen Einheimische uns. Andere wollen Ufos da gesehen haben. Fest steht: Die Insel ist Naturschutzgebiet. Nur einige Ziegen leben dort, ausgesetzt angeblich einst von einem Mönch, der sich der Askese verschrieben hatte. Und: Mike Oldfield, der britische Pop-Instrumentalist, hat sie samt Felsen auf dem Cover seines 1996er-Albums „Voyager“ gezeigt.

Bis zur Punta de Torre

Strände, Strände, Strände! Der von Cala Comte, etwa 15 Minuten von Sant Antoni, dem Hauptort an der Westküste, entfernt,  ist ein weiterer davon, wird von Felsen und Dünen gesäumt, gilt sogar als einer der schönsten auf Ibiza. Vom ganz in Weiß gehaltenen Cotton Beach Club in Cala Tarida hat man einen herrlichen Blick auf den 800 Meter langen und maximal nur 30 Meter breiten Streifen. Etwas nördlich davon, an der Punta de Torre, erinnert der aus dem 18. Jahrhundert stammende historische Wachturm Torre d’en Rovira an Zeiten, in denen Ibiza noch kein touristischer Erholungsort moderner Prägung, sondern Rückzug- und Zufluchtsstätte für Piraten und Glücksritter war.

Und dazu noch überschaubar

Die Kollegin kennt Ibiza. Sie ist öfter hier, hat eine eigene Immobilie auf der Insel. „Ibiza ist selbst im Winter angenehm, das Klima beständig, ist relativ grün, neben Pinien noch mit Mandel- und Feigenbäumen bestanden, Hibiskus und Bougainvillea blühen.“ Mit rund 40 Kilometern Ausdehnung sei die Insel zudem überschaubar, man könne sie gut in einer halben bis dreiviertel Stunde durchfahren, komme besser in Kontakt mit den Leuten hier. „Und es gibt anders als auf Mallorca oder in Barcelona keine Ablehnung von Touristen, kein Protest gegen sie.“ Insbesondere der Norden sei noch nicht so überlaufen. 

Früchte für die Jungfrau

Von Sant Antoni an der Westküste geht es über Santa Gertrudis de Fruitera im Inselinneren und Santa Eulària an der Ostküste weiter nach Ibiza-Stadt. Wer will, kann kurz davor noch bei Jesús vorbeischauen! Es ist noch nicht so lange her, da hat der kleine Ort, der wie mancher andere im unmittelbaren Umfeld der touristischen Hauptstadt mittlerweile leider ebenfalls seinen ursprünglichen Charakter etwas verloren hat, am 8. September seine Fiesta de Jesús zu Ehren des Schutzpatrons gefeiert. Rund um die schöne Kirche Nostra Mare De Jesús mit dem berühmten Altarbild und 25 bemalten Tafeln aus dem 16. Jahrhundert finden nach der Messe dann den ganzen Tag lang Veranstaltungen statt. Es gibt einen Umzug mit Musik, ein Straßenfest und Livemusik. Und die Jungfrau von Jesús bekommt Früchte als Dank dafür, dass sie dem Ort in allen Turbulenzen ein weiteres Jahr beigestanden hat.

Vom Beach- zum Nightlife

Wir quartieren uns am späten Nachmittag im Nobu Ibiza Bay ein. Die Mitarbeiter am Pool sammeln bereits die Handtücher von den Liegestühlen ein. Auch der Strand dahinter leert sich immer mehr. Ibiza-Stadt, schon im 7. Jahrhundert vor Christus von den Phöniziern gegründet, flächenmäßig zwar die mit Abstand kleinste, mit fast 50 000 Einwohnern aber die größte Gemeinde der Insel, schaltet so langsam von Beach- auf Nightlife um.

Wie aus dem Reiseprospekt

Während wir vom Hotel unterwegs zum Abendessen in ein Lokal an der Promenade sind, malt der warme Spätsommer-Abend ein Bild wie im Reiseprospekt: Über der Bucht von Talamanca geht die Sonne erst goldgelb, dann immer orangefarbener unter. Hinten die Silhouette der Stadt. Links im Hafen ein Kreuzfahrtschiff mit erleuchteten Fenstern. Davor kleine Boote und große Yachten, die auf dem Wasser schaukeln. Von der „Patchwork“-Terrasse des Restaurants Sa Punta schweift der Blick hinüber zur befestigten Altstadt Dalt Vila, über der die Zitadelle mit den massiven Wehrmauern thront.

„Genau da, wo du sein willst“

„Schließe deine Augen“, haben Luna, Alexander und Wolfgang, die drei deutschen Betreiber einer Ibiza-Gin-Manufaktur in Santa Eulalia, gleich am Anfang auf ihrer Internetseite geschrieben. Und weiter: „Der Duft von Zitronenblüten, Wacholder, Pinien und Hitze steigt dir in die Nase. Du hörst die Zikaden singen. Du spürst die Sonne auf deinem Gesicht, den salzigen Atem des Meeres. Du bist genau da, wo du sein willst: Ibiza!“

Müde nach Hause

Am nächsten Morgen. Shuttle zum Flughafen noch bei Dunkelheit früh um sechs. Wir fahren durch die Stadt. Letzte Nachtschwärmer treten sichtlich müde den Heimweg an, verlassen die Clubs, warten an Haltestellen auf Busse, die sie in ihre Viertel oder zu ihren Unterkünften und Hotels außerhalb fahren. Sie haben wohl gefeiert. Einfach so. Die nächste Party.

Info Ibiza I

Die spanische Mittelmeer-Insel, etwa 100 Kilometer bis zum Festland, 150 bis Valencia, 265 bis Barcelona, mit dem Flieger von Deutschland in zwei Stunden erreichbar, ist nach Mallorca und Menorca mit rund 572 Quadratkilometern die drittgrößte der Balearen noch vor Formentera und Cabrera, zählt gut 142 000 Einwohner. Größere Orte sind nach Ibiza-Stadt im Südenosten etwa Santa Eulària im Osten und Sant Antoni im Westen. Das Innere ist hügelig, die 210 Kilometer lange Küstenlinie zerklüftet. Die Straßen sind gut ausgebaut, Radwege werden erweitert. Die Sommer sind warm, die Winter mild. Salinen haben der Insel früher einen gewissen Wohlstand gebracht. Heute lebt Ibiza, von den Karthagern Ibes, von den Mauren Yabisa, amtlich Eivissa genannt, insbesondere vom Tourismus mit zuletzt gut drei Millionen Gästen pro Jahr, anfangs vor allem Hippies und Aussteiger, für die die Insel Gegenpol zum damals schon vom Massentourismus bedrohten Nachbarn Mallorca war. 

Info Ibiza II

Wir waren in Ibiza-Stadt im Hotel Nobu Ibiza Bay (fünf Sterne, 152 Zimmer/Suiten, modern eingerichtet, an der Bucht von Talamanca etwas nördlich vom Zentrum, www.nobuhotelibizabay.com) untergebracht. An Restaurants können wir das Es Cubells im gleichnamigen Ort im Süden (Telefon 0034-0-971802797), in Cala Tarida im Westen den Cotton Beach Club (www.cottonbeachclub.com) und mit toller Dachterrasse das Sa Punta (www. sapuntaibiza.com) in Santa Eulalia bei Ibiza-Stadt empfehlen. Kulinarische Spezialitäten sind der Fischeintopf Bullit de Peix, die Arroz-à-Banda-Paella, Frità-de Pulpo-Tapa aus Tintenfisch mit Kartoffeln, Paprika, Zwiebeln und Knoblauch, Sobresada-Paprikawurst und Butifarra-Blutwurst. Fláo ist der Käsekuchen aus Ziegen- und Schafsmilch mit Anis und Hierbabuena-Minze. Heimische Weine werden aus der roten Monastrell- und der weißen Macabeo-Traube gekeltert. Der LAW Premium Dry Gin kommt aus Ibiza. Information: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt/Main, Telefon 069-725033, www.spain.info.  

Service Auto

Wer das eigene Auto mitnehmen will, etwa ganz bis nach Ibiza oder bis zu einem spanischen Festlandshafen: Fähren verkehren von Barcelona, Valencia und Dénia dorthin. Ab Frankfurt/Main ist die insgesamt dann knapp 21 Stunden dauernde Strecke mit der kürzesten Überfahrt ab Valencia fast 1900 Kilometer lang. Es gelten die spanischen Verkehrsregeln: Tempo 50 im Ort, 90 auf Landstraßen, 100 auf Schnellstraßen und 120 auf Autobahnen. Die Promillegrenze liegt wie bei uns bei 0,5. Der internationale Flughafen von Ibiza-Stadt findet sich nur etwa acht Kilometer südwestlich. Der Hafen der Hauptstadt ist zugleich Anlaufstelle für Kreuzfahrtschiffe. Wer die im Text beschriebene Route nachfahren will: Für die insgesamt rund 100 Kilometer sollten Sie etwa zweieinhalb Stunden einplanen. Die Reise auf Ibiza fand im gleichnamigen Seat-Kleinwagen statt, dessen Neuauflage ab 12 490 Euro vorerst dreimal als Benziner mit 65, 115 und 150 PS bei den Händlern steht. 

Lesen Sie als nächstes auch: „Gin, Gin, Ibiza! Über die Wiederbelebung einer alten Tradition auf der Baleraen-Insel“.

KoCom/Fotos: Günther Koch

2. Oktober 2017

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