Bild sucht Wand

Kunstwerke sind oft auf Reisen, wechseln Besitzer und Aufenthaltsorte.

In Kellern von Museen langweilen sie sich leicht und haben Angst vor der Dunkelheit.

Nein, Angst vor der Zukunft habe ich keine. Das ist bei den anderen nicht der Fall. Dem Matisse und dem Chagall ist schon ganz bange. Ich aber weiß, wo ich hinkomme. Und das ist gut so.
Mein Schöpfer war ein Sachse. Ihm ging es vor allem um die Straßenbahn, um die „Elektrische“, wie er in seinem breiten Sächsisch sagte. Die Drähte, aus denen der Strom ins Fahrerhaus floss, hatten es ihm angetan. Das war die neue Zeit. Mein Schöpfer war stolz auf mich. Im Jahr darauf hat er die meisten seiner Bilder verbrannt. Mich hat er verschont. Ich war zum ersten Mal davongekommen.
Davongekommen, so etwas ist mir oft passiert. Dabei fing alles so vielversprechend an. Ich wurde an einen Weinhändler verkauft und erhielt einen Platz im Foyer neben der Garderobe. Ein vornehmes Haus mit vielen Lampen. Vielleicht wollte deshalb der Hausbesitzer das Bild mit der „Elektrischen“ haben.
Hier hätte ich bleiben mögen. Es gab rauschende Feste, bei denen man ins Foyer drängte – und mich ansah. Doch bald hörten die Feste auf. Der Hausherr und seine Frau wirkten bedrückt. Eines Tages packten sie ihre Koffer und verschwanden mit den Kindern. Bald darauf kamen die mit den Stiefeln und nahmen alle Bilder von den Wänden. Mich auch.
In große Kisten wurden wir gestopft und in einem Lastwagen abtransportiert. Eng war es in der Kiste, dunkel und muffig. Die Fahrt schien nie aufzuhören. Dann war es endlich so weit, dass der Lastwagen anhielt, die Kisten ausgeladen und wir befreit wurden.
Was heißt befreit? – In einer großen Halle wurden wir in Stapeln an die Wand gestellt, zwölf bis zwanzig Bilder hintereinander, das Gesicht zum Rücken des Vordermanns. Ich selbst hatte sagenhaftes Glück, weil ich das vorderste Bild eines Stapels war. Außerdem noch in der Nähe des Eingangs. Wer hereinkam, musste mich sehen.
Und wer da alles hereinkam! Nicht nur die Stiefelträger mit immer neuen Bildern. Feine Herren waren auch dabei, Personen, die von Kunst etwas verstanden. – Einmal kam ein kleiner, aber entschieden wirkender Herr herein, sah mich und sagte: „Das Bild mit der Elektrischen will ich haben.“ Er wollte auch noch andere haben. Ich war das erste Bild, auf das sein Blick gefallen war. Mich hatte er als erstes ausgewählt.
Erneut wurde ich in eine Kiste gepackt, auf einen Lastwagen verladen und abtransportiert. In der Wohnung, dem Endpunkt der Reise, fand ich mich in einem Stapel  aufgetürmter Bilder wieder. Der Rahmen des Bildes über mir versperrte mir die Sicht. Wie lang ich hier lag, weiß ich nicht mehr. Sehr, sehr lang jedenfalls.

Im Depot hätte ich mich zu Tode gelangweilt

Dann kam der große Augenblick, als mich ein neuer Besitzer der Sammlung, ein älterer Herr mit weißen Haaren,  aus dem Bilderstapel herausnahm und mich frei an eine Wand stellte. Dass ich endlich in Freiheit war und bestaunt werden konnte, beflügelte mich. Doch dann merkte ich, dass ich verkauft werden sollte. Schlimm genug, aber es kam noch schlimmer. Der Kaufinteressent wollte mich gar nicht haben. Das Bild wäre nichtssagend und die Straßenbahn ein „altmodisches Motiv“.  – Tröstlich war lediglich, dass der alte Herr diese Meinung nicht teilte. Als der Besucher gegangen war, nahm er mich in seine Arme, küsste mich und sagte: „Dann bleiben wir eben zusammen.“
Noch bevor der alte Herr starb, gab es in der Wohnung einen nicht unwesentlichen Aufruhr. Experten gaben sich die Klinke in die Hand und Bilder wurden heraus- und wieder hineingetragen. Von „Raubkunst“ war die Rede. Doch das betraf vor allem die Prominenten unter den Bildern, Beckmann, Liebermann, Matisse, Chagall. Als es mit dem Alten schließlich zu Ende war – der Aufruhr hatte ihm das Herz gebrochen -, stellte sich die Frage: Wohin mit der Sammlung?
Die prominenteren Bilder waren ganz aufgeregt, weil sie auf die Prunkvillen der Enkel und Urenkel ihrer einstigen Besitzer hofften. Ich selbst hätte das Schweizer Museum vorgezogen, von dem man sagte, es hätte eine Sammlung von Landschaften.
Ob man mich dort ausstellen würde, fragte ich mich. Oder würde ich – wie so viele vor mir – lediglich im Depot landen?
Doch nun ist es ganz anders gekommen. Man will bei der Beerdigung des alten Herrn einige seiner Bilder mit ins Grab legen. Als Fotokopien, versteht sich. Das einzige Bild, das man als Original ins Grab nehmen will, das soll ich sein. Als ich davon erfuhr, war ich traurig und sogar entsetzt, für immer im Dunkel zu verschwinden. Doch dann legte sich meine Trauer und ich erinnerte mich an den alten Herrn, wie er mich in seine Arme nahm, mich küsste und sagte. „Dann bleiben wir eben zusammen.“

von Horst Schwebel/ Foto: Archiv


mrlife-Autor Horst Schwebel schreibt In seinem Buch ‚„Der Durchstreicher“ auch über Kunst: den Maler Arnulf Rainer.


 

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