Über den Wolken ist die Angst oft am größten

Wenn Kontrolle endet

Fliegen, Vollnarkose, Achterbahn: Zum Umgang mit der Angst

Es sind oft die, die gern alles im Griff haben: Den Haushalt, die Familie, die Abläufe in der Firma. Macht es die Situation erforderlich, die Kontrolle abzugeben, wird aus Souveränität schnell Angst. Fliegen, Vollnarkose, Achterbahnfahren sind Beispiele für Situationen, die manche Menschen ungern erleben. Sie befürchten Negatives, wenn sie nicht Herr der Lage sind.  Ohne ihr aktives Zutun oder ihre Einflussnahme geht es nicht.
 Tina Fischbach-Nispel, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gesprächstherapeutin, kennt Gespräche mit Patienten, die sich als Opfer von Fremdbestimmung fühlen. Menschen entwickeln Vermeidungsstrategien für bestimmte Situationen, in die sie nicht mehr kommen möchten.
Längste Strecken werden mit dem Auto zurückgelegt, um nur nicht zu fliegen. Die eigentlich fällige Operation wird längst möglich hinausgeschoben. Und lieber fährt man selbst, als auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen – die Liste ließe sich fortsetzen. Es ist, als wenn jemand einen Vertrag mit sich selbst schließt und sagt: Das passiert mir nie mehr, erklärt Tina Fischbach-Nispel. Gemeint sind Angstzustände unterschiedlichen Ausmaßes  von Unwohlsein über feuchte Hände bis hin zur Luftnot.

Erlebnisse addieren sich
Sich bewusst zu machen, woher diese Einstellung rühren kann, gehört zu den ersten Schritten. Es kann ein Einzelerlebnis sein, das tatsächlich negativ verlaufen ist, bei dem man den Gedanken hatte ‘das überlebe ich nicht‘“,  berichtet die Fachfrau. Denkbar seien aber auch traumatische Strukturen, die sich mit der Zeit verfestigt haben: „Wenn jemand einen massiven Vertrauensbruch erlitten hat und dies immer wieder oder auf mehreren Ebenen, können sich derlei Erlebnisse auch aufaddieren“, erläutert Fischbach-Nispel. Diese Vorkommnisse, die als Ursache der Ängste gelten können,  wenn sie an die aktuelle Tagessituation „andocken“, sind in der Regel  aus dem Bewusstsein abgespaltet. Oft gelingt nur mit professioneller Hilfe, diese Strukturen aufzubrechen. Angst, so Fischbach-Nispel, ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Sie schützt, macht wach und sensibilisiert unsere Sensoren vor realen Gefahren.
Auch Respekt vor einem Projekt beispielsweise mobilisiert uns zu Höchstleistungen. Man ist klarer und aufgeräumter, wenn man bewusst damit umgeht.

Vermeidung schadet
Zwischen Angst als wertvoller Ressource und „Angst vor dem Gefühl Angst“, das einen lahmlegt, liege ein Bereich, der bearbeitet werden könne.   Angst  sei für viele immer noch immer ein Tabuthema, gelte als uncool. Das Vermeiden- oder Ignorieren-Wollen der Angst sei  letztlich der Versuch, sie zu kontrollieren. Dadurch werde sie jedoch nur noch größer.  Die Angst bewusst wahrzunehmen, sieht die Gesprächstherapeutin deshalb als ersten Schritt in die richtige Richtung. Erst dadurch, so erklärt sie, werden Betroffene wieder handlungsfähig.
Der Flugsimulator, das Beschäftigen mit technischen Gegebenheiten, Sicherheitsmechanismen und das ungeschönte Gespräch mit dem Narkosearzt  zu seiner Angst zu stehen und offensiv damit umzugehen, können neben therapeutischer Hilfe aus dieser Zwickmühle herausführen.  Auch den Rest der Familie ohne einen Berg to do-Zettel  mal alleine zu lassen, kann nach der Rückkehr neue Erkenntnisse liefern: Vater und Kinder sind nicht verhungert  und hatten Spaß!  

Tina Fischbach-Nispel, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Text/Fotos: Angela Heinemann  

 

 

 

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