Der Mann fürs Denken

Reinhard Brandt: Marburger Philosoph wird 80

Was macht eigentlich ein Philosoph? Der denkt nach. Worüber? Über Gott und die Welt. Und wenn er damit fertig ist? Der Marburger Philosoph Reinhard Brandt feiert im April seinen 80. Geburtstag. Maurer, um einen alten Beruf zu nehmen, mauern in diesem Alter nicht mehr. Dachdecker steigen in diesem Alter auf keinen Dächern rum. Selbst Politiker hören irgendwann auf; züchten vielleicht noch Rosen oder spielen Boccia, wenn der Rücken mitmacht. Das gilt nicht für Philosophen, schon gar nicht für Reinhard Brandt. Die steil nach oben aufgestellte rechte  Augenbraue mildert ein wenig die Eindringlichkeit des Blickes. Wer mit dem Marburger Philosophen spricht, wird mit den Augen festgenagelt. Danach mit Worten. Nachdenken – das ist wohl die Hauptaufgabe eines Philosophen. Macht ja eigentlich jeder, könnte man meinen. In hunderten Quizshows wird landauf landab nachgedacht. Ist es solches Nachdenken, um das es Philosophen geht? Gehen sollte. Das „Nein“ des Philosophen Brandt kommt schnell. Der Blick dazu ist eher bedauernd, nicht eindringlich.

Denken ist vielen Menschen zutiefst zuwider. Sie fühlen sich in Plattitüden wohl. Und genau das sollten Philosophen ihnen austreiben. „Die Leute haben Angst vor Neugier“, sagt Reinhard Brandt. Vor Neugier in Bereichen, in denen sie sich nicht auskennen. Dort, wo das Denken unbequem ist, da ist es wichtig. Dort, wo es anstrengt. Dort, wo es um Erkennen geht, nicht um Wissen. Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Das sind zwei Nachdenk-Klassiker. Bei solchen Denkanstrengungen kommt schon mal eine Handlungsanweisung heraus, die ein Leben lang taugt. Das hat Kant vor mehr als 200 Jahren vorgeführt. Dieser Immanuel Kant ist es auch, der Reinhard Brandt seit den späten 50er Jahren beschäftigt. Der Königsberger Philosoph stand im Zentrum seiner Forschung und Lehre. Auch heute noch gilt Brandt als der Kantspezialist. Und sonst so?, fragen gern Leute Leute über den Gartenzaun. Es war dieses Jahr eine ziemliche Warterei, bis der See in Niederweimar aufgetaut ist. Jetzt fährt er wieder hin und schwimmt. Fast jeden Tag – jahreszeitenunabhängig. Mit dem Fahrrad fährt er hin. Er hat kein Auto. So kennen ihn die Marburger: Auf dem Fahrrad. Bei Regen mit dem schwarzen Kleppermantel; bei starkem Regen zusätzlich mit Schirm. Bei besserem Wetter an der Seite einer hochgewachsenen Italienerin. Ein elegantes Paar: Die Brandts. mrlife trifft Reinhard Brandt in sei ner Wohnung in der Augustinergasse. Hoch über den Dächern von Marburg zwischen Büchern und Kunst. Bücher über alle Welt, Kunst aus aller Welt. Bücher – wahrscheinlich alle gelesen und verstanden. Natürlich hat er auch zahlreiche Bücher geschrieben; nichts Besonders für einen Wissenschaftler. Jahrzehntelanges Forschen und Lehren bleiben nicht ohne Wirkung. Wie kommt das mit der Leserei, der Schwimmerei, dem Fahrradfahren? Reinhard Brandt ist in der Nähe von Bad Segeberg aufgewachsen. Ein großer sportlicher Kerl. Hätte bei den Karl May Spielen in Bad Segeberg gut den Old Shatterhand geben können,
will man im Rückblick denken. Das ist aber nichts für einen, der schon als Schüler stundenlang Bücher auf den Knien liegen hat, oder auf dem Tisch. Das war schon immer so. Spaß am Lesen, Spaß an der Schule. So was führt zum Abitur, so was führt zum Studium. Wer dann Griechisch, Latein und Philosophie in Marburg, München und Paris studiert, und dann über Aristoteles promoviert hat, der wird leicht Philosophie-Professor, und der wird vielleicht auch Philosoph. Die Entscheidung, ob Reinhard Brandt Philosoph ist, wird die Zukunft zeigen. Seine Entdeckung des „Vierten“ als eine Ordnung in der
Europäischen Kultur wird auch später noch von Belang sein, ist er sich heute sicher. Darüber hält er Vorträge. Er bekommt für diese Idee erste Anerkennung, aber diskutiert auch noch oft gegen ratlose Blicke an. Auf jeden Fall verkriecht er sich in keinem philosophischen Elfenbeinturm. Gut Gedachtes und Durchdachtes gehören auf die Straße  wie im alten Athen. Aber er will auch aufpassen, „dass ich den Leuten nicht auf die Nerven falle“. Vita activa – Bewegung war und ist ein Gestaltungsprinzip im Leben des 80-Jährigen. Lange hat er auch gerudert. Und das Nachdenken über knif11 felige Texte hat ja auch was Sportliches. Dazu hat er eine Einführung geschrieben: „Die Interpretation philosophischer Werke“. Ein grundlegendes Werk über die „Mathematik der Geisteswissenschaften“, wie man die Philologie auch nennen kann. Die gedankliche und die körperliche Bewegung werden auch mal enden; das weiß ein Philosoph. Vollkommen unsentimental sucht er zurzeit mit seiner Frau einen Platz für die ganz lange Ruhe aus. Für das Ende der Bewegung. Zurück zu der hellen Wohnung in der Augustinergasse. Zurück zu dem eindringlichen Blick. Seinen Schreibtisch will er nicht zeigen, der sei nicht gescheit hergerichtet für ein Foto. Wir müssen noch über Kunst sprechen. Brandt hat dazu gelehrt und veröffentlicht. Was ist Schönheit? Ist das noch ein Anliegen der Kunst? Die Akropolis ist schön, der Apollo von Belvedere. „Heute geht es in der Kunst nicht mehr um Schönheit, heute geht es um Entdeckungen“, sagt Reinhard Brandt. Die Kunst schärft den Blick – für was auch immer. Eigentlich ein schöner Gedanke mit Nachhall. Ist das ein guter Schluss für das Gespräch mit einem Philosophen? Es ist gleich Mittag. Essen und kurz ruhen. Dann fährt Reinhard Brandt an den See nach Niederweimar. Das Wasser hat im Frühjahr so fünf, sechs Grad. Sind Philosophen Vorbilder? Soll man ihnen folgen? Gedanklich kann man nicht immer, körperlich will man nicht immer.

von Günter Gleim

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