Der Herr der Bücher

 Ludwig Legge wird 80                                                                             

Ein junger Primaner sitzt in den frühen 50er Jahren im thüringenschen Eisenberg im Schiller-Gymnasium über ein Buch gebeugt und lernt die sowjetische Nationalhymne. Auswendig. Auf Russisch. Den Text von dem Kinderbuchautor und Lyriker Sergej Michalkov. Der junge Primaner hat sie brav gelernt; so wie alle Primaner in der DDR. Fünfzig Jahre später sitzt der mittlerweile greise Autor der Hymne bei dem einstigen Schüler aus Eisenberg im Wohnzimmer in Marburg. Was war geschehen? Der damalige Schüler, Ludwig Legge, Pfarrerssohn aus Berlin, hat später ein Wohnzimmer in Marburg. Als Vorsitzender der Marburger Neuen Literarischen Gesellschaft hat er den russischen Schriftsteller zu einer Lesung ins Café Vetter eingeladen. Vor der Lesung saßen beide in Legges Wohnzimmer. Und nun, nochmal ein gutes Jahrzehnt später, sitzt Ludwig Legge in seinem Büro und sagt die russische Hymne flüssig und fehlerfrei auf. Am 5. Dezember wird er 80. Sprache war seine Welt, ist seine Welt und wird seine Welt bleiben. Die deutsche Sprache. Er lotet diese Sprache in all ihren lyrischen Facetten aus. Für die eigenen Gedichte. „Ein Drall ins All...“ titelte die Oberhessische Presse 1972 in der Rezension über Legges ersten Lyrik-Band „untermorgen übergestern“. Der Reihe nach: Geboren in Berlin; als Jugendlicher mit Bruder und Mutter nach Eisenberg gezogen; dort Abitur und ab 1956 Studium in Tübingen: Germanistik, Geschichte und Philosophie.
Das Studium zog sich hin. Ludwig Legge unterrichtete eine Zeit lang als Privatlehrer Deutsch in Pariser Familien. Als das Studium sich zu einer Promotion über Gottfried Benn verdichten wollte, kam das Angebot eines Schweizer Verlages, als Kulturredakteur für eine Zeitschrift zu arbeiten, die in Deutschland etabliert werden sollte. Legge ließ Studium Studium sein und verlegte all seine Kraft und sein Interesse in die Welt der Kultur. Seit 1970 lebt er in Marburg. „Wie bekomme ich einen guten Einstieg in die kulturelle Szene in Marburg“, fragte sich der Berliner aus Eisenberg, Tübingen und Paris. Ludwig Legge gründete im Südviertel eine Galerie. Stellte dort heimische Maler aus – unter anderen Luisa Biland, und wohnte auch in seiner Galerie im dritten Stock in der Wilhelmstraße.

Gegenüber wohnte ein junger Theologe, ebenfalls im dritten Stock. Der sah in der Galerie gegenüber Tag und Nacht einen Menschen unablässig an einer Schreibmaschine sitzen. Tief gebeugt. Allem Anschein nachdenklich in Konzentration versunken. Nachdem dann der Lyrik-Band des tief über die Schreibmaschine gebeugten Galerie-Menschen in der Oberhessischen Presse vorgestellt wurde, sprach der junge Theologe seinen Gegenüber-Nachbarn an. Beide wurden Freunde; sind bis heute Weggefährten: Ludwig Legge und der Theologe Horst Schwebel. Mittlerweile beide Autoren mit einem gewissen literarischen Erfolg. Die vielleicht folgenschwerste Entscheidung traf Ludwig Legge 1973. Mit Schulfreund Reinhard Spalke gründete er die Marburger Neue Literarische Gesellschaft. Am 4. November war die erste Lesung im Café Vetter. Wie folgenschwer das alles für Ludwig Legge war, sieht man im Rückblick. Bei dieser ersten Lesung hat er seine Frau Gabriele kennengelernt, die bis heute die Aktivitäten der NLG – insbesondere die Arbeit ihrs Mannes – unterstützt. Sie haben einen gemeinsamen Sohn.

Bis jetzt wurden mehr als 1.500 Autoren nach Marburg eingeladen. Ein Schwerpunkt der Arbeit waren die Auftritte von Dissidenten aus der DDR und aus dem Ostblock. Allein für die Vorbereitung auf diese Lesungen hat Ludwig Legge mindestens so viele Bücher lesen müssen, wie Autoren gekommen sind. Dazu all das, was ein Bücherwurm im besten Sinne sonst noch so alles liest. „Ich lese seit mindestens 65 Jahren quasi ununterbrochen“, bilanziert Legge heute. Die Liste der eingeladenen Autoren liest sich wie das „Who is Who“ der europäischen Literatur. Der spätere Nobelpreisträger Günter Grass ist nur einer unter vielen bekannten Namen. Seine ganz persönlichen Favoriten sind Autoren wie Walter Kempowski und der Österreicher Anton Fuchs; Aphoristiker wie Zarko Petan oder Gabriel Laub. Auch ein anderer Nobelpreisträger hatte seinen Auftritt in Marburg: Thomas Tranströmer. Und viele von ihnen saßen in Legges Wohnzimmer. Sonntags lasen sie dann bei „Literatur um 11“. Und alle wurden von Ludwig Legge vorgestellt und anmoderiert. Alle 1.500 und mehr? Nein, gesteht er kleinlaut. „Einmal war ich krank.“ Er weiß nicht mehr, wer ihn damals vertreten hat. Aber er weiß, es war nur einmal. Seit November 1973 organisiert und präsentiert Legge „Literatur um 11“. Das ist mehr als ein Full-TimeJob. Das ist mehr als ein Beruf. Es ist vielleicht eine Berufung. Zumal es kein Job im herkömmlichen Sinne sein kann, Ludwig Legge arbeitet ehrenamtlich. Und es kamen Ehrungen. National und international:   die Kulturmedaille der Stadt Linz, die goldene Verdienstmedaille des Landes Oberösterreich, der Ehrenbrief des Landes Hessen, die Silberne Medaille der Stadt Marburg und  2003 war es dann das Bundesverdienstkreuz.

Wer mit Ludwig Legge über Literatur spricht, über Lyrik, der merkt schnell „der kann nicht anders“. Er liest jeden Tag – was auch immer. Auch Goethe. Jeden Tag. „Über allen Gipfeln ist Ruh´“, sage ich. „In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch“, antwortet er spontan. „Die Vöglein schweigen im Walde. Warte nur! Balde ruhest du auch“, sagen wir gemeinsam leise vor uns hin. Im Dezember wird Ludwig Legge 80. Welche Ziele hat er? „Literatur um 11“ bis 2023. Das wären dann 50 Jahre. Ungefähr 2.000 Autoren. Aber wer soll es eigentlich sonst machen? Wer sichtet dann den zeitgenössischen Literaturbetrieb? Und liest sich durch tausende Seiten? Schreibt, telefoniert, mailt. Entscheidet dann letztendlich, wer in Marburg lesen soll – und lädt ein. Bietet auch mal einen Platz im heimischen Wohnzimmer. Und stellt dann sonntags pünktlich um 11 den Autor oder die Autorin dem Publikum im Café Vetter vor. Ludwig Legge ist in der zeitgenössischen Lyrik zu Hause: Bis heute liegen drei Gedichtbände von ihm vor. Einiges ist in Arbeit, liegt noch auf dem Schreibtisch. Hunderte von Lesungen hat er im In- und Ausland gehalten. Auch Lesungen, die er zusammen mit der Pianistin Roswitha Aulenkamp entwickelt und mit ihrer musikalischen Begleitung vorgetragen hat. Einige Literaturzeitschriften in Russland haben Gedichte von Ludwig Legge veröffentlicht. In Russisch. In richtigem Russisch; wie damals die Nationalhymne.

Text/Fotos: Günter Gleim

 

 

 

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