Seelengucker löst Rätsel

Viel Zeit hat er nicht – vorhin war schon ein Journalist von der Oberhessischen Presse da, in den nächsten Tagen kommen Reporter von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“; mit Journalisten vom Norddeutschen Rundfunk hat er bald einen Termin. Anfang des Jahres haben ihn zwei Redakteurinnen von „Der Spiegel“ fünf Stunden lang interviewt. Von ihm ist ein neues Buch erschienen: „Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung und Prognose“. Ein aktuelles Thema, immer wieder. Er hat mehr als hundert junge Mörder, Totschläger, Gewalttäter untersucht und deren weiteren Lebensweg begutachtet: Der Nestor der Jugendpsychiatrie: Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Ernst Remschmidt, Jahrgang 1938, hat Medizin, Psychologie und Philosophie in Erlangen, Wien und Tübingen studiert; hat an der Freien Universität Berlin die Klinik für Psychologie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters aufgebaut. Ist dann nach Marburg gegangen, hat auch hier die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Forschung, Lehre und Krankenversorgung entscheidend weiter entwickelt. Rufe an die Universitäten Mannheim und Zürich hat er abgelehnt. Seit 1980 war er ordentlicherm Professor an der Philipps-Universität in Marburg, seit 2006 ist er emeritiert.

Mit vier Enkeln durch den Wald

 Warum Marburg? Das hat sich ergeben und passte zu den Bedürfnissen seiner Familie – ein Sohn, eine Tochter, die hier zur Schule gingen. Seine Frau war Kinderärztin im Marburger Gesundheitsamt. „Uni-Karriere ist nicht familien-freundlich, lässt einem nicht viel Zeit für Familie.“ Marburg habe Vor- und Nachteile, sagt er. Er schätze den unmittelbaren Kontakt zur Landschaft und lebe gerne in der „kleinen Stadt“. Bei der Kultur hapere es: „Es gibt zwar gute Konzerte und den Konzertverein. Doch anspruchsvolle Theater- und Opernaufführungen fehlen ihm schon.“ Dafür genießt er die Möglichkeit, mit seinen vier Enkeln vom Haus aus in den Wald zu wandern.

Jetzt ist er 75. Na und? Er ist immer wieder unterwegs – als Gutachter, als Vortragender, als Lehrender, als Ehrenpräsident seiner Internationalen Fachgesellschaft. „Ich kann doch noch. Da bin ich wie Maler und Musiker. Die hören auf, wenn sie nicht mehr können“, erklärt er. Viel hat er geschrieben: Fachbücher, -aufsätze. Zwei Doktorarbeiten hat er verfasst – in Psychologie und in Medizin. Nein, Ratgeberbücher gibt es von ihm nicht. Diese ermöglichten nicht die „gewisse Distanz“, die einem helfe, Dinge zu verstehen und zu durchschauen. Distanz hatte er zu seinem Sohn und seiner Tochter nicht. „Ihnen bin ich ja als Vater und nicht als Psychiater begegnet. Manches habe ich besser einordnen können, doch da waren aber auch Dinge, die mich als Vater herausforderten. Mein Sohn hat als Jugendlicher seine Schulsachen nicht im Ranzen mitgenommen, sondern alles in einen zerfledderten Leitzordner gesteckt. Damit umgehen, musste ich als Vater auch lernen“, sagt Helmut Remschmidt und lächelt. Seine Frau, die halbtags arbeitete, habe enorm dazu beigetragen, dass die Kinder auf gutem Weg sind. Der Sohn: Internist und In-fektionologe am Berliner Robert-Koch-Institut, die Tochter: Studienrätin in Heidelberg mit den Fächern Bio, Deutsch und Sport. Weshalb Kinderpsychiatrie? Als junger Mann habe er als Assistent in einer Einrichtung für Epilepsie-kranke Kinder und Jugendliche gearbeitet. Deren Verhalten hat ihn interessiert, er hat frühzeitig bemerkt, dass Medikamente allein nicht wirken. Er habe sich immer gefragt „Was geht in den Kindern vor? Welche Mechanismen laufen in ihnen ab? Was führt zu ihrem Verhalten?“, und erkannt: „Psychotherapie kann weiterhelfen“, allein oder auch kombiniert mit Medikamenten. Jugendkriminalität: Helmut Remschmidt klickt auf seinem PC eine Graphik seiner Studie an: Straftaten, Gewalttaten, Unfälle – „der Häufigkeitsgipfel liegt immer bei den 17-Jährigen“. Adoleszenz: Die Zeit zwischen dem 14. und dem 26. Lebensjahr. „Die Phase, in der Menschen etwas machen, was sie später nicht mehr machen würden.“ Adoleszenz sei die Zeit,  in der die Eltern entwertet würden. Später spielten die Eltern als Vorbild aber wieder eine Rolle. Werden Jugendliche kriminell, ergebe sich das aus verschiedenen Bedingungen, eben auch daraus, dass sie in der Phase der Adoleszenz stecken, in der die steuernden und kontrollierenden Hirnfunktionen noch nicht ausgereift sind.

Von der Bukowina nach Bamberg

Nein, viel Zeit hat er wirklich nicht. Doch er nimmt sie sich. Holt noch schnell für den Fotografen einen Kaffeebecher, entschuldigt sich, dass der Becher noch nicht auf dem Tisch stand. Setzt sich wieder an seinen Schreibtisch. Neben sich den PC, hinter sich ein übervolles Bücherregal. Professorenzimmer. Bilder an den Wänden. Auch in einigen seiner Bücher sind Bilder abgedruckt – Zeichnungen angefertigt von psychisch-kranken Kindern. Manchmal bittet er sie auch, Aufsätze zu schreiben. „Das hilft zu verstehen, was in den Kindern vorgeht.“, sagt er.
Viel Zeit braucht Helmut Remschmidt für private Projekte: Er arbeitet an einer Familienchronik. Vor acht Jahren ist er in seinen Geburtsort Czernowitz in der Bukowina (heute Ukraine, vor dem zweiten Weltkrieg Rumänien) gereist. Czernowitz war schon Mitte des 18. Jahrhunderts Heimat seiner Familie, die aus Graz und aus Süddeutschland dorthin ausgewandert war. Von Czernowitz ging es 1940 zunächst nach Oberschlesien (heute Polen) und dann in einer abenteuerlichen Flucht über Dresden nach Franken, wo die Familie Remschmidt (Vater, Mutter und drei Söhne) in der Nähe von Bamberg wohnten. „Das historische Bewusstsein wächst mit dem Alter. Ich möchte unsere Familiengeschichte an Sohn, Tochter und an die vier Enkel weitergeben.“ Nebenbei empfiehlt er noch ein wunderbares Buch: „Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina.“ So zeigt sich Helmut Remschmidt als vielseitig interessierter, kulturell gebildeter Mensch, der Wert auf Höflichkeit legt. „Sekundärtugenden oder altmodisch“ nennen das einige Leute. „Old school“, nennt das bei sich die Journalistin, die erst mal lernen muss, damit umzugehen, wie ihr ein Mann selbstverständlich in die Jacke hilft und ihr die Tür öffnet. /Sabine Willms, Fotos: Rainer Waldinger

 

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