Die Frau für Arabien

mrlife trifft Professorin Friederike Pannewick

 Die Arabistik, also das akademische Fachgebiet, das sich mit Sprache, Kultur und Geschichte der arabischen Welt befasst, wird in der Öffentlichkeit häufig als „Orchideenfach“ beschrieben. „Diese seltenen Blumen“, so Prof. Friederike Pannewick vom Centrum für Mittel- und Nahoststudien  (CNMS), „blühen auf einem breiten Feld, das von Mauretanien bis zum Libanon, vom Irak bis in den Oman reicht, und dies vom 7. Jahrhundert bis in die Gegenwart.“
Die 49-Jährige, die im Ebsdorfer Grund lebt,  hat einen von sieben Lehrstühlen inne, die im CNMS seit 2006 zusammengeführt sind. Im Jahr 2012 wurde sie für ihre Arbeit mit dem renommiertesten deutschen Wissenschaftspreis, dem Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet. Neben der Arabistik werden in Marburg die Fachgebiete Altorientalistik, Iranistik, Islamwissenschaft, Politik des Nahen und Mittleren Ostens, Semitistik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens angeboten.
Doch wie findet jemand den Weg zu diesen Orchideen? Über das ehrenamtliche Engagement in einem sozialen Brennpunkt-Viertel ihrer Heimatstadt Erlangen kommt Pannewick als Schülerin in Kontakt zu türkischen Jugendlichen. Sie arbeitet in der Hausaufgabenhilfe mit und findet nach kurzer Zeit: „Ich muss diese Sprache lernen.“ Nach dem Abitur schreibt sie sich in Bamberg für das Fach Diplom-Orientalistik, Turkologie und Arabistik ein. Es folgt ein zweijähriger Studienaufenthalt an der Sorbonne in Paris. Hier verstärkt sich das Interesse für die arabische Welt und ihre Sprache. Sie findet besonderen Gefallen am „Klassischen Zeitalter“ (9. – 12. Jahrhundert), das zum Beispiel in Andalusien das tolerante Nebeneinander verschiedener Religionen ermöglicht, und begeistert sich für dessen Philosophie und Ideengeschichte, die später auch europäische Denker der Aufklärung wie Montesquieu und Voltaire oder die Weimarer Klassik inspirierten. In Damaskus verbessert sie nicht nur ihr Arabisch, sondern lernt als Gasthörerin an der Theaterakademie einen der bedeutendsten Dramatiker des Nahen Ostens, Saadallah Wannous, kennen und übersetzt dessen Theaterstück „Die Vergewaltigung“, das das Verhältnis zwischen Palästinensern und Israel thematisiert.

Kairo 2012: Dieses Foto entstand in der Nähe des Tahir-Platzes und dokumentiert die Bedeutung von Graffiti als Mittel politischer Auseinandersetzung.

In ihrer Dissertation 1998 hinterfragt sie die gängige These der Forschung, es gebe kein „indigen arabisches“ Theater. Sie konstatiert zwar das Fehlen „Lessing‘scher Kriterien einer der bürgerlichen Dramatik entsprechenden Kunstform“, betont jedoch die Fülle theatraler Darstellungsformen wie den Geschichtenerzähler, die Schatten- und Passionsspiele oder die rituelle Performance.
Nach weiterer wissenschaftlicher Tätigkeit an der FU Berlin erhält sie eine an der Universität Oslo erstmals ausgeschriebene Professur für Arabistik. 2007 zieht es sie schließlich ans neu geschaffene CNMS, nachdem sie einen Ruf an die FU abgelehnt hat. Die exklusive Bündelung verschiedener  Fachdisziplinen zu einem regionalwissenschaftlichen Zentrum in Marburg ist es, was sie fasziniert und den Standort interessant macht.
Mit dem Beginn der medialen Revolution in Ägypten und Tunesien im Jahr 2010, die mit dem Tod eines jungen Bloggers einherging, und den folgenden Auseinandersetzungen im arabischen Frühling hat sich laut Pannewick nicht nur die politische Konstellation im Maghreb und dem Nahen Osten radikal verändert.
Auch das gesamte Fachverständnis der Arabistik habe einen Wandel erfahren: „Es wurde auf die Straße heruntergebracht.“ Die Literatur wurde aus ihrer Sicht schon früh zum Seismograph dieser Transformationsprozesse. Kunst sei in den arabischen Ländern stärker als in Europa ein Mittel, um politische Botschaften zu transportieren. „Sie ist subversiv und viel enger mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft als in Europa“, so die Erkenntnis von Pannewick.
„In vielen Veröffentlichungen und Forschungsprojekten hat sie sich mit den Themen der arabischen Gegenwartsliteratur und Ideengeschichte befasst. Dazu gehören die literarische Behandlung von Bürgerkriegserfahrungen und Rebellionsmodellen sowie der Rolle des Märtyrertums.“ Mit dieser Begründung hat die DFG ihr den Leibniz-Preis verliehen, mit dessen Mitteln sie ein Team aufbauen konnte, das jetzt ihre Forschungsansätze weiterverfolgt.

von Norbert Wiedemer

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