Santana spielt erst, wenn der Tonarm richtig sitzt.

Nach jeder Single hoch vom Sofa

 

Ich habe zwei Hymnen, die untrennbar zu meiner Jugendzeit gehören: Samba Pa Ti von Carlos Santana und Lucky Man von Emerson, Lake and Palmer. Das waren Anfang der 70er Jahre zwei große Hits in allen europäischen und amerikanischen Hitparaden. Ich habe damals in Thüringen gewohnt. In der DDR konnte man diese Musik nicht kaufen; nur auf Westsendern hören. Bei Radio Luxemburg mit Rauschen und Knacken. Ich hatte Cousins in Dortmund. Die konnten alles kaufen. Sie haben mir die Singles mit der Post geschickt. Und die Singles kamen auch bei mir an. Einen Plattenspieler hatte ich. Und Freunde und Freundinnen hatte ich auch genug. Ich weiß nicht mehr, wie viel tausend mal ich Samba Pa Ti gehört habe; und wie viel mal Lucky Man. Wenn ich heute Carlos Santana in seinem ganz eigenen Sound seinen Superhit spielen höre, dann bin ich wieder Teenager, dann bin ich wieder Schülerin, dann sitze ich wieder mit meinen Freundinnen und Freunden zusammen. Dann hören wir Westmusik. Wer Beziehungen zum Westen hatte, der hatte irgendwann Jeans. Oder Nietenhosen, wie die Eltern sagten.
Wer die meisten West-Singles hatte, war am meisten in. Dort trafen wir uns. Dort hörten wir unsere Hits. Samba Pa Ti drauf auf den Plattenspieler. Hören. Mit einem Knack blieb der Spieler am Ende stehen. Tonarm nach hinten nehmen. Knack. Der Teller drehte sich wieder. Arm aufsetzen – Samba Pa Ti. Nach fünf Durchgängen, nach fünfmal den Tonarm zurück und neu aufsetzen Plattenwechsel: Lucky Man.
Der Freund von meiner Freundin hat auch ganz tolle Westplatten. Die hören sie immer zusammen. Meine Freundin beschwert sich irgendwann: Alle paar Minuten steht ihr Roy auf vom Sofa. Neu starten oder Neustart mit Plattenwechsel. Nach jeder Single aufstehen vom Sofa. Neu starten. Zurück zum Sofa.
Es gab in der DDR keine Zehnplattwechsler. Ich habe mein Samba Pa Ti gern allein gehört. Mit der Hand am Plattenspieler.

von Magret Saffan/ Foto: Repro Gleim

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