Der Bohl vom Kohl

Auf den ersten Blick ein unscheinbarer Jurist

Bei näherem Hinsehen ein  Politiker von denen ganz oben. Ein recht massiver, nicht besonders hoher weißer Metallzaun umgrenzt Garten und Haus. Kurz nach dem Druck auf die Klingel schnurrt das Schloss der kleinen Vorgartentür. Beinahe gleichzeitig öffnet eine blonde Dame die Haustür. „Fritz, ist für dich.“

Einmal quer durch Flur und Wohnzimmer – dann sitzt Fritz lässig zurückgelehnt auf einem Verandastuhl seinem Besucher gegenüber. Zwischen uns Kuchenstückchen auf einen Teller aneinandergereiht, daneben zwei Tassen. „Kaffee oder Tee“, klingt es aus dem Haus. Ich nehme Leitungswasser. Das ist er also, einer der berühmtesten lebenden Marburger: Friedrich Bohl. Ein sportlicher mittelgroßer Mann mit blauen Augen und einem freundlichen Blick. Linksscheitel, ein paar Haare fallen lässig in die Stirn. Das ist der Bohl vom Kohl? War uns nie so aufgefallen neben dem wuchtigen Altkanzler, der vermutlich doppelt so viel essen und trinken konnte, zwei Köpfe größer war, lauter sprach und auch mindestens doppelt so schwer war – politisch wie körperlich. Aber das war alles später. Angefangen hat der kleine Bohl als Sohn eines Agrarlehrers und einer Sparkassenangestellten in Göttingen. „Rossdorf“ steht als Geburtsort im Ausweis. In diesem kleinen Dorf südlich von Göttingen kamen die Kinder in der Zeit des Krieges zur Welt. Aus Angst vor Bomben. Die Marburger Karriere begann 1950 in Rauschenberg. Dort besuchte der kleine Fritz die Grundschule. Umzug nach Kirchhain und von dort aus bis zum Abitur 1964 „Fahrschüler“ der Martin-Luther-Schule in Marburg. Liegen hier erste Wurzeln für die politische Karriere? Ein Windstoß fährt unter die Tischdecke und kippt Bohls Tasse um. Er hebt die Tischdecke ein wenig an und blickt auf die kleine Kaffeespur, die Richtung Kuchenteller kriecht. „Elisabeth, ich habe gesaut“, ruft er etwas ratlos in Richtung Haus. Nach wenigen Handgriffen ist die Spur beseitigt. Freundlicher Blick zu Elisabeth, ein kleines Nicken. Die Wurzeln der politischen Karriere liegen in der Martin-Luther-Schule. Genauer – bei einem Deutschlehrer, der zu kritischem Denken und zu engagierten Diskussionen angeregt hat. „Ganz nebenbei“, sagt Bohl „das war der Vater unserer heutigen Universitätspräsidentin.“

Nach dem Abitur studierte Friedrich Bohl Jura. Gleichzeitig begann die politische Karriere: 1964 – 1970 war er Kreisvorsitzender der Jungen Union Marburg-Land und wurde 1970 in den Hessischen Landtag gewählt. Mit dem Zweiten Juristischen Staatsexamen und Bestellung als Notar war die akademische Ausbildung formal abgeschlossen. Und mit der Wahl in den Bundestag 1980 schloss er quasi auch seine lokale und regionale politische Grundausbildung ab.

Innenpolitischer Kulissenschieber mit außenpolitischer Wirkung

War das Jura-Studium für die Politik nützlich? „Das strukturierte Denken. Das Lösen von Fällen. Das hilft im politischen Geschäft“, antwortet Friedrich Bohl spontan. Nach gut zehn Jahren fiel das strukturierte Denken des Abgeordneten Bohl auch dem Bundeskanzler auf. Helmut Kohl macht ihn so nach und nach zu seinem wichtigsten Mitarbeiter. Zum Bohl von Kohl.

Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, hält Friedrich Bohl für den „innenpolitischen Kulissenschieber“, ohne den Helmut Kohl niemals ein solch überragender europäischer Staatsmann geworden wäre. Die neunziger Jahre, das waren die Jahre, in denen Friedrich Bohl die Hände all der Politiker geschüttelt hat, die heute in den Geschichtsbüchern stehen: Margret Thatcher, Gorbatschow, Jelzin, Bush senior und alle anderen maßgeblichen Figuren der Weltgeschichte. Auch der Queen; aber der schüttelt man vermutlich nicht die Hand.

Wie sähe eine fiktive Weltregierung aus, die Friedrich Bohl zusammenstellt? Wen nähme er zuerst? „Kohl“, kommt es sofort. Und fast ebenso schnell kommt Bush senior, dessen Bedeutung er für die damalige Zeit hoch schätzt. Nach einem Europäer wie Schumann nimmt er auch Angela Merkel in seine Weltregierung auf. Abschließend sagt er noch, dass für ihn von der alten Generation Alfred Dregger „politischer Ziehvater“ gewesen sei. Und er betont auch, dass er mit dem Grünen Hubert Kleinert exzellent zusammengearbeitet hat. Was war eigentlich in der ganzen Zeit mit dem Privatleben? „Ich habe sieben Enkel“, sagt Friedrich Bohl trocken. Sieben Enkel von seinen vier Kindern, die zwischen 1969 und 1980 auf die Welt gekommen sind. Im Ranking der schönsten Momente in seinem Leben steht ganz oben die Heirat mit seiner zweiten Ehefrau Elisabeth, die er vor bald 40 Jahren geheiratet hat. „Allemal unser Humor hält uns zusammen“, antworten unisono die Bohls als ich sie beide frage. Und wieder der freundliche Blick zueinander; und wieder das kleine Nicken.

Hoch vom Schloss blickt er tief auf das altehrwürdige Marburg

Der schönste Moment in seinem politischen Leben war der 3. Oktober 1990. Die Szene mit Brandt, Kohl und Weizsäcker auf der Freitreppe vor dem Reichstag mit der dann etwa schütter gesungenen Nationalhymne. Der Bohl vom Kohl stand etwas abseits. Aber er war dabei; wie fast bei allen politischen Highlights der Neunziger Jahre. So weit die schönsten Momente. Nun die schönsten Orte. Auch da hat Friedrich Bohl schnelle Antworten: Schönster Platz zum Lesen: Der Strandkorb im Garten. Schönster Platz zum Arbeiten: Sein Büro im Schloss, wo er 72 Stufen hoch mit Blick über Marburg als Präsident der VonBehring-Röntgen-Stiftung residiert. Ein weiteres Büro hat er noch bei der DVAG in der Rosenstraße, wo er Verantwortung als Aufsichtsratsvorsitzender trägt. Den schönsten Blick über Marburg lasse ich mir zeigen. Als wir das Haus verlassen, schnurrt wieder die stabile Tür. „Das ist noch Befestigung aus der Ministerzeit“, sagt der Hausherr. Könnte man eigentlich mit einem herzhaften Sprung drüber fl anken, denke ich. Aber wer weiß, was dann für Lichter und Sirenen anspringen. Das Metalltor vor der Garage fährt langsam auf. „Ich nehme mal deinen“, ruft Friedrich Bohl in Richtung Haus und lenkt den Audi rückwärts auf die Straße. Wir fahren die steilen Straßen und Gassen hoch zum Schloss. Mit „das ist mein Sport“, geht er zügig die 72 Stufen voran. Ich denke kurz an die Kiste mit den Don-Marco-Zigarren, die er mir vorhin gezeigt hat. Eine Sekretärin öffnet und geleitet uns in das Büro mit dem Blick. Friedrich Bohl geht um den piekfein aufgeräumten Schreibtisch und setzt sich hin. Die Hände gefaltet auf der dunkelbraunen Schreibtischunterlage. Hinter ihm blickt Adenauer nachdenklich von der Wand. Seitlich die Fensterfront mit Marburg von oben. Ganz schnell leise nebenbei gefragt sagt die junge Sekretärin: „Toller Chef“. „Sehr freundlich“, fügt sie noch etwas schüchtern an. Kurze Fahrt in die Rosenstraße zur DVAG. Zügig geht der irgendwie immer noch jugendlich wirkende Friedrich Bohl durch das riesige Foyer. Bei jedem Schritt geben die Hosenbeine kurz den Knöchel frei. Wie bei dem heutigen Kanzleramtsminister. Aber der Altmaier hat Hochwasser, weil er die Hose über dem dicken Bauch gürtelt. Das kann es bei Bohl nicht sein. „Geht es gut?“, grüßt er die Damen hinter dem Empfangstresen. „Danke, alles in Ordnung.“ Ein groß gewachsener Krawattenträger kommt auf uns zu; begrüßt den Aufsichtsratsvorsitzenden mit einer angedeuteten klitzekleinen Verbeugung. Ein paar Sätze über eine Veranstaltung in ein paar Tagen. „Bis Freitag dann.“ Mit einem kleinen Handaufheben zum Krawattenträger wendet sich Friedrich Bohl um und geht zu Schumachers Formel 1 Ferrari, der am Randes des Foyers steht. Reinsetzen fürs Foto will er sich nicht. „Pass nicht rein“, sagt der schlanke Friedrich Bohl.


Text/Fotos: Günter Gleim

 

 

 

Joomla Plugin