Stilvolle Stimme

Angelika Aschenbrenner setzt sich für Menschen ein

Unternehmerin Angelika Aschenbrenner erleidet in der Mitte ihres Lebens einen schweren Schicksalsschlag. Fortan setzt sie sich umso mehr für Frauen und junge Menschen ein. Und ihre Firma.

Sie hat ein Timbre in der Stimme, mit dem sie lässig einen Hildegard-Knef-Chanson interpretieren könnte. 50 Jahre Rauchen leisteten sicherlich ihren Beitrag. Die heute 65-Jährige zieht eine Zigarette aus der goldfarbenen Schachtel einer englischen Marke und steckt sie in ihren mit rosa Lippenstift gefärbten Mund. Zündet sie an und lehnt sich zurück in den Stilmöbel-Sessel. Zwei Zigaretten werden noch folgen. Dezent. Trotzdem merkt man schnell, dass sie weiß, was sie will. Angelika Aschenbrenners Auftreten ist stilsicher. Blonde Haare streng zurück zum Pferdeschwanz gebunden, sie trägt Perlen- und Goldschmuck, man sieht ihn, aber er ist gefühlt nicht da, Kleidung in zartrosa und weiß und klaren Schnitten unterstützen ihre Bräune, aber nicht zu viel. Nur die großen Schleifen an ihren ebenfalls rosafarbenen Pumps zeigen Verspieltes. Ebenso wie die Stilmöbel, die Porzellansammlung aus Meißen in einer Vitrine und die farbenreichen, fantasievoll gewachsenen Orchideen. Alles Hobbys, wie auch das Bemalen von Porzellan. Sie liebt auch klassische Musik und war gerade bei den Bad Hersfelder Opernfestspielen. Gunther Emmerlich, den sie persönlich kennt, hat gesungen. „Als Oberst Ollendorf perfekt“, findet sie.

Es ist der 12. April 1991. Angelika Aschenbrenners Leben wird sich an diesem Freitag verändern. Für immer. Ihr Mann Herbert stirbt bei einem Verkehrsunfall. Er nimmt an diesem Tag viel mit. Ihr altes Leben und ein Stück vom neuen. Sein Wissen um die gemeinsame Existenz. Das Unternehmen Aschenbrenner Werkzeug-und Maschinenbau. Dieser Tag wird ihr aber auch ein neues Leben schenken und neue Kraft geben. Das weiß die damals 40-Jährige noch nicht.

Geschockt, resignierend, starr, denkt sie das, was jeder in dieser Minute des Anrufs denkt: „Warum passiert mir das?“ Angelika Aschenbrenner wird ihr Leben völlig umkrempeln, aber an das alte anknüpfen. Ihre Charaktereigenschaften, verlässlich zu sein und loyal, sich verantwortlich zu zeigen und ebenso einen Hang zum Praktischen zu haben, hat sie bis zum Unfall unter Beweis gestellt. Doch wird sie diese perfektionieren, noch mehr zu Tage fördern. Eigenschaften, die zu einer Bergarbeiterfamilie aus Recklinghausen passen. Dort wuchs sie im Ruhrgebiet der 50er und 60er Jahre unter dem Namen Röhrich mit einem jüngeren Bruder auf. Eine kranke Schwiegermutter im Haus, eine dreijährige Tochter, einen 23-jährigen Sohn, der vor dem Studium steht, eine Firma, der plötzlich der „Kopf“ fehlt, 66 Mitarbeiter, Schulden, alleinerziehend, verwitwet. So stand sie in der Mitte des Lebens. Sie hätte aufgeben können, verkaufen, abschließen. Angebote gab es genug. „Aber da waren die Menschen. Keine Nummern, sondern Gesichter“, sagt die kleine, schlanke Frau im Wohnzimmer in ihrem Haus, das heute noch direkt neben der Werkshalle in Anzefahr, einem Stadtteil Kirchhains, steht. Viele Gründe, die ihr weiteres Schaffen beeinflussen werden. Es war aber nicht nur der Gedanke an die Mitarbeiter, der ihr neuen Mut gab, viel mehr Pascals Stimme hatte Gewicht, die des Sohnes. Papas Liebling und umgekehrt.

Er musste in der Firma ran. Das Geschäft von der Pike auf lernen. Er wollte es. „Wenn Du das Unternehmen verkaufst, ist Papa endgültig gestorben“, sagte er zu ihr. Das nahm sie sich zu Herzen. Aber auch sie hatte schließlich alles für den Aufbau des Unternehmens gegeben. Damals war sie Köchin und Hauswirtschaftsmeisterin. War Anfang 20 und machte eine Kur in Bad Wildungen. Sie lernte Herbert Aschenbrenner kennen und blieb. In Anzefahr, weit weg von der Großstadt. Ihr gefiel es, und es gefällt ihr noch. Angelika Aschenbrenners grüne Augen hinter der goldglänzenden Designerbrille werden dabei größer und ihr Arm macht eine runde Bewegung, die fiktiv die Landschaft um sie herum zeigt. Marburg ist ihr schon zu viel. Sie lernte damals Industriekauffrau, unter anderem in Frankfurt. „‚Da hast Du Deine Rolltreppen´, sagte Herbert zu mir, wenn ich die Großstadt brauchte“, erinnert sie sich.

Sie bauen das Unternehmen auf. Im Keller. Dann die ersten Hallen nebenan. Sie sitzt an den Maschinen, tapeziert, übernimmt das Kaufmännische. Angelika Aschenbrenner wird Geschäftsführerin neben ihrem Mann. Sie studiert abends Betriebswirtschaft. 1988 übernehmen sie die Vorfertigung der Deutschen Fernsprechgesellschaft in Marburg. Dann der Tag der Zäsur in 1991. Der Verkehrsunfall. Sie berappelt sich. Angelika Aschenbrenner schafft es, dass junge Mütter und Väter die Ausbildung in Teilzeit machen können, dass Auszubildende an CNC-Fräsmaschinen eine Zusatzqualifizierung bekommen. Sie zahlt in ihrer Firma eine „Windelprämie“. Die Unternehmerin engagiert sich. Die Themen drehen sich um Frauen und junge Menschen, die in den Beruf einsteigen. Angelika Aschenbrenner nimmt hohe Ämter im Verband Deutscher Unternehmerinnen ein, sie wird Handelsrichterin am Landgericht, macht Politik. Wird Kreistagsabgeordnete und Stadtverordnete. Beides als Fraktionsvorsitzende der FDP, „eine Partei, die Verbote verbietet“, sagt sie. Sie ist Mitbegründerin der Käthe-Ahlmann-Stiftung, in der sie heute als Mentorin und in führender Position arbeitet. Sie debattiert, diskutiert, erhebt die Stimme.

Es hagelte Preise. Darunter erhält sie den Förderpreis Innovativer Mittelstand, „Großer Preis des Mittelstandes“, „Innovationspreis im Unternehmerwettbewerb Erfolgsfaktor Familie“. Die Preisgelder investierte sie in das Projekt „Kind und Karriere“ (KuK), das durch das Marburger Kreisjobcenter betreut wird und deutschlandweit einmalig ist. 16-Stunden-Tage waren das. Ihr Lebenspartner, den sie seit 1999 hat, hat das stets respektiert.

Heute gibt sie ab. Das hat sie schon 2009 an ihren heute 47-jährigen Sohn getan. Tochter Sabrina (28) promoviert in der Betriebswirtschaftslehre. Sie zieht es mehr in die Welt hinaus, sagt die Mutter, die langsam loslässt. Angelika Aschenbrenner will mehr verreisen. Nach Australien soll es gehen. Schließlich berät und repräsentiert sie noch. Stilsicher und dezent, aber bestimmt mit gewisser Bestimmtheit. Und dem Timbre in der Stimme.

von Richard Kiefer/ Fotos: Brock

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