Kraft durch Saft –  Marion Closmann zapft für die Kinogäste

Die Frau vom Kino

Marion Closmann

Jedes Jahr nehmen eine halbe Million Besucher auf einem der 2.500 Kinostühle in Marburg Platz und lassen sich bei Popcorn und Cola cineastisch unterhalten. Das will gut organisiert sein. Stabsstelle für diese Organisation ist der Schreibtisch von Marion Closmann. Die Kinochefin will gern alles zeigen, will erklären, was es mit den Marburger Kinos auf sich hat – „aber ich als Person bin doch nicht wichtig“, sagt sie und lässt sich nur schwer davon überzeugen, dass der Kopf der Kinodynastie Closmann ein interessanter Marburger Kopf ist. Auch wenn Vater Closmann noch an seinem Seniorchef-Schreibtisch sitzt.
Wir gehen zusammen durch die Eingangshalle. Später Nachmittag: Es ist Betrieb im Cineplex. Vorwiegend junge Leute stehen zusammen. Zeigen auf Filmplakate, tragen Tüten in der Hand. Dickvoll mit Popcorn.
Auf dem Weg zur Cineplex Schaltzentrale Schreibtisch gehen wir langsam die breiten Steinstufen hoch. Eine Spur Popkornkrümel weist den Weg. „Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind den ganzen Tag mit der Produktion und dem Einsammeln von Popcorn beschäftigt“, sagt Marion Closmann. Mag sie diesen Kino-Schnuck eigentlich? „Na klar. Schon immer.“
Wann hat dieses Immer angefangen? Closmann Kino gibt es in Marburg seit gut 100 Jahren. Josef Closmann, der Uropa von Marion, hat 1913 in der Bahnhofstraße ein Kino übernommen. Seit den 60er und 70er Jahren sind die Kinos das Zuhause der kleinen Marion. Ja, in all dem, was Kino ausmacht, war Marion unterwegs – aber von wegen, alle Filme gucken. Die Mitarbeiter wussten ganz genau, wie alt die Kleine ist. Keinen Film, der ab 12 Jahren freigegeben war, durfte sie mit 11 gucken. Vor jedem Kinosaal stand so ein Zerberus. Aber die Süßwaren-Theke, der Eiswagen – dort war es ja auch schön für einen Teenager. Welchen Film hat sie als ersten bewusst gesehen? „Weiß ich nicht mehr“, sagt Marion Closmann. Sie habe immer mal irgendwo reingeguckt, mehr nicht.
Prägend sei vor allem gewesen, dass sie ganz früh zu jobben anfing. Besonders gern hat sie Eis verkauft. Aus heutiger Sicht: vom Eisverkäufer zum Kinochef. Dazwischen die Elisabeth-Schule, Rudern und Kunstradfahren, schließlich das Abitur auf der Steinmühle. „Ich glaube, ich könnte heute noch ein Stück auf dem Hinterrad fahren“, sagt Marion Closmann. Sei ja so ähnlich wie Voltigieren, das hat sie früher auch gemacht. Egal, ob Fahrrad oder Pferd, Hauptsache oben drauf? Nein, das wäre eine voreilige Schlussfolgerung. Marion Closmann ist zwar oben auf, ist Chefin von mehreren Dutzend festen und freien Mitarbeitern. Aber sie leitet so, wie moderne Chefs das machen: freundlich und kollegial. Nicht, weil es modern ist. Es entspricht ihrer Persönlichkeit. „Das ist auch das gewachsene miteinander Umgehen in unserem Familienbetrieb“, sagt Marion Closmann. Sie kann auch nicht anders. „Einer unserer ältesten Mitarbeiter, der Ernst Peil, hat mich früher an der Hand in den Kindergarten gebracht.“  Als sie das sagt, blickt sie ein wenig nach oben. Blickt als sähe sie den Film ihrer Kindheit vor ihrem inneren Auge.

"Ich will zeigen, was eine große Leinwand kann."

Was kam eigentlich nach Kindheit und Jugend? „Ich hätte direkt in den Familienbetrieb einsteigen können“, sagt Marion Closmann. Aber die Eltern sagten das, was Eltern gern sagen: „Lern erst mal was“. Was „Ordentliches“, sagen die meisten Eltern. Also machte sie eine Lehre bei der Sparkasse und wurde eine ordentliche Bankkauffrau.
Kam dann der Einstieg in den elterlichen Betrieb? Nein. Diesmal wollte Marion Closmann nicht. „Ich wollte mal raus hier“, sagt sie im Rückblick kurz und bündig. Das Raus wurde Würzburg. Sie studierte dort Betriebswirtschaft. Wechselte aus der hessischen Biergegend in die fränkische Weingegend. Wechselte von der Praxis in Kino und Bank in die Theorie vom folgerichtigen Wirtschaften. „Das war ´ne Fachhochschule; die Praxis blieb sichtbar“, erklärt Marion Closmann.
Während des Studiums jobbt sie in Würzburg. Im Bavaria. Einem Kino. Sie lernte dort eine „auch heute noch sehr gute Freundin“ kennen. Die arbeitet im Konkurrenzkino. Diese Freundin blieb auch insofern wichtig, als dass sie heute auch ein Cineplex-Kino in Würzburg betreibt. Die Cineplex-Gruppe wurde 1997 von sechs Familienbetrieben gegründet – die Closmanns waren Ideengeber der ersten Stunde. Heute hat diese Gruppe in Deutschland 50 Multiplex-Kinos mit mehr als 500 Leinwänden. Auch in Marburg, wo Marion Closmann die Geschicke des Kinos leitet – zusammen mit meinem Vater, wie sie immer wieder betont, um vielleicht ihre persönliche Bedeutung nicht zu sehr ins Licht zu rücken.
Im Foyer kommt ein älterer Herr mit Brille auf Marion Closmann zu, streckt die Hand aus und behauptet – „wir sind verabredet“. Sie greift die Hand und blickt einen Moment ratlos. „Komme gleich“, sagt Marion Closmann und bittet den Mann, kurz zu warten. Ein Mitarbeiter flüstert ihr zu: „Der will zu dir. Irgendwas mit Werbung.“ Aha, die Chefin wird von ihren Leuten geduzt. Auch das meint sie mit Familie. Flache Hierarchie im persönlichen Umgang, Chefsache bei Entscheidungen über Programm und Geld.
Man merkt Marion Closmann an, wie sie über den Mann mit der Brille nachdenkt, den sie lieber mit einer Tüte Popcorn notfalls krümelnd über die Treppe zu einem Film steigen sähe, als jemand, der ihr ein Problem anträgt. Was nicht heißt, dass die Kino-Chefin Angst vor Problemen hat. Die werden im Familienbetrieb Closmann gelöst – ja, ja mithilfe des Vaters. Man hat aber an keiner Stelle das Gefühl, dass Marion Closmann nur die rechte oder linke Hand vom alten Chef ist. Es ist mehr das Bemühen, ein Teil des Familienbetriebes zu sein und nicht so sehr herauszuragen.
Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist Marion Closmann das Programm. Mit Schulen und mit der Familienbildungsstätte versucht sie, Kinder an das Kino als Medium und an klassische Filme heranzuführen. „Die sollen nicht nur youtube auf dem Handy gucken. Die sollen mal sehen, was eine richtig große Leinwand kann.“
Und nun muss Marion Closmann doch sagen, welches ihre Lieblingsfilme, die liebsten Schauspieler sind. Die Coen-Brüder findet sie klasse. Zum Beispiel mit dem Film „Big Lebowski“; oder die Filme von Fatih Akin. Bemerkenswert findet sie Matthias Schweighöfer, der meist seine Filme in Marburg persönlich vorstellt und dem Publikum Rede und Antwort steht.
Und schon wieder ist es Marion Closmann gelungen, mehr über andere, weniger über sich zu reden. Was ist eigentlich neben dem Familienbetrieb mit dem ganz eigenen privaten Tun und Lassen? „Meine Schwester hat eine ganz tolle Tochter, da bin ich furchtbar gern Tante.“ Und sonst so? „Ich jogge jede Woche und mache Yoga und Karate.“ Na klar liest sie gern und viel. Von Jon Irving kennt sie jedes Buch. Wenn sie Musik hört, gehören Bruce Spring- steen und David Bowie zu ihren Favoriten. Und dann erzählt Marion Closmann noch, dass sie Rammstein-Fan ist. Die hat sie live gesehen und gehört. In Wacken.

Text: Günter Gleim; Fotos:Rainer Waldinger

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