In der Fabryka Schindlera

Krakauer Trilogie (III): Jüdisches Leben in der Lipowa 4 und in Kazimierz / Eine Spurensuche

Von Günther Koch/Life-Magazin

In Krakaus jüdischem Viertel Kazimierz, hier Eingang zu einem Buchladen. Foto: Koch

Krakau – Schindlers Liste! Im Café gleich neben dem Eingangstor der ehemaligen Deutschen Emailwarenfabrik in der Straße Lipowa 4 in Krakau sind Aufnahmen von den Dreharbeiten zu dem gleichnamigen Steven-Spielberg-Spielfilm aus dem Jahr 1993 zu sehen. Er erzählt die wahre Geschichte von Oskar Schindler (1908-1974), dem deutschen Industriellen, Spieler und Lebemann, der im Zweiten Weltkrieg rund 1200 in seiner Fabrik beschäftigte jüdische Zwangsarbeiter vor der sonst sicheren Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet hat. Der von Israel, dem jüdischen Staat, dafür 1962 als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet worden ist. Und der in Jerusalem auf dem Zionsberg begraben liegt.

Hauptstadt des Generalgouvernements

Zweiter Weltkrieg. Die Deutschen halten Polen besetzt. Terrorakte, Verhaftungen. Wehrmacht, SS, Gestapo. Hans Frank zieht auf dem Wawel ein, macht Krakau zur „deutschen Hauptstadt“ des Generalgouvernements. Jüdisches Leben wird nach und nach aus dem Alltag eliminiert. 65 000 Krakauer Juden steht der Tod bevor. Es gibt das Ghetto, im Vorort Plaszów das Konzentrationslager, das vorher schon, seit 1940, ein Arbeitslager gewesen ist. Am 14. Januar 1945 werden die letzten Gefangenen in das nicht weit entferne Auschwitz deportiert. Am Tag danach ist Krakau frei.

Der alte Glanz kehrt nach und nach zurück

Spurensuche. Wir sind in Kasimierz, dem jüdischen Viertel, benannt nach Kasimir dem Großen, als eigenständige Stadt gegründet und 1335 mit den entsprechenden Rechten versehen. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben spielt sich noch heute rund um Wolnica- und Nowy-Platz ab. Bei einem Festival in Kazimierz steht gerade wieder zehn Tage lang jüdische Kultur im Mittelpunkt. Nach dem Krieg verlassen und verfallen, betont Monika Olejak, mit der wir Krakau erneut per Rad erkunden, erhält das ebenfalls durch „Schindlers Liste“ bekannt gewordene Quartier Schritt für Schritt seinen alten Glanz zurück. Es soll immerhin das nach Prag zweitgrößte Europas mit so kostbaren Bauwerken jüdischer Geschichte sein.

Wo Helena Rubinstein geboren worden ist

Dazu gehören gleich mehrere Synagogen, darunter die älteste Polens aus dem 15. Jahrhundert, die kleine neben dem Friedhof mit dem Grabmal des Rabbiners Remuh Moses, zu dem Juden aus aller Welt pilgern, dann die vom Kaufmann und Bankier Isaak Jakubowitz gestiftete und schließlich die jüngste aus dem 19. Jahrhundert. Neben Hotels wie dem Drei-Sterne-Eden in der Ciemna-Straße, Restaurants wie dem Ariel in der Szeroka-Straße, neben Cafés, Clubs und Galerien sind hier und da noch kleine Handwerksbetriebe in den Gassen zu finden. „Aber“, sagt Monika, „nur noch etwa 80 Juden leben heute hier.“ Vor einem Haus beim Ariel in der Szeroka-Straße bleiben wir stehen. In ihm ist am 25. Dezember 1870 Helena Rubinstein geboren worden. Von der auch Chaja genannten Tochter eines jüdischen Geschäftsmannes, später erfolgreiche Kosmetikunternehmerin, erzählt man sich, nach ihrer Auswanderung zunächst nach Australien habe die Mutter ihr verschiedene Tiegel mit Pflegecremes geschickt, die sie jedoch gleich weitergibt, um die Mixturen aus Kräutern, Mandelöl und Rinderfett danach regelmäßig aus der Heimat zu importieren - und zu verkaufen.

Viel Leid unter den deutschen Besatzern

Wir gehen über einen kleinen Markt, in der Rabina Bera Meiselsa 20 an einem gemütlichen Lokal mit Namen Mleczarnia („Molkerei“) vorbei, draußen im Biergarten alte Bäume, drinnen im eher rustikalen Ambiente alte Fotos, und weiter zu einem mit weißer Kalkfarbe getünchten Gebäude mit Treppenaufgang außen hoch in den ersten Stock. Wir sehen es später auf den Bildern über die Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“ wieder. Koffer stapeln sich da, deren Inhalt bewaffnete SS-Männer vorher über das Geländer ausgeschüttet haben. Die Aufnahme vermittelt einen vagen Eindruck darüber, wie die Krakauer, vor allem die Juden in der Stadt, von 1939 bis 1945 unter den deutschen Besatzern gelitten haben müssen.

Einfahrtstor, Treppenhaus und das Sekretariat

Von Kazimierz sind wir inzwischen über eine Brücke auf die andere Seite der Weichsel in den Stadtteil Zablocie gefahren. Das Museum in der Straße Lipowa 4 dort ist im Verwaltungsgebäude der früheren Deutschen Emailwarenfabrik untergebracht, in der Oskar Schindler damals kriegswichtige Güter wie unzerbrechliches Küchengeschirr für die Wehrmacht (und für den Schwarzmarkt) hat herstellen lassen. Zu dem, was weitgehend authentisch erhalten geblieben ist, gehören das Einfahrtstor, das Treppenhaus in den ersten Stock hinauf sowie Schindlers Sekretariat mit einer Europakarte aus Gips mit deutschen Städtenamen an der Wand.

Beklemmende Erzählungen aus beklemmenden Zeiten

Geräusche aus jenen Tagen sind zu hören. Wir gehen auf altem Kopfsteinpflaster, fahren mit der Straßenbahn, schauen in eine Wohnung, ein Fotoatelier, ein Kaffeehaus, einen Friseursalon. Stadt und Menschen werden irgendwie vertraut. Krakauer Juden wie Mordechai Lustig berichten auf einer großen Leinwand ins Dunkel des Kinosaals hinein über ihre Arbeit in der Fabryka Schindlera, aber auch über die Angst und Gefahren, denen sie trotz allem ständig ausgesetzt waren. Bei einem älteren Sitznachbarn ruft das "beklemmende Erzählungen aus beklemmenden Zeiten" wach.

„Der, der ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“

Auf einer Tafel am Ausgang steht ein Spruch aus dem Talmud, einer der bedeutendsten Schriften des Judentums. Er lautet übersetzt etwa so: „Der, der ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Und wie viele Welten hat Oskar Schindler gerettet? „Wen er nicht gewesen wäre“, antwortet Niusia (Bronislawa) Horowitz Karakulska rhetorisch auf die Frage im Text gleich darunter, "würde es mich nicht geben, nicht meine Familie, nicht meine Nachfahren, meine Tochter, meine zwei Enkel, die zwei Söhne meines Bruders Rysio, die Kinder meines Cousins … die Kinder und Enkel all der anderen, die von Schindler gerettet worden sind … Also, wie viele hat er wirklich gerettet, wenn er 1200 Menschen gerettet hat? Sie sind zahllos …“ 

Von Abramoczyk, Szyia, bis Zwetschkenstiel, Jenta

Auf Fenstern unten neben dem Eingangstor sind Fotos von Menschen zu sehen. Menschen aus Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Niederlande, Polen meist, Russland, Slowakei, Tschechien, Ungarn und Staatenlose. Menschen wie Szyia Abramoczyk, geboren 15. September 1917, Lagernummer 69061, angelernte Metallverarbeiterin. Wie Moses Goldberg, geboren 25. Dezember 1924, Lagernummer 69152, Maurergeselle. Wie Juda Katz, geboren 14. Juli 1914, Lagernummer 69149, Arzt. Wie Blima Sichermann, geboren 20. Mai 1902, Lagernummer 76451, Schreibkraft. Oder wie Jenta Zwetschkenstiel, geboren 8. Juli 1908, Lagernummer 76500, Metallarbeiterin. Sie alle standen auf der Liste.

Gespräch über Radfahren in Polen rundet Artikelfolge ab

Vorher sind im Rahmen unserer "Krakauer Trilogie" bereits erschienen: "Heiliger Vater! 'Polens Schönste' / Über Wianki, Wawel und Wojtyla / Ein Stadtbummel“ (Teil I) sowie „An der Weichsel entlang – Nationalheld, Kloster und ein kleines Paradies auf Erden / Ein Radausflug“ (Teil II) . Ein Gespräch mit dem Kampio-Radreisenorganisator und In-Natoura-Partner Piotr Kaminski (Ostródzka Straße 31, 60-461 Poznan/Polen, Telefon 0048-(0)-61-2332794, www.kampio.com.pl ) über das Fahrradfahren in Polen, Titel "Von Kindheit an", rundet die Artikelfolge ab. Diese Reise ist vom Polnischen Fremdenverkehrsamt in Zusammenarbeit mit der Stadt Krakau und diesem Partner organisiert worden.

Info Krakau I

Die Hauptstadt der Woiwodschaft Kleinpolen im Süden zählt rund 800 000 Einwohner, konkurriert mit Lodz, wer hinter Warschau, Luftlinie gut 250 Kilometer nördlich gelegen, folgt. Bei der Region zu beiden Seiten der Weichsel handelt es sich um ein hügeliges, teils sogar gebirgigeres Hochland mit einer ganzen Reihe von Kur- und Urlaubsorten. Für Ausflüge lohnen malerische Jura-Täler, die Hohe Tatra mit Zakopane sowie der kleinere Gebirgszug Pieniny und die Beskiden, an deren Rand in Kalwaria Zebrzydowska sich eine der meistbesuchten Pilgerstätten des Landes befindet. Gleich vier Nationalparks gibt es in der Nähe. Die beiden früheren NS-Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau, heute Museen, liegen rund 60 Kilometer westlich.

Info Krakau II

Der Flug von Frankfurt/Main aus dauert etwa anderthalb Stunden. Mit Englisch, mitunter selbst Deutsch kommt man weiter. Die Sommer in der Gegend sind in der Regel nicht ganz so heiß, die Winter aber durchaus streng. Landeswährung ist nach wie vor der Zloty, wobei ein Euro in der Regel vier Zloty entspricht. Wir waren im Hotel Vienna House Chopin (drei Sterne, 221 Zimmer/Suiten, eher leger, etwas außerhalb der Altstadt gegenüber der Oper, www.viennahouse.com) untergebracht. Schwesterhotel ist das Andel’s by Vienna House Cracow (vier Sterne, 159 Zimmer, geschäftsmäßiger, zentrumsnah, www.viennahouse.com).

Info Krakau III

An Restaurants können wir neben dem Szara Ges (stilvoll, polnische Spezialitäten, am Hauptmarkt, www.szarages.com) und dem Delight (modern, mediterran-leichte Gerichte, im Andel’s by Vienna House Cracow) noch die RestoBar Industrial (eher unkonventionell, traditionelle und moderne polnische Küche, nahe der einstigen Fabryka Schindlera, www.restoindustrial.pl) empfehlen. Regionale kulinarische Besonderheiten der auch hier eher deftigen Küche Polens sind etwa geräucherter Oscypek-Schafskäse, Kwasnica-Suppe aus Sauerkrautwasser mit Fleischeinlage und Gemüse, grobe Kielbasa-Lisiecka-Wurst, nicht zu verwechseln mit den bei uns bekannten Krakauern, gulaschähnliches Maczanka und süße Obwarzanek-Kringel. Polen ist Bier-, Wodka- und Sliwowica-Land. Information: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Telefon 030-2100920, www.polen.travel.

Service Auto

Wer mit dem Auto anreisen will: Von Berlin sind es etwa 600, von Dresden noch gut 500 Kilometer. Ab der Grenze führt die Autobahn A4 nach Krakau. Von Süden gelangt man am besten an Pilsen, Prag und Ostrava vorbei dorthin. In Orten ist 50, außerhalb 90, auf Schnellstraßen 100/120, auf Autobahnen Tempo 140 erlaubt. Die Promillegrenze liegt bei nur 0,2. Sogar Busse fahren regelmäßig von Deutschland aus nach Krakau. Ab Berlin gibt es zudem täglich eine direkte Bahnverbindung. Krakaus internationaler Flughafen, benannt nach Papst Johannes Paul II., liegt in Balice gut zehn Kilometer westlich vom Zentrum.  

KoCom/Fotos: Günther Koch

11. Juli 2017

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