Der Herr der Steine

Dr. Kay Schürmann hielt den Mond in seinen Händen

Abgehoben ist der bodenständige Mineraloge deshalb nicht.

Steine erzählen Geschichten. Dr. Kay Schürmann entlockt sie ihnen, bringt sie zum Reden. Das hat er sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Er kennt die  Verfahren,  hat  einige  mit  seinen Studenten  entwickelt,  um  aus  den kleinen  Geschichten  des  Gesteins  eine große zu machen – die der Entstehung unseres Seins. Seine Arbeit versteht  er  als  Puzzle.  Die  Mineralogie untersucht,  zu  welchem  Zeitpunkt, mit  welcher  Geschwindigkeit,  unter welchem Druck und bei welcher Temperatur,  in  welcher  chemischen  Umgebung  und  durch  welche  Prozesse  Minerale  entstanden  sind.  „Sie  sind wichtige Bausteine, die uns helfen, die Entwicklung der Erde und des Universums zu verstehen“, sagt Schürmann.
2004. Nach 41 Berufsjahren und 80 Veröffentlichungen  geht  der  Wissenschaftler  in  den  Ruhestand.  Bis  heute  akzeptiert  er ihn  allerdings  nicht.
Der Rentner-Freizeit-Klassiker Gartenarbeit  ist  dem  74-Jährigen  von  je  her ein Gräuel und das Sammeln von Mineralien für die eigene Vitrine ist nicht seins, obwohl er seinen Beruf über alles liebt. Deshalb war er sehr erleichtert, dass ihn sein ehemaliger Student und  jetziger  Sektionsleiter  des  Senckenberg-Museums  zum  ehrenamtlichen  Mitarbeiter  machte.  Denn  was die  farbigen  Mineralien  mit  ihren  bizarren Formen und unterschiedlichen Farben zu erzählen haben, will er weiterhin hören. Für sie fährt er zweimal pro  Woche  mit  seinem  VW  Touran nach Frankfurt, um dort die alte Mineralogische Sammlung zu betreuen, die er aufgebaut und vom ersten bis zum letzten Stein ins „Netz“ gestellt hat.

Wie die Erdgeschichte hat auch sein Forscherleben  einen  Anfang.  Zwar nicht  so  geheimnisvoll  und  spektakulär, aber trotzdem mit einem Ereignis, dessen Entwicklung er noch nicht absehen konnte, als er damals in den fünfziger Jahren in Lübeck einen Chemiebaukasten für Kinder aus dem Geschenkpapier  befreite.  Schließlich sollten die kleinen Reagenzgläser und Versuchsanordnungen  aber  für  ihn der  Beginn  einer  außerordentlichen Wissenschaftler-Karriere werden. Geholfen hat ihm dabei sein Drang in die Ferne.  Den  hat  er  genetisch  vom  Vater,  einem  Kapitän,  in  die  Wiege  gelegt bekommen.
Begonnen  hat  der  Wissenschaftler seine  Ausbildung  1958  in  Saarbrücken. Dann folgte das Diplom 1963 in Kiel und die Promotion 1966 in Marburg.  Die  Universitätsstadt  machte Schürmann  zu  seinem  beruflichen und  privaten  Lebensmittelpunkt. Dort  lernte  er  seine  Frau,  ebenfalls ein Nordlicht, kennen, und dort wurden  auch  seine  Tochter  und  die  beiden  Söhne  geboren.  Von  1972  bis  83 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter, bis er 1983 Leiter des Mineralogischen Museums und der Abteilung „Experimentelle Mineralogie“ im Fachbereich Geowissenschaften wurde. Mit seinen Studenten  erforschte  er  dort  Hoch druck-  und Hochtemperatur-Verfahren  und  baute  das  Museum  zu  einer der  größten  Sammlungen  Deutschlands  aus.  Zudem  knüpfte  Schürmann internationale Netzwerke  und als „Secretary of Commission on Museums“ organisierte er internationale Tagungen und Treffen der „International Mineralogical Association“ wie im japanischen Kobe oder sein letztes in Dresden im vergangenen Jahr.
Wahrscheinlich  ist  die  Liste  der Länder, die Dr. Kay Schürmann nicht gesehen  hat,  kürzer  als  umgekehrt. Er  bereiste  alle  Kontinente  und  sah mehr  als  300  Bergwerke.  Der  Mine-raloge  forschte  2200  Meter  tief  bei plus  50  Grad  Celsius  in  einer  Goldmine  in  Südafrika  und  nahm  Mineralproben bei Minustemperaturen auf Grönland.  Dabei  war  er  nicht  immer allein.  Schürmann  begeisterte  seine Studenten  auf  unwegsamen  Zelt-Exkursionen. Island, Norwegen und Kanada hießen die Forschungsziele  und  die  Werkzeuge, Hammer und Meißel, waren im  Rucksack  immer  dabei. Dieser  steht  übrigens  heute noch gepackt und abmarsch-bereit in seinem Arbeitszimmer in Ockershausen.
Seine,  wie  er  sagt,  prägende  Zeit allerdings  verlebte  er  in  den  Jahren 1971  und  72  in  Amerika.  Dort  arbeitete  er  in  Houston  und  Chicago  für die  NASA.  Er  war  damals,  und  wird es  wahrscheinlich  noch  heute  sein, einer  der  wenigen  Wissenschaftler, die ein Stück vom Mond in der Hand hielten. Apollo 12, 14, 15 brachten das wertvolle  graue  Gestein  von  ihren  jeweils 760000 Kilometer langen Reisen zurück.  „Ich  hatte  große  Ehrfurcht, musste es allerdings kaputt machen“, scherzt  Schürmann.  So  nah  war  er dem  weiten  Universum  seither  nicht mehr.  Mondsüchtig  wurde  er  nicht und  abgehoben  schon  gar  nicht.  Dafür ist er rational, ein Wissenschaftler. Geplant hatte er seine Karriere nie, obwohl  es  so  aussieht.  Sein  Mundwerk, vor das er kein Blatt nimmt, hat ihm  dabei  auch  nicht  richtig  geschadet, wie er sagt. Kay Schürmann liebt das Satiremagazin „Titanic“, manche Titelbilder hat er als Bildschirmschoner. Wenn er nicht gerade den Steinen Geschichten entlockt, liest er sie gerne  von  anderen.  In  diesem  Jahr  hat er  „zwei  Regalböden“    Bücher  verschlungen. Die von Thomas Pynchon sind  ihm  am  liebsten.  Aber  auch  der „Kicker“  liegt  auf  seinem  Schreibtisch.  Selbst  sorgt  er  ebenfalls  noch für  Lesestoff.  Momentan  schreibt  er mit  einem  Kollegen  ein  Buch  über Gold in Brasilien.
Natürlich  darf  eine  Frage  zum Schluss nicht fehlen: Hat er ein Lieblingsmineral? „Ja, den grün- oder rosafarbenen  Tremolit.“  Und  warum gerade  dieser?    „Dieses  Mineral  war Inhalt  meiner  Diplomarbeit  und  seitdem  ist  es  dabei  geblieben“,  so  der Wissenschaftler, er sei halt Norddeutscher  und  stur.  Jeder  Stein  hat  seine Geschichte. 

von Richard Kiefer/ Fotos: Uwe Brock

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