Der Mann fürs Erinnern

Es greift zu kurz, Walter Bernsdorff lediglich als Vater von sieben  Kindern  und  Opa  von  acht  Enkeln  und  Ausbilder von einigen tausend Studenten am Institut für Leibesübungen zu sehen. Wer Walter Bernsdorff verstehen will, muss weiter zurück gehen. Auch weiter als bis zum Studium von Sport, Germanistik und Geschichte in den 50er Jahren und dem Eheschluss mit Studienkollegin Helga.
Walter Bernsdorff  versteht man erst, wenn man in  seine  baltische  Kindheit  blickt.  Am  28.  Februar 1929 wurde er in Riga als erster Sohn eines  studierten  Landwirts  geboren.  Er  war  zu jung, um im Zweiten Weltkrieg ein Gewehr in die Hand nehmen zu müssen, es reichte nur bis zum Spaten im Arbeitsdienst. Aber er  war  allemal  alt  genug,  Krieg  und  Flucht bewusst zu erleben. Wie sehr Vater und Onkel  in  die  Verbrechen  der  Nazis  verstrickt waren,  hat  er  damals  nicht  gewusst.  Und so ganz genau weiß er es bis heute nicht. Aber  Walter  Bernsdorff  hatte  Ahnungen, die nach seinen jahrzehntelangen historischen Forschungen mit großer Verspätung zu  einigen  Gewissheiten  geworden  sind. Mindestens der Onkel war an Erschießungen beteiligt. Der Vater schwieg sein 99 Jahre langes Leben bis auf späte Andeutungen vier Monate vor dem Tod.

Auf jeden Fall liegt hier der Schlüssel für all das, was Walter Bernsdorff bis heute gedacht, gesagt und gemacht hat. Gedacht  hat  er  an  die  Marburger  Juden,  die  am  9.  Dezember  1941  von  Kassel  nach  Riga  transportiert  worden sind, wie er bei seinen Recherchen rausgefunden hat. Und gesagt hat er, dass wir das nicht vergessen dürfen und hat dafür gesorgt, dass Marburg eine der 42 Städte wurde, die dem  Riga-Komitee  beigetreten  sind.  Eine  der  Städte,  aus denen ehemalige jüdische Mitbürger in einem Waldfriedhof bei Riga beerdigt sind. Wieder und wieder hat Walter Bernsdorff mit seiner Familie Polen und auch seine Heimat Lettland besucht und Menschen kennengelernt. Kontakte organisiert mit Studenten und Lehrenden. Kontakte, die erwidert wurden. Kontakte mit endlosen Gesprächen mit gegenseitigem Verstehen. Wo aus der Geschichte gelernt werden  muss,  da  ist  Walter  Bernsdorff  dabei,  notfalls  allein vorneweg. Da erinnert er an den Marburger Männerturnverein, der 1907 gegründet und im Dritten Reich verboten, dann beinahe vergessen wurde und sorgt dafür, dass 1987 mit einem Stiftungsfest erinnert wird.
In  der  Hochschulpolitik  mischt  der  Oberstudienrat  des IfL lange und engagiert mit; „es kostet mehr Kraft als die Lehre“.  In  der  Marburger  Geschichtswerkstatt  forscht  er mit  anderen,  hält  Vorträge,  schreibt  an  Büchern  mit.  Immer alles nach dem Motto: „Was als richtig erkannt wird, wird auch laut ausgesprochen“. Das Schweigen seines Vaters  trägt  er  als  Menetekel  durch  ein  hochpolitisches  Leben. 1986 wird er gestoppt, der Homo Politicus. Ein Burnout  bei  einem  Handballspiel,  das  er  als  Schiedsrichter leitete, nimmt ihm alle Kräfte.
Walter Bernsdorff kommt wieder auf die Beine. Er teilt seine Kräfte ein. Mit 62 geht er in den Ruhestand. Trainiert seit einiger Zeit brav im Fitness-Studio. An der politischen Wachheit ändert sich nichts. Am Engagement auch nicht. Seine Kinder und Enkel wohnen nicht weit von Marburg. „Dicht de bie, das ist schön“, sagt er und lehnt sich zurück im Sessel. Die Hände gefaltet über dem roten Pullover, der eine gesunde Körperfülle umhüllt. Der weiße Hemdkragen und die wachen blauen Augen verleihen ihm eine gewisse Jugendlichkeit. Und das mit 84.
„Er hat seine Lebensfreude und seinen Aktionismus nur wenig  runtergefahren“,  erzählt  Tochter  Brita,  die  sich  in die Runde gesellt. Und Ehefrau Helga ermuntert ihren Walter, er solle doch mal erzählen, wie gern er mit ihr im Marburger Chor „Politöne“ Arbeiter-  und Friedenslieder singt. Und wie gern sie beide schon immer zusammen tanzen.
So haben sie sich auch kennengelernt, die beiden gleichaltrigen Studenten aus den 50ern. Im  Bettinahaus. „Würden Sie mit mir tanzen?“ Das war damals die übliche Anredeform unter Studenten. Sie sind bis heute ein gutes Team geblieben – der pensionierte Oberstudienrat und die Rentnerin, die sehr gern an der Blista Deutschlehrerin war.

Manches geht langsamer. Vor drei Jahren waren Walter und  Helga  Bernsdorff  –  wie  jedes  Jahr  –  Teilnehmer  der Gedenkfeier in Thal in Thüringen. Dort wird an die „Morde von Mechterstädt“ erinnert, an denen 1920 das Marburger Studentencorps beteiligt war. Auf der Rückfahrt nimmt ihnen jemand die Vorfahrt. Die beiden Bernsdorffs liegen sechs Wochen in verschiedenen Kliniken. Es geht zwar wieder so halbwegs, aber nur halbwegs. „Wir wollen nicht klagen“, sagt Walter Bernsdorff in seiner souveränen, väterlichen Tonlage. Man glaubt hören zu können, wie schön er seine Arbeiterlieder singen kann. Sicher haben sich früher auch die Enkel gern von ihm vorlesen lassen. (Günter Gleim)

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