Frau mit Prinzipien

Die gelb-blonde Golden Retriever-Dame liegt dort auf dem Rücken und fordert Zuwendung. Eine große schlanke Frau kommt um den Schreibtisch herum, reicht freundlich die Hand und zieht den Besucher von wieder hoch vom Hund auf dem Nadelfilz zurück auf Augenhöhe. Ein Glas Wasser, eine große Teetasse, hinter einem Glaszylinder eine leicht flackernde Kerze. An den Wänden gemalte Kunst. Weihrauchgeruch durchweht das helle Büro. Und dann kommt sie schnell zur Sache, die Marketingchefin von Kaphingst, diesem bekannt Marburger Familienunternehmen, das vor gut 100 Jahren von ihrem Urgroßvater gegründet worden ist. Sie umreißt ihre ganz persönliche Lebensphilosophie mit Zielstrebigkeit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit. Selbstbewusst und sorgsam habe man gefälligst mit anderen Menschen umzugehen; das verlangt sie von sich; das verlangt sie von Freunden und Bekannten, das verlangt sie von ihren Mitarbeitern.
„Vertrauen“ schiebt sie noch nach, als die Mitarbeiter zur Sprache kommen. Nachdenklich dreht sie den riesigen Goldring, der den Zeigefinger ihrer linken Hand umreift. Nach einer kurzen Pause blickt sie selbstbewusst auf und sagt mit fester Stimme: „Wir haben die Mitarbeiter, die wir verdienen“. Und sie ist sich sicher, dass sie gute Mitarbeiter hat.

Geborgenheit und ein Drahtbesen

Andrea Suntheim-Pichler ist 1966 in Marburg geboren. Mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester wächst sie hier auf. Ihre Kindheit bezeichnet sie als „behütet“. Die Eltern waren zwar stark in die Arbeit des Familienunter-nehmens eingebunden; die Mädchen fühlten sich aber geliebt und unterstützt. In der Friedrich-Ebert-Schule gibt eine mütterliche Klassenlehrerin weitere Geborgenheit. In anderen Fächern unterrichtet ein Drahtbesen, bei dem Andrea lernt, dass die Welt auch aus anderen Menschen besteht. Es sind dann immer wieder Menschen, die dafür sorgen, dass Andrea Suntheim-Pichler die lebensphilosophischen Eckpfeiler setzt, von denen sie dauerhaft überzeugt ist.Nach den Eltern und den Lehrern in der Grundschule waren es wieder Lehrer auf der Amöneburg, wo sie in der dortigen Stiftsschule 1985 Abitur macht. Der Direktor „Paule“ Lotz hat ihr Anständigkeit beigebracht – Humanitas hieß das bei Lateiner Lotz. Lehrerinnen wie Marina von Hahn sieht sie heute noch vor sich. „Die hat den Unterricht getanzt und gespielt“, sagt Andrea Suntheim-Pichler und richtet sich ein wenig auf und macht eine kleine schwingende Bewegung mit den Schultern. „Bei ihr habe ich nicht verstanden, bei ihr habe ich gesehen“. Und es klingt die feste Überzeugung mit, dass dieses „Sehen“ die höhere Form von „Verstehen“ ist.

Der Mann mit dem Unimog

Bald wird ein ganz wichtiger Mensch in ihr Leben treten, der auch spielerisches Talent hat. Aber dafür musste die Abiturientin erst einmal nach Tübingen umziehen und sich dort als Physiotherapeutin ausbilden lassen. Das dauerte drei Jahre. In einem Städtchen in der Nähe von Tübingen trat sie ihre erste Stelle in diesem Beruf an: In der Praxis Pichler. Geleitet von Frau Pichler, die zwei Söhne hat. Der jüngste Sohn heißt Boris. Seit 1999 ist dieser Boris Pichler geschäftsführender Gesellschafter der Firma Kaphingst. Davor wurde er der Ehemann von Andrea Suntheim-Pichler, Vater der Tochter Eva und des Sohnes Paul. So schnell kann das gehen, „wenn man weiß, was man will“. Es war die
berühmte Liebe auf den ersten Blick. Mit gelassener Zuneigung sieht Andrea Suntheim-Pichler ihrem Mann dabei zu, wie er spielt. Mit seinem Unimog Schnee schiebt oder in dem Wald Holz holt. Sie fährt auch mit. Alle sind bei ihm gut aufgehoben: „Ich, die Kinder, die Firma, der Unimog“, sagt Andrea Suntheim-Pichler und die großen brauen Augen blicken noch ein wenig größer als sie ohnehin sind, und die Stimme bekommt ein leichtes Tremolo und sie dreht wieder an dem großen goldenen Ring am linken Zeigefinger. Natürlich weiß sie, dass ihr Mann als diplomierter Kaufmann die Geschicke der Firma ganz entscheidend lenkt und die gute wirtschaftliche Entwicklung seine Handschrift trägt. Aber als Homo Ludens findet sie ihn besonders liebenswert. Familienglück ist nicht alles. Wer sich so vielen Werten verpflichtetfühlt, wird so etwas wie Zielstrebigkeit auch in der Zivilgesellschaft leben. Macht sie auch: Seit zwei Jahren sitzt Andrea Suntheim-Pichler für die „Bürger für Marburg“ im Stadtparlament. Ausgestattet mit der demokratischen Legitimation und, es geht ja nicht anders, mit ihren Wertvorstellungen. Warum die Bürger für Marburg? „Weil die frei von Ideologien sind. Weil die keine parteipolitischen Rücksichten nehmen müssen“, sagt sie und fügt dann ein Stück persönlicher hinzu:  „Weil wir nahe an den Bürgern sind.“ Hier ist wieder das „wir“, das ihr schon bei der Familie wichtig war und bei den Mitarbeitern. Andrea Suntheim-Pichler ist ein Teamplayer. Auch wenn sie vorneweg kann. Zum Beispiel als Fraktionsvorsitzende.

Ein fairer Tausch: Kunst gegen Mieder

Wenn eine erfolgreiche Frau nebenbei malt, so denkt man leicht, das kann passieren. Aber der Hang zur Kunst kam bei der Familie Kaphingst eher von außen, denn als innere Berufung. In den 30er Jahren hat der damals arme Maler Otto Ubbelohde bei Kaphingst ein Mieder für seine Frau bestellt. Er konnte es nicht bezahlen und hat ein Bild dafür angeboten. Das und weitere Ubbelohde-Bilder hängen bei den Kaphingsts. Und heute sammelt Andrea Suntheim-Pichler immer noch Bilder von Marburger Malern. Von Günter Blau und Uli Hader und anderen. Sie selbst hat vor Jahren nur mal so „aus Spaß“ gemalt. „Ich kann noch nicht mal richtig Perspektive“, sagt sie und zeigt auf ein kribbelbuntes Bild mit Hochhäusern, die sich etwas ungelenk in den Himmel recken. (Günter Gleim)

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