Sehnsucht im Strandkorb

Deutschland ist schön: Roman „Die Villa am Meer“ führt nach Warnemünde an die Ostsee

Von Günther Koch/Life-Magazin

Ausschnitt vom Cover des Warnemünde-Romans „Die Villa am Meer“. Foto: Goldmann-Verlag

Warnemünde – Da stößt jemand die Türen auf zur unvergleichlichen Belle Epoque – und erzählt mit einer fesselnde Familiensaga zugleich die Geschichte eines aufstrebenden Seeorts: Warnemünde! Autorin Micaela Jary tut das in ihrem neuen Roman „Die Villa am Meer“.

Einst ein kleines Hafen- und Fischerdorf

Warnemünde, ein Stadtteil im Norden der Hansestadt Rostock in Mecklenburg-Vorpommern. Die Warnow mündet hier in die Ostsee, hat dem 1195 erstmals in dänischen Urkunden erwähnten Ort seinen Namen gegeben. Einst ist Warnemünde ein kleines Hafen- und Fischerdorf gewesen – bis 1820 der touristische Badebetrieb beginnt. Vor diesem Hintergrund, nur zeitlich etwas später spielend, hat die Autorin ihre Warnemünder Geschichte entwickelt. Von gesetzten Bürgerlichen über aufstrebende Neureiche bis zu den Stars des Kintopp: Zur Sommerfrische, schreibt der Verlag im Begleittext des Romans, ziehe es jeden dorthin. Wie in einem Brennglas spiegelten sich die rasanten Umbrüche am Vorabend des Ersten Weltkriegs an diesem Ort, von dem aus übrigens auch der Strandkorb seinen Siegeszug angetreten haben soll.

Eine literarische Reise zurück in die Kaiserzeit

Eine schöne Villa am Strand, zwei gesunde Söhne, ein fürsorglicher Ehemann, der sie umsorgt: Die junge Katharina hat eigentlich alles, was sich eine Frau in der damaligen Kaiserzeit wünschen kann – oder wünschen darf. Mit modernen Strandkörben hat ihr Mann ein Vermögen verdient, kann ihr so materielle Sicherheit bieten. Doch diese Vernunftehe fühlt sich für Katharina mehr und mehr wie ein Gefängnis an. Das, so könnte man jedenfalls meinen, wenn man das Buch liest, liegt nicht nur an ihrer einstigen großen Liebe, die sie nicht vergessen kann, sondern auch an dem tiefen Bedürfnis, sich einen eigenen Platz in der Welt zu schaffen …

Auf dem Weg zu einem Stück Eigenständigkeit

Mit einem Strandkorbverleih will die Protagonistin des Romans sich und ihrem Umfeld ihren Geschäftssinn beweisen, auf diese Weise ein Stück Eigenständigkeit erlangen. Doch eine Frau, die ihren eigenen Weg sucht, die ist nicht unbedingt gern gesehen in dieser Zeit – und so wird Katharinas ehemaliger Verlobter plötzlich ihr wichtigster Unterstützer.

Heute einer der bedeutendsten Kreuzfahrthäfen im Land

Warnemünde heute. Strandkörbe gibt es immer noch. Auch lebt die Belle Epoque zumindest in der Architektur einzelner Häuser nicht nur hier weiter. Der über drei Kilometer lange Sandstrand des Seebads soll mit bis zu 150 Metern der breiteste an der ganzen deutschen Ostseeküste sein, wird in Richtung der Steilküste Stoltera aber immer schmaler. Warnemünde ist mittlerweile einer der bedeutendsten Kreuzfahrthäfen im Land, gilt manchen sogar als der wichtigste. Veranstaltungen wie der Warnemünder Woche oder die Hanse Sail ziehen Sommer für Sommer rund eine Million Touristen an.

„Teepott“ mit muschelförmigem Betondach

Der 37 Meter hohe Leuchtturm aus 1897 dient nach wie vor als Seezeichen. Wer ihn besteigt, kann von zwei Aussichtsplattformen auf Warnemünde und den Breitling, den schmalen Meeresarm zwischen der Insel Poel und dem Festland, schauen. Der „Teepott“ gleich daneben fällt durch sein ungewöhnliches muschelförmiges Betondach auf.  Am Alten Strom, dem ehemaligen Mündungsarm der Warnow, finden sich der Fischereihafen, dazu Restaurants, Cafés und Boutiquen.

Über die drehbare Brücke vom Ortskern zur Halbinsel

Wer schon einmal da war, erinnert sich vielleicht: Über die drehbare Bahnhofsbrücke gelangt man vom Ortskern mit seinen alten, schmalen Gassen und der Kirche zur Halbinsel mit dem Bahnhof und der Mittelmole mit dem Fischmarkt. Am Neuen Strom gegenüber, dem Seekanal, zugleich Ein- und Ausfahrt des Rostocker Hafens, ist 2005 ein Passagierterminal für Kreuzfahrtschiffe eröffnet worden, bei Hohe Düne der moderne Yachthafen mit Hotelkomplex, wohin gegenläufig zwei Autofähren verkehren.

Im Buch historisch und atmosphärisch verdichtet

Im 1928 errichteten Kurhaus ist bis 2013 die Spielbank untergebracht gewesen. Westlich davon steht die Lesehalle. Das in einem 1767 erbauten Fischerhaus untergebrachte Heimatmuseum informiert über die Geschichte der Fischerei, der Seefahrt, des Lotsen- und Seenotrettungswesens. Die streift natürlich auch die Zeit in dem damals aufstrebenden wilhelminischen Urlaubsort, dessen Leben die gebürtige Hamburgerin Micaela Jary in „Die Villa am Meer“ historisch und atmosphärisch verdichtet hat. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie vielleicht auch Katharina, die Hauptfigur des Romans, in einem der ruhigeren Momente ihren Gedanken und ihrer Sehnsucht nachhängt, versunken in einem Strandkorb im Sand am Meer vor Warnemünde. (Micaela Jary, „Die Villa am Meer“, 576 Seiten, Goldmann-Verlag/2017, 9,99 Euro)

Info Warnemünde

Das Seebad in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee zählt über 6500 Einwohner. Die Stadt Rostock hat den um 1200 entstandenen Ort schon 1323 erworben, um den Zugang zum Meer zu sichern. Aus dem armen Hafen- und Fischerdorf ist später ein wichtiger Handelspunkt im Norden geworden. Im 19. Jahrhundert gewann Warnemünde Bedeutung als Seebad. 1834 soll es bei 1500 Einwohnern schon 1000 Badegäste gegeben haben. Tourismus, Luft- und Raumfahrt sowie Schiffsbau sind wichtige Wirtschaftszweige in der Region. Warnemünde ist Kreuzfahrthafen. Bei 181 Kreuzfahrtanläufen 2016 sind 766 000 Passagiere abgefertigt worden. Information: Touristinformation Warnemünde, Am Strom 59, 18119 Rostock-Warnemünde, Telefon 0381-3812222, www.rostock.de.

Service Auto

Mit dem Auto sind es von Hamburg über Lübeck und Wismar knapp 190, von Berlin an der Müritz vorbei rund 240 und von Hannover fast 340 Kilometer bis Warnemünde. Wichtigste Autobahnen sind die A19 und A20. Rostock verfügt mit Laage über einen kleineren Flughafen, ist außerdem Bahnknotenpunkt. Es gibt Fährverbindungen über die Ostsee nach Skandinavien. Die Häfen Gedser/Dänemark und Trelleborg/Schweden werden sogar mehrmals täglich angefahren. Es gibt einen Yachthafen. Warnemünde ist an den Ostseeküsten-Radweg angeschlossen.

KoCom/Fotos: Hansestadt Rostock/Günther Koch/Verlag

24. Juli 2017

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