Besuch der alten Dame

Manche Geschichten lassen sich bisweilen nur zur Hälfte erzählen

... und sind dennoch komplett. Irgendwie. Das Treffen mit der 96-jährigen Charlotte von Sachsen begann mit einem Problem. Mit der Unsicherheit des Besuchers: Wie überreiche ich einer Dame des Hochadels eine Orchidee? „Sie haben Blumen mitgebracht? Für mich? Stellen Sie sie dort hin.“ Nicht überreichen. Einfach hinstellen.

Über das ganze Zeug, das andere Journalisten geschrieben haben, will sie nicht reden. Sie will als Zeitzeugin von früher erzählen. Von einer Zeit, die kaum noch jemand aus eigener Anschauung kennt. Von einer frohen Jugend in Dresden. Von ihrer Freude am Reitsport. Von ihrer Zeit auf der Höheren Mädchenschule in Dresden. Von dem grandiosen Abitur, das sie genau an ihrem 19. Geburtstag ablegt. Das war am 11. März 1938.    

Und nun lief vieles nicht mehr so, wie die junge Lotte Schwindack wollte. Die drei besten Abiturientinnen bekamen ein „Hitler-Stipendium“. Und genau von dem wollte sie kein Stipendium haben, so gern sie Deutsch und Geschichte studiert hätte. „Nicht von dem“, sagt sie heute noch fest. Aber so was konnte man in dieser Zeit nicht einfach ablehnen. Mindestens nicht aus Prinzip. Wohl mit einer Begründung. Zum Beispiel mit der Schauspielerin werden zu wollen. In künstlerischen Berufen gab es noch eine gewisse Freiheit und so begann sie, privaten Unterricht bei einem Schauspiellehrer zu nehmen.

Mit dem schlimmer werdenden Krieg wurden Künstler zum „totalen Kriegseinsatz“ abkommandiert. „KDF“ hieß das Programm, also Kraft durch Freude. Charlotte Schwindack und zwei andere Künstlerinnen traten vor Deutschen Soldaten auf. Vor Wehrmachtssoldaten auf norwegischen Inseln. Charlotte trug literarische Texte vor, die beiden anderen präsentierten Gesang mit Klavierbegleitung. Damit sollte dem „Polarkoller“ entgegen gewirkt werden, unter dem die Soldaten in der dunklen Einsamkeit des Nordens litten. Zurück in Dresden wurde die sprachbegabte Abiturientin als Wehrmachtsdolmetscherin ausgebildet.

In dieser Zeit strömten aus den Ostgebieten tausende Flüchtlinge nach Dresden. Die Bombenangriffe auf deutsche Städte fanden weiter westlich statt. Dresden, die Stadt der Kultur, ohne kriegswichtige Industrie, lag scheinbar friedlich mitten im kriegsumtosten Europa. „Dresden galt lange als sicher“, erinnert sich Charlotte von Sachsen noch heute.
Bis zum 13. Februar 1945.

Englische Bomber legten mit Brandbomben einer Feuerring um die Barockstadt, „aus dem es kein Entkommen gab“.  Das Elternhaus der damals 26-jährigen Charlotte lag zwar in Dresden, aber außerhalb des Feuerrings. Einen Tag später saß Charlotte mit ihren Eltern und mit Hausbewohnern erneut im Keller. Diesmal flogen die Amerikaner einen Angriff mit Sprengbomben. Das Haus der Schwindacks erhielt einen Treffer.

Das halbe Haus stürzte ein und begrub den halben Keller. In der anderen Hälfte saß die Familie, saßen die Hausbewohner. Alle kamen heil an die Oberfläche. Dorthin, wo man nicht mehr erkennen konnte, dass das mal eine der schönsten Städte der Welt war: das barocke Dresden.

Piscator-Aufführung im Marburger Theater:Charlotte v. Sachsen als Daja in Lessings Nathan der Weise

Piscator-Aufführung im Marburger Theater:Charlotte v. Sachsen als Daja in Lessings Nathan der Weise


Charlotte von Sachsen beschreibt die Ereignisse konzentriert mit großer Genauigkeit; und das nach 70 Jahren. Sie wollte damals raus aus der zerstörten Stadt. Die Familie hatte früher immer Sommerurlaub bei einem Bauern im Erzgebirge gemacht. Dort hatten wir zwei Zimmer gemietet, um ein Ausweichquartier zu haben. Auf dem Weg dorthin geriet Charlotte beim Vorstadtbahnhof Plauen erneut in einen Bombenangriff, bei dem sie mit anderen in einem Bunker verschüttet wurde. Es konnten sich aber alle aus den Trümmern befreien.  Wieder knapp dem Tod entronnen legte sie vor sich selbst ein Versprechen ab: „Ich will in meinem Leben Gutes tun“.

Letztendlich ist das der Brückenschlag nach Marburg. Hier hat sie als Charlotte Schwindack und später als Charlotte von Sachsen Gutes getan. Das wissen in Marburg viele junge Menschen, denen sie mit ihrer ganz eigenen Art geholfen hat, einen erfolgreichen Schulabschluss zu machen. Selbst aussichtslosen Fällen konnte sie helfen. Als begnadete Pädagogin ohne je Pädagogik studiert zu haben. In einem amtlichen Schreiben von einem Schulpsychologen über einen scheinbar hoffnungslosen Fall an das Schulamt, heißt es über Charlotte von Sachsen und ihren Nachhilfeschüler – den hoffnungslosen Fall –, ...“dass hier offensichtlich zwei Menschen aufeinandergetroffen sind, die optimal miteinander lernen und arbeiten können“.

„Ich kenne sie nicht mehr alle“, sagt die 96-Jährige. Aber dann weiß sie noch ganz genau, wie der „Brückenschlag“ nach Marburg zustande kam. Es war wieder eine Ansammlung von Zufällen und glücklichen Fügungen – eine alte Schulfreundin in Bensheim, wildfremde Menschen auf Bahnhöfen, gar der Schauspiellehrer aus Dresden halfen bei der Odyssee, die schließlich über gerade aus englischer Gefangenschaft heimgekehrte Offiziere, die in Trinidad Lagertheater gespielt hatten, über  Wuppertal nach Marburg führte. Hier gehörte Charlotte Schwindack zum nach dem Krieg von Walter M. Holetzko neu gegründeten Marburger Ensemble. In den frühen 50er Jahren spielte sie unter der Regie von Erwin Piscator die Daja in Lessings Nathan der Weise und die Tituba in der Hexenjagd von Miller.

Neben der Schauspielerei wurde sie dem Marburger Publikum durch Literaturlesungen bekannt. Das hat sie alles gut gemacht, wie zahllose Zeitzeugen aus dem kulturellen Leben Marburgs noch wissen. Besonders dankbar ist Charlotte von Sachsen, dass sie in den Synagogen von Roth und Wetter jüdische Literatur vortragen konnte.

Oberbürgermeister Egon Vaupel lobt ihre „unverbiegbare klare Meinung“. Auf Betreiben Charlotte von Sachsens wird auch in der umgebauten Stadthalle eine Erinnerungsstätte an Erwin Piscator eingerichtet. Und wer der nun 96-Jährigen aufmerksam zuhört, wie sie sorgfältig Stöckchen von Hölzchen unterscheidet, wie sie Einzelheiten in größere Zusammenhänge einordnet, der könnte sich gut vorstellen, wer bei der Neueröffnung der Stadthalle im Herbst erinnernde Worte an Erwin Piscator vorträgt.
Warum Charlotte von Sachsen den Namen trägt, der dem europäischen Hochadel zuzurechnen ist, und was sonst noch zu ihrem Leben in Marburg dazugehört – zu all dem sagt sie nichts. Die andere Hälfte der Geschichte bleibt außen vor. Privatsache.

Alles Nachdenken über stilgerechtes Überreichen einer Orchidee war letztendlich nicht so wichtig. Die Geste zählt, nicht der Gestus. Einfach hinstellen.

 

 

 

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