Hans Schauer

Der Sokrates vom Biegenviertel

Im antiken Athen zog regelmäßig ein bärtiger  Mann  um  die  Häuser und verwickelte  die  Menschen  in  kniffelige  Gespräche. Auch  durchs  heutige Marburg schlendert ein Mann mit schlohweißem Vollbart. Grauer Haar-schimmer  um  den  Kopf.  Mit  dunkelbraunen  Augen  schaut  er  in  die  Gegend. Besonders oft sieht man ihn in der  Lahnaue.  Hans  Schauer  betreibt German  Walking.  So nennt  er  etwas ironisch seine Spaziergänge. Offen für alles, was ihm in der freien Natur begegnet; auch für Menschen. Einmal  hat  er  einen  Hirtenhund dort  kennengelernt.  Er  hat  ihn  am Hals gekrault und dort ein Lederband mit einer Leine vorgefunden. „Als ich die Leine weiter verfolgt habe, stand am Ende Franz Becker“, erzählt Hans Schauer in  seiner  unnachahmlichen Art,  wie  er  damals  den Metzger  aus  Weidenhausen kennen gelernt hat.

Hans Schauer vor seinem Porträt, das die  malerin Brigitte probst gefertigt hat.

Hans  Schauer  interessiert  sich  seit seinem  15.  Lebensjahr  für  Philosophie. Damals hat das angefangen mit dem  Nachdenken  über  Gott  und  die Welt. In dieser Zeit war er Flakhelfer, mit 16 „Kinder“-Soldat, dann  Kriegsgefangener  und  über  ein  Jahr  lang Landarbeiter.  Er  studierte  zunächst Zoologie,  Botanik,  Chemie  und  Physik,  danach  Psychologie,  und  nach dem Diplom war er als klinischer Psychologe  in  Neurologischen  und  Psychiatrischen Kliniken tätig. Nach der Promotion  lehrte  er  am  Psychologischen Institut der Universität Marburg seit  1972  als  Professor  bis  zu  seiner Emeritierung 1994. Als Hochschullehrer  der  klinischen  Psychologie  fühlte er  sich  jederzeit  nachvollziehbaren wissenschaftlichen  Handlungsbegründungen verpflichtet. Auch thera-peutische  Verfahren  in  der  Psychologie  lassen  sich  empirisch  absichern, betont  er.  Na  klar,  will  man  meinen. Schließlich  müssen  auch  solche  Verfahren  strenger  philosophischer  Prüfung standhalten.
Nun ist er seit bald 20 Jahren pensioniert. Seitdem kann er endlich wieder frei Philosophie betreiben. Neben allem Lernen und Lehren hat der am Heiligen Abend 1928 in Kassel geborene  Hans  Schauer  zweimal  geheiratet.  In  unregelmäßigen  Abständen besuchen ihn seine drei Söhne und vier Töchter und acht Enkel. Seit Jahren lebt er in einer Wohngemeinschaft zusammen  mit  jungen  Studierenden oder angehenden Wissenschaftlern.

Wohin geht Hans Schauer nach der Runde in der Lahnaue? Vielleicht zum Griechen.  Aber  meistens  nach  Hause. In sein Arbeitszimmer. Zu seinen Büchern. Zu den Essays von Montaigne,  die  er  in  einer  riesigen  gebundenen  Ausgabe  gern aufgeschlagen  auf die Knie legt, wie auch auf dem Foto des  Rückumschlags  eines  seiner  Bücher.  Zu  den  alten  Philosophen,  die er immer wieder befragt. Ihnen auch widerspricht,  sie  neu  auslegt.  Mit  ihnen  zusammen  über  den  Monotheos und  die  anderen  Götter  und  Göttinnen  nachdenkt.  Aber  Hans  Schauer  ist  kein  strenger  Atheist  und  auch kein Bücherwurm. Er spricht gern mit Menschen.  Er  hört  sorgfältig  zu.  Er denkt über das Gesagte nach. Derweil blickt er seinen Gesprächspartner mit wachem  und  neugierigem  Blick  ruhig  an –  und  dann  bemüht  er  sich um eine klare Antwort, gern auch mit feiner Spitze. Aber jederzeit ist er um Klärung und Klarheit bemüht. Falsch verwendete  Begriffe,  verschwurbelte Texte oder schlechte Gedichte bringen ihn auch schon mal in Rage. Wenn er mit heiligem Ernst spricht, bildet sich an der Nasenwurzel eine Falte. Argumentiert  er  durchwoben  mit  Ironie, spielen Fältchen an den Augen und er spricht  mit  etwas  gespitztem  Mund. Es  macht  Spaß,  diesen  Philosophen vom Biegenviertel mit provozierenden Bemerkungen  in  Schwung  zu  bringen.  Es  ist  ebenso  lehrreich  wie  unterhaltsam, wenn er vom Leder zieht.
Am  kommenden  Heiligen  Abend wird er 85 Jahre alt. Das gibt Anlass resümierend  auf  sein  schon  langes Leben  zurückzublicken.  „Ich  habe  in meinem  Leben  verdammt  viel  Glück gehabt“, sagt er schnell und fest. Zwei  sehr  unterschiedliche  Eltern, Vorahnen,  die  als  Kapitäne  durch  die Welt segelten – das Bild eines Schauerschen  Zweimasters  steht  auf  einem Bücherstapel  im  Arbeitszimmer.  Die sieben  Kinder;  „die  acht  Enkel,  allesamt Jungen“, wie er mit leichtem Bedauern betont. Er hätte offenbar gern noch ein Enkelmädchen.
Nachdem  Brotberufe  und  Familie nicht  mehr  so  viel  Arbeit  machten, hatte  er  sich  mit  großem  Eifer  seine eigene  „Fron“  auferlegt:  Er  schreibt an  seiner  mittlerweile  über  700  Seiten  umfassenden  Buchreihe  „Über Vieles im Ganzen“. Der Band 1 „Über Monotheismus“  und  der  Band  2  „Ein Lob der Vielfalt“ sind im Verlag Blaues Schloss, Marburg erschienen. Demnächst  kommt  Band  5,  Arbeitstitel:  „Einander helfen vs. allein herrschen“. Viele andere Beiträge stehen im Internet: www.hansschauer.de
Nun  sitzt  er  vor  seinen  Exzerpten und  eigenen  Skripten,  und  arbeitet unverdrossen  an  seinem  Alterswerk. Zwischen  seinen  Büchern und seinen Bonsais,  wechselt  vom Schreibtisch zum Stehpult  zur  Sitzecke  und wieder  zurück.  Mit den „Quantenbrüdern“ misst Hans Schauer die Welt der Quantenphysik aus, mit den „Freunden des Deutschen  Zwergbaums“  tauscht  er Pflegetipps aus und bei Hunden in der Lahnaue guckt er nach, ob sich am anderen Ende der Leine wieder ein interessanter  Gesprächspartner  befindet. Oder er streift weiter durch die Stadt. So  wie  damals  der  bärtige  Mann  im antiken Athen.

von Günter Gleim

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