Dr. Gerhard Pätzold

Beim Kunstverein kann er nicht nein sagen.

Marburgs ehemaliger Bürgermeister Dr. Gerhard Pätzold wird im April 80.

Der Kulturdezernent und der Marburger Kunstverein, sie scheinen unzertrennlich, sogar bei der elektronischen Kommunikation: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , so ist Marburgs ehemaliger Bürgermeister per E-Mail am besten zu erreichen. Und wenn Dr. Gerhard Pätzold im April 80 Jahre alt wird, dann will er den Tag in seiner Geburtsstadt Berlin verbringen – um „einer Feier zu entgehen“, aber auch verbunden mit der Hoffnung, dass er „Anregungen für Ausstellungsprojekte mit nach Marburg“ mitbringen kann.
Anregungen natürlich für den „Kunstverein“. Auf die Bezeichnung Kunstverein für das Ausstellungshaus auf dem Gerhard-Jahn-Platz und die Organisation der Menschen, die sich dort engagieren, legt der Vorsitzende großen Wert. Denn hinter dem „Verein“ stecke mehr als nur einfach ein Name: „Die mehr als 300 Kunstvereine in Deutschland besitzen eine lange Tradition, haben für die Präsentation der zeitgenössischen Kunst eine große Bedeutung und sind als Institution seit 1792 einzigartig.“ Und: 120.000 Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in diesen Vereinen – 600 sind es in Marburg. Da soll und dürfe ein Name nicht einfach so aufgegeben werden, auch wenn Pätzold zugibt, dass es für Besucher mitunter schon etwas verwirrend sein kann, nach einem Ausstellungshaus mit der Bezeichnung „Verein“ zu suchen.
80 Jahre wird Dr. Gerhard Pätzold alt, die meiste Zeit davon - von einem wirklich kurzen beruflichen Abstecher nach München einmal abgesehen - hat er in Marburg verbracht, dort gelebt, studiert und gearbeitet. Noch als Student war er 1960 – 1964 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, 1964 – 1968 ehernamtliches Mitglied des Magistrats und dann von 1970 – 1997 hauptamtlicher Stadtrat und Bürgermeister. Und dabei hat der Sozialdemokrat wohl einen der interessantesten und spannendsten Abschnitte der neuzeitlichen Marburger Stadtgeschichte miterlebt und mitgestaltet.
Nicht nur, weil Pätzold dabei war, wie im Februar 1970 der spätere Hessische Ministerpräsident Walter Wallmann für ein paar Tage Oberbürgermeister von Marburg war, bis sich herausstellte, dass die Wahl des Christdemokraten durch CDU, FDP und Wählerblock ungültig gewesen war. Jenem Wählerblock, dem Pätzold angehörte, bis er 1974 der SPD beitrat – wie so viele in diesen Tagen auch Willy Brandts wegen.
Vor allem, weil Pätzold eines der wichtigsten Projekte der Marburger Neuzeit miterlebt hat: die Altstadtsanierung – verbunden mit dem Kampf ums Biegeneck. Und das als Bürgermeister, als Stellvertreter des seinerzeit über einen langen Zeitraum erkrankten Oberbürgermeisters Hanno Drechsler, jenem Mann, der anstatt Wallmann im Juni 1970 dann „OB“ wurde.
Dort, wo sich heute Lahn-Center und Hotel befinden, stand bis Anfang der 90er Jahre eine große Brache: Die alte Stocksche Fabrik zwischen einigen älteren Bürgerhäusern, die billige Studenten-WGs und einen legendären Schnellimbiss beherbergten. Als die Umsetzung Jahre alter Pläne zur Neugestaltung angegangen wurde, kam es zu Protestaktionen, zu Hausbesetzungen und Polizeieinsätzen. „Ich sehe mich noch heute vor der Mauer des ehemaligen Schlachthofes gegenüber der besetzten Häuser stehen, die Polizei rückte in Kompaniestärke über den Pilgrimstein an. So stand ich voller Sorge vor der Mauer und dem einen Gedanken im Kopf: Hoffentlich kommt es nicht zu Gewaltausbrüchen“. Übrigens, und so zieht Geschichte manchmal ureigene Kreise, hinter diesen ehemaligen Schlachthofmauern befindet sich heute das Domizil des Kunstvereins. Als Vorsitzender des Vereins setzt er nun ehrenamtlich eine Arbeit fort, für die er als hauptamtlicher Bürgermeister sozusagen den Weg bereitet hat: Mit dem nicht immer unumstrittenen Bau des Gebäudes Ende der 90er Jahre im Herzen Marburgs. Denn dort, wo sich heute Marburgs neue Mitte präsentiert, befand sich vor 20 Jahren nicht einfach Ödland – sondern auch eben jener Schlachthof und das Luisabad.
Dass die so genannte Schlachthofbebauung mit dem Bau des Ausstellungshauses dann umgesetzt werden konnte – „wenn auch von der ersten Entwürfen des Mailänder Architekten Giorgio Grasse nur der Weg vom Mensa-Steg über die Biegenstraße bis zum Aufzug übrig geblieben ist“, –
sei auch ein Verdienst des damaligen Baudezernenten Professor Jürgen Gotthold und der Auflage an den Investor, dieses Ausstellungsgebäude bauen zu müssen.
Und als Pätzold Ende der 1990er Jahre, als sein Ruhestand unmittelbar bevorstand, von Dr. Wolfgang Tichy gefragt wurde, ob er den Vorsitz des Vereins übernehmen würde, habe er einfach „nicht Nein sagen können“ –
nicht nur, weil sein Vorgänger als Vorsitzender ihm sozusagen die Pistole auf die Brust setzte: „Sie haben uns den Neubau eingebrockt, also müssen Sie den Job auch übernehmen.“ Und Tichy wurde nicht müde zu betonen, dass der Verein mit Pätzold eine Ideallösung gefunden habe –
einen kulturinteressierten Politiker, einen echten Kulturmanager – ruhig, selbstbewusst und durch die vielen politischen Debatten gestählt.

von Manfred Günther/ Fotos: Rainer Waldinger

Joomla Plugin