Die Menschenfreundin

Hilde Rektorschek ermöglicht Teilhabe am kulturellen Leben

Täglich tigert Hilde Rektorschek durch Marburg. Die vitale 69-Jährige legt dabei zehn bis 15 Kilometer zurück. Dabei ist sie zu einem großen Teil im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit unterwegs. Einige Strecken dienen aber auch schlicht und einfach der puren sportlichen Betätigung. Die Frau wird auf ihren Touren durch die Universitätsstadt von vielen Menschen angesprochen. Einige Worte hier, eine freundliche Umarmung dort. Etwas despektierlich ausgedrückt: Sie ist bekannt wie ein bunter Hund. Jetzt sitzt mir diese dynamische Person in ihrem Büro gegenüber und erzählt begeistert von ihrer Herzensangelegenheit, der Marburger Kulturloge.

"Wir sollten Menschen nicht ausgrenzen"

Rektorschek hat diesen Verein zusammen mit Anderen 2010 gegründet. Sie erarbeitet die konzeptionellen Grundlagen und wird zur Ersten Vorsitzenden gewählt. Dabei kommen ihr Erfahrungen zugute, die sie bereits in anderen sozialen Bereichen gesammelt hat. „Eigentlich war ich schon immer ein Ehrenamtsmensch“, erinnert sich die Marburgerin. Am Anfang steht in den 70er Jahren die Stadtteilarbeit am Richtsberg, aus der sich die Bürgerinitiative für Soziale Fragen (BSF) entwickelt. Später wird sie neben der beruflichen Tätigkeit als Verwaltungsangestellte im Finanzwesen der Philipps-Universität in verantwortungsvolle Funktionen der Selbstverwaltungsgremien gewählt. Personalrat, Konvent und nach der Hochschulreform der Senat sowie verschiedene Kommissionen sind dabei Stationen dieser Jahre. Im Konvent ist sie sogar Vorsitzende und versucht die Gräben zuzuschütten, die durch die politischen Auseinandersetzungen zwischen Professoren und Studenten entstanden sind. Das muss ihr zumindest teilweise gelungen sein: Jedenfalls hat sich, wie sie zu berichten weiß, die Kommunikation zwischen den Streithähnen wohl nachhaltig verbessert.
Von 2000 bis 2015 arbeitet sie ehrenamtlich für die Marburger Tafel, darunter vier Jahre als 2. Vorsitzende und Geschäftsführerin in Marburg. Als Landesvertreterin ist sie auch einige Zeit im Bundesvorstand vertreten. Dabei wird sie heftig mit dem Thema Armut konfrontiert und beginnt sich Gedanken zu machen, ob unsere Gesellschaft die eigentlich notwendige Sensibilität mit den Betroffenen aufbringt. „Da ist erst mal eine Welt für mich zusammengebrochen. Ich habe bei allem Positiven der Tafelarbeit auch Strukturen und Menschen kennengelernt, die zum Teil von den Kunden als diskriminierend wahrgenommen werden mussten.“ Der Kontrollwahn zeitigt aus ihrer Sicht menschenunwürdige Situationen, die gar unterwürfiges Verhalten produzieren. Sie versucht deswegen einige organisatorischen Dinge zu verändern. Misstrauen und Sanktionen passen ihr nicht.
Auch diese Beobachtungen tragen dazu bei, dass Solidarität für sie zum Lebensthema geworden ist. Die Basis wurde im familiären Umfeld geschaffen, wie sie glaubt: Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, der Vater ist Sozialdemokrat. Sie selbst tritt 1967 in die Partei ein. Zu einer intensiveren Laufbahn bei den Genossen kommt es nicht, obwohl die notwendige Protektion gegeben war: „Ich wollte meine Überzeugungen nicht in politischen Abstimmungsmühlen aufgeben müssen.“
„Keine Ausgrenzung, alle Menschen wollen doch Teil dieser Gesellschaft sein.“ Das ist ihr Credo geworden, das sich in den Grundsätzen der Kulturlogen wiederfindet. „Behutsam, würdevoll und nachhaltig“ sind die Stichworte, die den Umgang mit den „Kulturgästen“ prägen.

Menschliche Würde

Auf diesem Weg soll eine Teilhabe am kulturellen Leben ermöglicht werden, die ohne Stigmatisierung, Diskriminierung und Sanktionierung von Menschen mit geringem Einkommen auskommt.
In Marburg hat die Kulturloge inzwischen rund 1.700 Kulturgäste, an die seit 2010 12.500 Eintrittskarten vermittelt wurden. 40 Kulturpartner wie Theater, Kino, Konzertveranstalter und Festivals, aber auch Sportvereine stellen Tickets für Veranstaltungen zur Verfügung. Die Gäste können sich bei über 30 Sozialpartnern registrieren lassen, die die Anmeldung an die Kulturloge weitergeben. Dort werden sie mit ihren speziellen Interessen in einer Datenbank erfasst. Logenmitarbeiter nehmen Kontakt auf und bieten je nach Wunsch die bereitgestellten Karten an, die dann an der Abendkasse abgeholt werden können. „Kontakte und Feedback sind wichtig, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Wir wollen keine Almosen für Arme geben, die Menschen sollen sich nicht schämen müssen“.
Hilde Rektorschek hat für die Leitung der Marburger Kulturloge inzwischen Nachfolgerinnen gefunden. Sie selbst ist seit 2012 Vorsitzende des Bundesverbandes, dem bis heute 30 Logen beitraten. In dieser Funktion ist es ihr gelungen, ein Netzwerk zu schaffen, das ihr bei der Verwirklichung ihrer Ziele weiterhilft. Dazu beigetragen haben auch Preise und Auszeichnungen. Schon 2010 wurde ihr Konzept vom Bündnis für „Demokratie und Toleranz“ der Bundesregierung als innovatives Projekt gewürdigt. Es folgten unter anderem der Freiherr-vom-Stein-Preis der Töpfer-Stiftung und das Marburger Leuchtfeuer der Humanistischen Union. Das erhielt die Frau mit dem „Elisabeth-Gen“ – diese Charakterisierung stammt von Laudator Eckehard Dennewitz – für den Einsatz für soziale Bürgerrechte.
Manchmal hat sich die „Menschenfreundin“ schon gefragt, ob ihre Empathie normal ist. Doch immer wieder erhält sie Zuspruch und Bestätigung. Am meisten freut sie sich jedoch, wenn Kulturgäste nach einer Veranstaltung ihre Freude kundtun.
Doch wie schafft sie das alles, widmet sie sich doch noch weiteren Aktivitäten. Seit 2009 kümmert sie sich um die Sportgruppe von Erwachsenen mit körperlichen und geistigen Behinderungen im BC Marburg, Schon zwei Jahre koordiniert sie das Handicap-Team der Basketballer und arbeitet im Vorstand des Special-Olympic-Landesverbandes Hessen mit. Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr wurde sie außerdem in den Ortsbeirat des Campusviertels gewählt. „Ich bin einfach von meinem Weg überzeugt. Ich versuche mich gesund zu halten, damit mein Körper mit mir zufrieden ist.“
Dass sie als ihren Lieblingsplatz in Marburg die Waggonhalle nennt, wundert nicht. Dort stand sie schon einige Male auf der Bühne, wirkte unter anderem in dem Stück „Das Wirtshaus an der Lahn“ mit. Das Theater hat es ihr ohnehin angetan: „Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, spiele ich Beachvolleyball und werde Schauspielerin.“

von Norbert Wiedemer/ Fotos: Uwe Brock

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