Die Frau für die Kunst

Der 28. Mai 2015 war in Marburg ein besonderer Tag.

Im Ernst-von-Hülsen-Haus hatte unter dem Titel „Der große Bau“ eine Tagung begonnen. Um 16 Uhr steht die Kunstwissenschaftlerin Sigrid Hofer am Rednerpult. Sie hält einen Vortrag über die Bedeutung Richard Hamanns für Entstehung und Bau des stattlichen Gebäudes in der Biegenstraße. Der Professor für Kunstgeschichte, der von 1913 bis 1949 in Marburg lehrte, hat das Marburger Bildarchiv gegründet, das heute noch hier seinen Sitz hat. Aber mit dem Bau des Ernst-von–Hülsen-Hauses habe er nichts zu tun, trägt die heute hier lehrende Sigrid Hofer vor. Das Publikum staunt. Wird doch Hamann in der gesamten Literatur mit dem Museumsbau in enge Verbindung gebracht. Auch sein Bronzekopf wacht über den Lesesaal der Kunstwissenschaft.

Sigrid Hofer hat einfach etwas gemacht, das man als Wissenschaftler „gefälligst zu machen hat“, sie hat genau hingeschaut. Tausende von Akten und Briefen gesichtet; „nirgends waren Hinweise zu finden, dass Hamann mit Planung und Bau des Museums was zu tun hatte“.
Diese unbestechliche Genauigkeit hat Sigrid Hofer in den 70er Jahren am Bert-Brecht-Gymnasium in München gelernt. „Wir wurden zu politischer Sensibilität erzogen, dazu hinter die Dinge zu blicken, eine Haltung zu entwickeln.“ Eigentlich ganz einfach, ist man geneigt zu sagen; aber man muss es auch machen.
Seit gut zwölf Jahren ist Sigrid Hofer Professorin für Kunstgeschichte in Marburg. Hier macht sie das, was sie fast von Kindesbeinen an am liebsten macht – sie beschäftigt sich mit Kunst.


Beinahe wäre sie Geigerin geworden

Der Reihe nach: Geboren in Sindelfingen und bald umgezogen nach München, verbrachte Sigrid mit der älteren Schwester und dem jüngeren Bruder dort Kindheit und Jugend. Das Elternhaus ließ die Kinder früh Kultur schnuppern. So blätterte der kleine Bruder in Bildbänden von Klee und Picasso und die Schwester musste die kleinen Erläuterungen am Rand vorlesen. Aber man dürfe sich den Weg zur heutigen Kunstwissenschaftlerin nicht als kerzengerade vorstellen. Als sie das erzählt, macht Sigrid Hofer eine kleine Pause: „Mit mehr Begabung wäre ich Geigerin geworden“.
Es ist schwer zu entschlüsseln, ob bei dieser Feststellung mehr Bedauern als Erleichterung mitschwingt. Letztendlich entwickelte sich das ohnehin angelegte Interesse für die Kunst zügig weiter.
Ein hervorragendes Abitur 1976 bot freie Auswahl bei den Studienfächern und so schloss sich in München, Berlin und Bamberg das Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Ethnologie an. 1985 Promotion bei dem Mittelalterforscher Robert Suckle. 1998 Habilitation und nach Lehrtätigkeit in Frankfurt seit Oktober 2003 Professorin in Marburg. Der Uni-Betrieb mit all seinen formalen Anforderungen macht schon Stress, sagt Sigrid Hofer, die noch nicht einmal von einer Sekretärin unterstützt wird. Aber die Arbeit mit den Studenten, das ist Erfüllung. Auch der Stolz auf eine kluge Tochter, die zurzeit in England studiert. „Sie wird wohl mal Schriftstellerin“, sagt Sigrid Hofer und man spürt das große Vertrauen, das die Mutter in die Fähigkeiten der Tochter hat.


Bewunderung für Caspar David Friedrich

Und Genuss verschafft die Musik. Nicht selbst gegeigte, sondern gehörte. Ob von Platte oder in der Oper. „Aber nicht als Hintergrundmusik“, sagt sie fast ein wenig streng. „Musik muss berühren, das kann sie nur, wenn man ihr genau zuhört.“ Klingt da wieder der Hang zur Genauigkeit an?
Wenn man mit einer Kunstwissenschaftlerin über Kunst spricht, so muss man auch über Malerei sprechen, schließlich vermittelt sie als Lehrende den Studenten auch Maler und ihre Kunstwerke.
Wessen Malerei berührt die Seele der Wissenschaftlerin nun am nachhaltigsten? „Caspar David Friedrich“, antwortet Sigrid Hofer ohne Zögern. „Diese Bilder haben etwas Meditatives“. Wieder eine kleine Pause. Man hat den Eindruck, Sigrid Hofer lässt Bilder von Caspar David Friedrich an ihrem inneren Auge vorbeigleiten. „Weite und Zuversicht drücken diese Bilder für mich aus“, fügt sie noch an.
Und jetzt, wo sie sich auf einige wenige festlegen soll, fallen ihr weitere Maler ein, die ihr am Herz liegen: „Die Abstrakten“. Mit Gerd Baukhage nennt sie einen Maler, der Ende des vorigen Jahrhunderts zur abstrakten Malerei gefunden hat. Und einen möchte sie auf keinen Fall vergessen, den Bankiers-Sohn aus Aix-en-Provence: Paul Cezanne.
Die Abstraktion in der Malerei ist nicht nur eine persönliche ästhetische Vorliebe, sie ist auch Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Die Entwicklung der Abstraktion nach 1945 wurde auf den Einfluss der Amerikaner zurückgeführt. Abstraktion war Ausdruck des freien Westens und der freien Entfaltung der künstlerischen Individualität. Für den Osten war eine solche Kunst undenkbar,  da der Staat von den Künstlern die Befolgung der Stilmittel des sozialistischen Realismus einforderte  und in volkstümlichen Bildern die Helden der Arbeit und den Fortschritt des sozialistischen Staates sehen wollte. Klingt erst mal ganz plausibel. Aber Sigrid Hofer wollte es genauer wissen. Sie hat sich 2004 mit einer Gruppe Studenten daran gemacht zu untersuchen, ob es in der DDR neben der staatstragenden Kunst nicht vielleicht doch auch informelle Malerei gegeben hat.
Und sie wurden fündig. Und wie. Die DDR hatte, wenn auch ein wenig versteckt, ein breites künstlerisches Schaffen auf diesem Gebiet. Mit ihren Studenten, ostdeutschen Kollegen, Künstlern und Sammlern hat Sigrid Hofer eine Ausstellung zusammengestellt, die vor zehn Jahren in Marburg einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Im selben Jahr wanderte die Ausstellung weiter nach Halle und Jena. 2007 wurden die Exponate in Dresden gezeigt.
Und heute ist es eine wissenschaftlich gesicherte Selbstverständlichkeit, dass sehr wohl die Künstler in der DDR auch abstrakt gemalt haben. Und wie fing alles an? Sigrid Hofer hat nicht geglaubt, sie wollte wissen. Einen ebenso feinen wie interessanten Katalog hat sie dazu gemacht.
Ein Exemplar legt sie mir zum Abschied auf den kleinen Tisch. Auf meinen Wunsch hin setzt sie in blauer feinstrichiger Kulischrift ein „Herzlich“ und Unterschrift auf die weiße Aufschlagseite und schiebt mir den Katalog zu.
Unten auf der Steintreppe vor dem Ernst-von-Hülsen-Haus lungern ein paar Studenten. Wie denn die Frau Hofer so sei, will ich wissen. „Die ist voll nett.“

Text/Fotos: Günter Gleim

 

 

 

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