Der Mann für den neuen Ton

Wer in den Gottesdienst in die Lutherische Pfarrkirche geht,

muss manchmal aufpassen. Muss zumindest auf der Hut sein.
So betraten einmal Gottesdienstbesucher die Kirche durch das West-Tor, wie üblich. Der Turmraum, den man auf dem Weg zur Kirchenhalle durchschreitet, war eigentümlich düster beleuchtet; mitten drin stand ein Klavier. Die Tür zum Hauptraum der Kirche war mit einer schweren Eisenkette verhängt. Gebeugt über das Klavier spielte jemand rätselhafte Tonfolgen. Dieser Jemand schabte und schubbte über die Tasten. Schlug mit einem Maurerhammer auf die Saiten, klopfte gegen das Klaviergehäuse. Die Kirchenbesucher, „gefangen“ in dem Turmraum, quetschten sich irritiert, fast ängstlich an die Wände. Möglichst weit weg vom Klavier und dem Derwisch, der dort .... Was machte der eigentlich? Musik war ́s nicht. Geräusch? Lärm? Keiner konnte entwischen in die Kirche. Da hing die dicke Kette über der Türklinke. Zurück wollte auch keiner.
Dieser Jemand am Klavier war der Landeskirchenmusikdirektor. Insider wissen, dass man bei dem auf einiges gefasst sein muss. Aber was war das hier?Seit zehn Jahren trägt Uwe Maibaum diesen umständlichen Titel: Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er hat Kirchenmusik studiert.Gute von schrägen Tönen unterscheiden zu können, ist eine Grundvoraussetzung für einen Musiker. Allemal als Chorleiter der Kurhessischen Kantorei ist Uwe Maibaum für den guten Ton verantwortlich. Auch an der Orgel, will man meinen. Schließlich wollen die Kirchgänger wohlklingend begleitet werden. Der Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum kann das alles. Aber er kann auch den schrägen Ton, den zerstörenden, den verstörenden, den aufweckenden. Manch einer ist schon aufgeschreckt worden aus dem gemütlichen Sonntag-vormittagsschlummer in der Kirchenbank. Manch einen hat er mit überraschendem Orgelspiel vom Dämmern zum Denken gebracht. Vom willenlosen Mitgleiten in der Liturgie zum Nachdenken über das Gesagte. Bei einem Kirchgang geht es ja nicht nur darum, was einmal war, es geht darum, was ist, und vor allem, was mal wird.
„Ich will die Leute mit Klang zum Nach denken bringen“ – das ist das Credo von Uwe Maibaum. Von diesem Musikdirektor und Organisten, von dem, der damals mitten zwischen den eingesperrten Leuten im Turmraum der Lutherkirche am Klavier saß. Auch damals wollte er zusammen mit Propst Helmut Wöllenstein aufrütteln. Wollte zeigen wie es ist, wenn man ganz nahe am Ziel ist – und dann eine Kette den letzten Durchgang verschließt. Wie viele Millionen flüchtende Menschen auf der Welt erleben das? Wie viele in Europa?
Uwe Maibaum wurde 1962 als Sohn eines Lehrers und einer Erzieherin in Trier geboren. Zuhause stand ein Klavier; da hat er drauf rum geklimpert. Im Kinderchor hat er gesungen. Gepackt hat es ihn dann mit 15. Da hat er die Orgel entdeckt. Und er wurde vom strengen Trierer Kantor Ekkehard Schneck gefördert. Die ersten Schritte als Kirchenmusiker folgten: Uwe Maibaum hat damals in den Gemeinden der Umgegend zahlreiche Harmonien und Orgeln bespielt.

„Der Bach kommt mit auf die einsame Insel."

Nach dem Abitur 1982 wurde es ernst mit dem Spaß am Musik machen. Uwe Maibaum studiert in Köln Kirchenmusik. Daneben spielt er weiterhin regelmäßig Orgel und leitet Chöre, singt auch in Chören; auch Solopartien. Ein ganz und gar weltliches Terrain erobert er sich nun zusammen mit Freunden: die Straßenmusik. Für solche Darbietungen ist die Orgel unhandlich. Uwe Maibaum spielt Fagott. Hat ja auch was Kirchliches; mindestens in der zweiten Silbe. Sie machen zu dritt Straßenmusik: Blockfl öte, Gitarre und Fagott. Sie ziehen durch Fußgängerzonen, auch einmal durch Marburg – damals schon. Sie haben Spaß, verdienen auch Geld.Ernste und populäre Musik haben bei Uwe Maibaum ein schönes Zuhause. „Ich liebe Klanglichkeit und Spiel“, sagt er. Das hat ihm früh bei Deep Puple gefallen, auch bei Sting. Dass Orgeln Klang haben und Chöre, ist ohnehin klar. Auch Jazz gefällt ihm. Kann er aber nur hören, nicht spielen. Jazz auf der Orgel? Mit einem Chor? Nach seiner wirklichen und innigen musikalischen Liebe gefragt, antwortet Uwe Maibaum trocken:
Musik ist das Leben des Landeskirchenmusikdirektors Maibaum. Aber nicht das ganze Leben. Uwe Maibaum ist verheiratet, hat drei Söhne und eine Tochter. Groß als Foto auf dem Schreibtisch die kleinste Maibäumin – das erste Enkelkind. Die Kinder sind musikalisch; haben aber Berufe und Interessen neben der Musik.

von Günter Gleim

 

 

 

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