Rita Engenhart-Cabillic

Die Professorin kämpft gegen den Krebs.

Zu Hause und in der Oper hört sie Klassik. Hauptsächlich aus Verdis Feder. Daran gefallen ihr die Leichtigkeit und Volksnähe. Das eine sucht sie, das andere hat sie. Rita Engenhart-Cabillic ist Ärztin für Strahlentherapie. Tumoren den Kampf ansagen, ist ihr tägliches Brot. Und darin ist sie ausgezeichnet, im wahrsten Sinne des Wortes.
2008 ehrte die Deutsche Krebsgesellschaft sie als bisher einzige und jüngste Wissenschaftlerin mit der Karl-Heinrich-Bauer-Medaille für ihr Lebenswerk. Da war sie gerade einmal 54 Jahre alt. Viele Preise bekam die Professorin und noch mehr Ämter. Unter anderem als Mitglied des Vorstands der Anneliese Pohl-Stiftung oder als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie. Sie unterrichtet Studenten, unterstützt ein Tumorzentrum in Tansania, forscht und referiert auf Tagungen. Und sie setzt sich dafür ein, dass angehende Professorinnen Arbeit und Kinder verbinden können. „Wir haben zwar 50 Prozent Studentinnen, aber nur wenige Frauen an der Spitze. Die Männer haben schon Sorgen, dass die Medizin jetzt feminisiert wird“, witzelt Engenhart-Cabillic. Sie selbst hat keine Kinder.
 Professorin Rita Engenhart-Cabillic.Seit 2003 leitet die Krebsspezialistin die Strahlentherapie am Marburger und Gießener Universitätsklinikum. In Gießen sollte sie nur aushelfen, daraus wurden bis heute zehn Jahre. „Ich habe tolle Mitarbeiter, die mich dabei unterstützen“, lobt sie. Ihre Worte können ihre Heimat nicht verhehlen. Sollen sie auch nicht. Nein sagen, das liegt ihr anscheinend nicht. Vielleicht verbietet ihr das auch der schwäbische Fleiß.
Wenn es nach den Wünschen der Eltern gegangen wäre, würde sie vielleicht in diesen Tagen als Bäuerin eines Hofes auf einem Traktor sitzen und die Ernte in der Nähe eines kleinen Dorfes in Oberschwaben einfahren. Nein, sie würde ihn heute bestimmt managen, hätte sie darauf gehört. In der kleinen zierlichen Frau steckt große Kraft, ein eigener Wille, Klugheit. Löwenmanier. Schließlich ist es ihr Sternzeichen. Das und der Hauptschulabschluss waren ihr zu wenig: „Ich war neugierig und noch nicht an meiner Grenze angekommen.“ Mit 15 Jahren wurde sie Arzthelferin, dann Medizinisch-Technische-Assistentin in Heidelberg. An der Abendschule machte die junge Frau Mittlere Reife und Abitur, ganz nebenbei. „Ich sehe dies weder als Leistung noch als Anstrengung“, sagt sie bescheiden, zumal sie in einer Freundin eine Mitstreiterin fand. „Wir beschlossen, das Abitur zu machen und saßen in einem Boot, es war unmöglich, auszusteigen“, so Engenhart-Cabillic.
Dann die Medizin. Während ihres Studiums arbeitete sie zunächst ganztags, gegen Studienende halbtags am Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Gönner und Förderer hatte sie. Einer ihrer Chefs schaffte es auch über den zweiten Bildungsweg. Sie brauchte kein Semester zu viel. Mit 33 Jahren war sie Ärztin, danach Promotion und Habilitation. 1996 wurde sie an die Marburger Philipps-Universität berufen.

"50 Prozent aller Tumorpatienten werden geheilt"


Dass es die Strahlentherapie wurde, lag an ihrem Arbeitsplatz in der Neckarstadt. Es hätte auch die Chirurgie werden können, aber auf keinen Fall die Labormedizin. Zu viele Reagenzgläser, zu wenig Gespräche. Die sind ihr wichtig. „Darin steckt ebenfalls die Chance, helfen zu können“, ist sich die heute 61-Jährige sicher. „Das stimmt, sie nimmt sich Zeit“, sagt eine geheilte ehemalige Patientin. Leider gehört das nicht zur Arztausbildung. „Es ist eine Gnade, wenn man es hat“, so die Ärztin.
„Mein Beruf ist für mich eine sehr, sehr große Befriedigung“, sagt Rita Engenhart-Cabillic. Es steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr Lächeln mit den roten Lippen ist einnehmend. Die Lachfältchen und ihre Mundwinkel gehen dabei nach oben, ihre blauen Augen hinter der Brille leuchten, obwohl sie nicht allen ihren Patienten überleben helfen kann. Zumindest kann sie Schmerzen lindern. Krebs ist manchmal unerbittlich. „Dafür werden heute 50 Prozent aller Tumorpatienten geheilt“, sagt die Spezialistin. Sie gibt aber auch zu, dass bei Bauchspeicheldrüsenkrebs und Bronchialkarzinom wenig erreicht wurde.
 „Tumor ist nicht gleich Tumor“. Sie forscht gerade an Hals- und Kopftumoren, die durch Viren verursacht werden und eine gleiche Behandlung bekommen, wie die, die durch Alkohol und Rauchen entstehen. Die Methoden zu verfeinern, daran arbeitet sie. Die Zukunft wird sein, die genetische Herkunft der Krebsgeschwüre herauszufinden, um ihr Strickmuster zu erkennen.
Sie freut sich darüber, dass das Tauziehen um das Partikelzentrum ein Ende gefunden hat nach dem Aus vor wenigen Jahren und sie die Leitung übernehmen sollte. Heilung kommt für sie vor Kommerz. „Jetzt kommt aber das Partikelzentrum definitiv“, sagt sie. Es wird Heidelberg gehören und mit Marburg eng kooperieren. Zehn Prozent der Patienten werden deutlich besser therapiert werden. Hauptsächlich werden Tumore an der Kopf/Hals-Region und bei Kindern deutlich besser behandelt werden können.
Sie hat vieles erreicht in ihrem Leben, doch das „Bodenseeschifferpatent“ muss sie noch machen. Ein ganz spezieller Segelschein, der sie berechtigt, auf dem Bodensee zu segeln. Auf dem Wasser ist sie in guten Händen, auch auf dem Mittelmeer. Ihr Ehemann ist Franzose, kein Mediziner. Er segelte mal für seine Nation. Dort lässt sie los. Nur Wasser, Wind und Wellen. Ruhe. Und die Unterhaltung mit ihrem Mann. Auf schwäbisch.

von Richard Kiefer/ Fotos: Uwe Brock

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