Wer ist "Böhme"?

Tagebücher von Dr. Walter Böhme sind nach 86 Jahren aufgetaucht.

Von Alfred Pletsch

"Ich verdanke Herrn Prof. Wegener sehr viel" - dieser Eintrag findet sich unter dem 7. Oktober 1929 im Nachlass von Dr. Walter Böhme, dem bis zu seinem Tode (1969) am Gymnasium Philippinum tätigen Lehrer, der eher zufällig Ende 2015 bei seiner Schwiegertochter in Marburg gefunden wurde. In den Tagebüchern berichtet Böhme über die Erlebnisse während einer Grönland-expedition 1929 als Begleiter der Anthropologin Aenne Schmücker. Der Zufall will es, dass sich hierbei die Wege Böhmes mit denen Alfred Wegeners kreuzen und dass sich dabei offenbar ein fast freundschaftlich-kollegiales Verhältnis zwischen diesen beiden entwickelt. Ein erster Kontakt ist am 27. September bezeugt, als Böhme notiert: [Ich] „begebe mich zur Krabbe, dem Expeditionsmotorboot der deutschen Grönlandexpedition. Bei Kaffee, Schnaps und Schokolade entwickelt Herr Prof. Wegener seine Pläne u. zeigt das in diesem Jahr geleistete...“

 

Der damals 25-jährige Geographie-Doktorand Böhme muss den Polarforscher sehr beeindruckt haben. Wegener bindet ihn an den Folgetagen spontan in seine Expeditionsmannschaft ein, überträgt ihm die verantwortungsvolle Aufgabe der Bergung eines im Gletschereis zurückgelassenen Kajaks, überläßt ihm das Steuer des Expeditionsschiffes „Krabbe“ und kümmert sich persönlich um die Belange Böhmes, als dieser wegen seiner Rückreise nach Kopenhagen in Konflikt mit dem Kapitän der „Gertrud Rask“ gerät. Nur der Intervention Wegeners ist es zu verdanken, dass die Situation letztlich einvernehmlich gelöst wird. Deshalb der Eintrag am 7. Oktober: „...der Kapitän macht große Schwierigkeiten u. ich verdanke Herrn Prof. Wegener sehr viel, vielleicht, daß ich überhaupt mit kam.“

Die letzten Wochen des Grönlanderlebnisses sind durch viele offizielle Besuche geprägt, an denen Böhme meistens als Teil der Wegener’schen Expeditionsgruppe teilnimmt. So lautet ein Eintrag am 4. Oktober: Besuche machte ich immer mit der Wegener Expedition. Oder am 11. Oktober: „Am Abend findet an Bord ein Kapitänsmittag statt. Hierbei geht es sehr hoch her u. Whisky wird in ungeheuren Mengen vertilgt. Ich unterhielt mich den ganzen Abend mit Herrn Prof. Wegener.“

 Bemerkenswert sind auch die Notizen bezüglich der Ankunft in Kopenhagen am 2. November, als Böhmes Reisekasse leer ist und er sich schon damit abgefunden hat, auf einer Bank im Schlosspark von Rosenborg übernachten zu müssen. Aber: [Auf Einladung Wegeners] „wird beschlossen, daß ich diese Nacht im Hotel der Wegener Expedition bleiben soll, um an einer kl. Abschlußfeier in einer ungarischen Weinstube teilnehmen zu können. Es war sehr schön dort...“ Der letzte Satz der Tagebuchaufzeichnung endet: „Kaum war Prof. Wegener erschienen, ging alles wieder in bester Freude.“

Ein erstaunliches Zeitzeugnis, das Alfred Wegener weniger als Wissenschaftler, sondern vor allem als verständnisvollen, liebenswürdigen, hilfsbereiten, fördernten Menschen skizziert und damit das Bild von dieser nur ein Jahr später im Grönlandeis verschollenen Forscherpersönlichkeit authentisch (und sehr sympathisch) erweitert. Böhme dürfte Zeit seines Lebens von seinen Begegnungen mit Alfred Wegener gezehrt haben. Wir dürfen ihm dankbar sein, diese Erfahrungen in seinen Tagebüchern festgehalten zu haben, die der Zufall nunmehr ans Licht gebracht hat.

(Der Autor ist in Ruhestand befindlicher Geographie-Professor der Marburger Philipps-Universität. Eine ausführlichere Auswertung der Tagebücher findet sich in Alfred Pletschs "Mit Alfred Wegener im grönländischen Eis" im Jahrbuch 2015 der Marburger Geographischen Gesellschaft, 2016, Seiten 126 bis 142)

Fotos: Archiv Marburger Geographische Gesellschaft

25. Juni 2016

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