Schwester Edith

„Lieber Gott – nun mach was draus“

Sie hat die Familie gewechselt, doch der Mann an ihrer Seiteist geblieben: Gott. Ordensschwester Edith empfängt ihre Gäste nicht mehr in der Marburger Badestube inmitten von Kindern, Jugendlichen und jungen Müttern im Gertrudisheim, sondern unweit des Bahnhofes im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth. Und es ist bezeichnend, dass sie das Gespräch über ihr Leben in einem Gemeinschaftsraum führt. Sie, die Ordensschwester, ist ausgezeichnet mit weltlichen Ehrenzeichen: 2007 das Bundesverdienstkreuz und vor zweieinhalb Jahren als erste Frau Marburgs die Ehrenbürgerrechte. Und auf dem Weg zum Speiseraum kann sie einfach nicht anders, als die Türe zur kleinen Kapelle zu öffnen, die wie das Heim selbst bis vor zehn Monaten saniert worden ist.

„So lange ich eine Rolle spiele, spiele ich keine.“

Treffender als sie selbst mit diesem ihrem Motto kann wohl kaum jemand die 76jährige Ordensschwester beschreiben. Eine Rolle zu spielen – Bedeutung für jemanden zu haben, etwas zu verkörpern, wichtig zu sein, jemandem am Herzen zu liegen, das hat die Katholikin nicht nur in den mehr als vier Jahrzehnten getan, in denen sie das Gertrudisheim geleitet hat: Eine große christliche Familie unter dem Dach der Caritas, die Kindern und Jugendlichen aus zerrütteten Familienverhältnissen ins Leben zurück helfen will, in der aber auch junge Mütter ein Zuhause finden.
Eine Rolle zu spielen, das hat sie schon von Kindesbeinen an gelernt, als Älteste von fünf Geschwistern, geboren 1936 im Westerwald, aufgewachsen in den Jahren der Kriegswirren: zunächst in Kassel, wo die Familie wegen des Arbeitsplatzes des Vaters hingezogen war, dann zurück in den Westerwald zu den Großeltern, „als die ersten Bomben über Kassel abgeworfen wurden“. „Du als Älteste müsstest doch…“, diesen Satz hat sie immer wieder gehört, und er hat sie geprägt. Aber das „sich Kümmern um“ hat nicht nur sie geprägt, sondern auch ihre beiden Schwestern: Auch sie spielen außerhalb der leiblichen Familie eine Rolle für andere Menschen – als Sozialpädagoginnen.

Eine Rolle gespielt bei der Entscheidung ins Kloster zu gehen, haben die Gebete zu Gott. Und so erfüllte sich dann der Wunsch: 1954 trat die damals 17-jährige Anna-Maria Ludwig, so ihr weltlicher Name, als Schwester Edith in das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Fulda ein und absolvierte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin.
Im Anschluss daran leistete sie ihr Noviziat ab. In den Jahren 1957 bis 1958 folgte das Anerkennungsjahr im Kinderheim Maberzell, 1958 das Erste Ordensgelübde, dann drei Jahre als Leiterin des Kindergartens Arzell, danach die Ausbildung zur Erzieherin im Antoniusheim Fulda. Von 1963 bis 1965 absolvierte sie in der Fortbildungsakademie des Deutschen Caritas Verbandes Freiburg erfolgreich eine Ausbildung zur Jugendleiterin. Im Anschluss daran wurde ihr die Leitung des Kindergartens in Neustadt übertragen. Im Jahre 1966 dann der Wechsel nach Marburg und die Übernahme der Leitung des Gertrudisheims.
Wieviele Kinder sie in ihrem langen Berufsleben umsorgt und erzogen hat? „Das kann ich nicht sagen“, antwortet die Ordensschwester, der ein weltlicher Faible völlig fehlt: Der Hang zu Statistiken. „Aber ich könnte die Zahl feststellen, die Akten befinden sich ja noch im Archiv.“ Auch wenn ihre damaligen Kinder heute selbst Mütter und Väter sind – „Oma hat mich noch nie jemand genannt.“
Auch für Marburg spielt Schwester Edith heute noch eine wichtige Rolle. Sie ist Mitglied des Jugendhilfe-Ausschusses. Im Caritas-Verband Marburg gehört sie ebenso zum Vorstand wie in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Im Rotary Club ist sie Ehrenmitglied.
Welche Rolle sie heute spielt, nachdem sie vor nahezu drei Jahren die Leitung des Gertrudisheims abgegeben hat? „Ordensschwestern gehen nicht in den Ruhestand, sie engagieren sich weiter in und für ihre Gemeinschaft.“ Diese bilden nun die Bewohner des Alten- und Pflegeheims St. Elisabeth in der Lahnstraße.
Was für Schwester Edith in all den Jahren eine Rolle gespielt hat, um all das zu schaffen? „Dass ich mit dem da oben geredet habe, dass ich ihm sagen konnte: Du hast mich hier hingebracht, nun mach‘ was daraus.“

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