Amnon Orbach

„Ein Teil von mir wird immer in Marburg bleiben“

Auch wenn er nicht mehr ganz so flott wie früher unterwegs ist, so hat er dennoch nichts von seinem Tatendrang eingebüßt, ist emsig für seine Jüdische Gemeinde am Schaffen, führt jedes Jahr Hunderte von Schülern und anderen Gästen durch die „Perle Marburgs“, wie er die Synagoge in der Liebigstraße nennt, engagiert sich für interreligiöse Dialoge und lebt diese im Alltag.
Wer wie Amnon Orbach in diesen Tagen 85 Jahre alt geworden ist, der blickt dann auch einmal bewusst zurück auf ein bewegtes und bewegendes Leben: Aufgewachsen  in  Jerusalem,  dort die Herrschaft des den Nazis nahestehenden Großmuftis Hadsch Mohammed Amin al-Husseini in den 1930er-Jahren erlebt und nach dem Zweiten Weltkrieg im Untergrund gekämpft - wie bereits sein Vater in den 20er Jahren, als 16-jähriger Schüler neben Büchern auch Granaten und Gewehre in die Hände genommen. In Haifa und New York studiert, als Diplom-Ingenieur zunächst in der Rüstungs- und später in der Elektroindustrietrie gearbeitet, danach Lehrmaterial und Spielgeräte für Kindergärten und Schulen entwickelt.
Und der dann noch einmal - der Liebe wegen - mit Anfang 50 einen ungewöhnlichen Schritt gemacht hat: Nach Deutschland zu kommen, „einen Neuanfang zu wagen“, weil er zuvor einen „der größten Momente in seinem Leben“ erlebt hat: auf seine zweite Ehefrau Hannelore zu treffen.
Am 7. Oktober 1981, einen Tag nach der Ermordung des früheren ägyptischen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat. Ein Freund hatte ihn gebeten, angesichts der turbulenten Ereignisse und unsicheren Umstände in jenen Tagen eine deutsche Touristin vom Flughafen in Tel Aviv abzuholen. „Ich stand dort mit einem breiten Schild mit ihrem Namen darauf in der Halle und sie kam an - mit einem großen Rucksack“. Es blieb nicht bei diesem einem Treffen, die beiden lernten sich kennen - und lieben.
Der Israeli Orbach entschloss sich, nach Marburg zu kommen - nach der Trennung von seiner ersten Frau, auch weil ihre beiden Kinder erwachsen waren. Es war ein Neuanfang in vielerlei Hinsicht. Auch sprachlich. Er kam an, ohne die Sprache zu beherrschen, eine Sprache, die in seiner Heimat, in einem Land mit vielen Sprachen, „als Synonym für etwas  Schreckliches  galt.“
Mit Hannelore, der jungen Englisch- und Französischlehrerin, die heute fließend Hebräisch spricht, unterhielt er sich in Englisch. Reden habe er zunächst auf Hebräisch geschrieben,  Hannelore hat sie übersetzt und er auf Deutsch abgelesen. Und er gesteht, dass er sich auch heute noch immer alles in seiner Muttersprache aufschreibt, aber sich in Deutsch unterhält – mit unverkennbarem hebräischen Akzent.
Schmerzlich vermisst habe er in Marburg zunächst nicht nur die Möglichkeit,  sich zu unterhalten, sondern vor allem das Judentum, das für ihn nicht nur Religion ist.


Zunächst fand er keine weiteren Juden – „als ob die jüdische Kultur von der Landkarte der Stadt radiert worden wäre“. Er suchte in seiner  Umgebung nach Juden und fand sie – meist Schoa-Überlebende. Er traf sich jede Woche mit ihnen – meist freitags. Mit den ihn auszeichnenden Eigenschaften wie Energie und Hartnäckigkeit baute Orbach wieder eine jüdische Gemeinde in Marburg auf, besuchte selbst Vorbeterkurse. Auf seine Initiative hin zog die wachsende Gemeinde 1989 zunächst  in ein Fachwerkhaus am Fuß der Oberstadt. Doch schon bald reichte der Betraum nicht mehr aus.
Die 2005 eröffnete neue Synagoge im Südviertel – in unmittelbarer  Nähe der 1938  abgebrannten Synagoge – bezeichnet  Amnon Orbach als sein „Lebensprojekt“. Über jedes  Detail wurde diskutiert und nachgedacht – etwa über die Treppen, die aus der protestantischen Elisabethkirche stammen, die  Beleuchtung aus der Lutherischen Pfarrkirche, die lichte Kuppel und die breiten, bequemen Stühle, die inzwischen als „Marburger Synagogenstühle“ bekannt sind. Heute hat die Jüdische Gemeinde Marburg 340 Mitglieder. Es gibt Bibel-, Judentums-  und  Hebräischunterricht,  aber  auch  zahlreiche kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Vorträge und Lesungen. Amnon Orbach freut sich aber auch darüber, dass es keinen Streit in der Gemeinde  gibt  und  dass  Überwachungskameras am Eingang unnötig sind. Nie wurde ein Stein auf die Synagoge geworfen. „Hass entwickelt sich zu Hause“, ist er sich sicher. Und  wenn  dann  ein  Mann  wie  Orbach  beim Rückblick auf sein Leben erklärt, dass ein Teil von ihm „immer in Marburg bleibt“, dann kann er der Universitätsstadt kein größeres Kompliment machen – und den Menschen.  Menschen,  die  „mit  Herzen und Mund im Einklang sind“.
Amnon Orbach ist  es, wenn er eingesteht, dass  Jerusalem,  „meine  Geburtsstadt“,  auch ein Teil von ihm bleibt. Dort hat er  immer noch eine  Wohnung, „einen Schlüssel“, wie der Mann, der gerne in Bildern spricht, sagt. Und den er gerade erst wieder  benutzt hat.

Manfred Günther/ Fotos: Rainer Waldinger

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