Der Mann der Sprache

Tränken für Fortgeschrittene: Kater Leo ist der ständige Begleiter des Professors.

Heinrich Dingeldein hütet den Deutschen Wortschatz.

Ein wacher Blick, Brille, grau melierter Schnauzer, beige Hose, lockeres Hemd – so kennt man den zwanglosen Professor aus Hermershausen. Ebenso entspannt erscheint die Atmosphäre im Heim von Dr. Heinrich Jakob Dingeldein. Sein eigenes, bequemes Reich im oberen Stockwerk wird umgehend besichtigt. Hier teilen sich Bücher und Atlanten aus einer gut gefüllten Sammlung der regionalen Sprachkultur den Raum mit einer bunt gemusterten Sessellandschaft. Hier findet sich Wissenswertes zur Alltagssprache der ländlichen Räume Hessens, dort der literarische Favorit des Hausherren: der Ungarndeutsche Sprachatlas. „Die Sprache ist mein zweites Sein, sie öffnet das Tor zu anderen Menschen“, schwärmt er. Über seine Arbeit redet und philosophiert der Sprachwissenschaftler gerne und viel, genauer gesagt plaudert, schwätzt, babbelt oder schnuddelt er nach Herzenslust mit seinen Mitmenschen – eben je nach regionaler Ausprägung.
Wir sprechen ganz einfach hochdeutsch miteinander, leicht verständlich, nur hie und da schleicht sich ein Stickelche Dialekt ein. Der aufgeweckte Mann mit dem Schnauzer, der die Vielfalt der regionalen Sprachkultur nicht nur kennt, sondern auch selber beherrscht, passt sich stets dem Gesprächspartner an. „Das macht es dem Gegenüber angenehmer. Sprache hat immer etwas mit der Einstellung zu tun, nicht nur mit Grammatik“, sagt er.
Zwischen zwei Schlucken Kaffee wird mir noch ein anderer Hausbewohner vorgestellt, der Professor ruft nach seinem pelzigen Begleiter. Prompt folgt die neugierige Antwort von unten und Leo betritt selbstbewusst den Raum. Er ist der „Mallert“ der Familie, so wird der Kater im Odenwald genannt - „und nur dort, es ist ein sogenanntes unikales Wort“. Mit Katzen und anderen Vierbeinern kennt sich der bodenständige Forscher und Tierfreund aus, wuchs er doch auf dem landwirtschaftlichen Familienhof bei Würzberg auf, heute ein Stadtteil von Michelstadt. Unbeschwert, fast sehnsuchtsvoll und mit gewohnt weit ausholender Gestik berichtet er von seinen ersten Schritten in die vielfältige Welt der deutschen Sprache. Die machte er mit dem rheinfränkischen Dialekt. Die südhessischen Variante wird bis heute in der Familie gepflegt, „die wichtigste Sprache ist immer der Dialekt im eigenen Haus“, sagt er. Also dürfte ein „Ö“ oder „Ü“ im „Haisel“ der Dingeldeins eher selten zu hören sein.

"Ich gehe immer mit offenen Augen und Ohren durch die Welt“

Die Tradition aufrecht zu erhalten ist ihm wichtig, „der Dialekt gehört einfach zu meinem Leben“, blickt er heute mit 63 Jahren zurück. Ebenso wie seine Anfänge in der bodenständigen Landwirtschaft. Vielleicht mit ein Grund warum er nicht dem überholten Klischee des zerstreuten Professors entspricht, dem ewigen Theoretiker. Nicht so Heinrich Dingeldein: Er kann eine Kuh per Hand melken und noch mit der Sense umgehen. Zum Landwirt fühlte er sich dennoch nicht berufen, studierte die Deutschen Sprache und Literatur, Politikwissenschaft, Pädagogik, Evangelische Theologie und Europäische Ethnologie, lernte schnell an die zehn Sprachen aus aller Herren Länder. „Ich fand da Begeisterung wo sich andere quälen“. Sein Schwerpunkt der hessischen Sprache wurde schließlich „zum Selbstläufer“, führte über den Deutschen Sprachatlas zur Professur im Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften an der Philipps-Universität.
Wir machen eine Pause, vertreten uns die Beine und besuchen den Garten, natürlich verfolgt von Leo. Um das kleine Gartenhäuschen mit Jägerzaun wachsen Blumen, ein paar Brombeerranken - Pardon, „Fatzbeeren“ - stehlen sich dazwischen ans Licht. Hübsch, aber unser Ziel ist ein Wasserhahn, der Mallert hat Durst. Der eigensinnige Vierbeiner trinkt am liebsten fließendes Wasser, Flüssiges aus dem Napf kann er nicht leiden, erklärt sein Besitzer. Kaum tröpfelt es aus dem Hahn, schleckt Katz auch schon die Tropfen aus der Luft, liebevoll beobachtet von Heinrich Dingeldein, der nur grinsend den Kopf schütteln kann. Die kleinen und großen Eigenheiten seiner Umwelt faszinieren den toleranten Mann neben mir einfach, ob beim Hauskater, der Sprache oder im Ausland. Dort war er bereits ungezählte Male, hat in Rumänien eine zweite Heimat gefunden, wurde er doch als Honorarprofessor und Doktorandenbetreuer im Fach Philologie an die Universität in Hermannstadt gerufen.
Seine Begeisterung für Sprachen gab er auch an Tochter Diane weiter: die Ethnologin trat in die Fußstapfen des Vaters, organisiert heute Studienreisen nach Osteuropa. „Sie hat meinen Traumberuf“, erzählt der Vater und lächelt stolz.
Seinen eigentlichen Beruf hat Heinrich Dingeldein vor kurzem an den Nagel gehängt, Ende August wurde er in den Ruhestand verabschiedet. „Nun bin ich Rentner“, sagt er salopp und lacht. Nun hat er auch mehr Zeit - und wofür? Natürlich um noch mehr Wissen zu sammeln. Wissbegierde ist sein Antrieb, bis heute: „ich mag nichts, bei dem ich nichts lernen kann – ich bin ein Sucher und ewig neugierig“, lautet sein Kredo. Sich einfach mal „mit fremden Menschen unterhalten, Neues ausprobieren, essen, was ich noch nie gegessen habe“ - die selbst gewählte „To-do-Liste“ ist lang. Die Vorfreude auf den nächste Ausflug mit Gattin Dorothea, die seine Reiselust teilt, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Und sonst noch? Ganz einfach, beschließt er das Thema - was ein Professor angeblich so macht: „Antworten, wenn mich Leute was fragen“, sagt er und grinst. Wir verabschieden uns herzlich, bald steht das Abendbrot auf dem Tisch – falsch, das Nachtessen natürlich, wie der Südhesse so sagt.

Text/Fotos: Ina Tannert

 

 

 

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