Wahre Erfindungen

von Agnes Böttcher

Lange schon bin ich immer wieder beeindruckt, wie der Schauspieler Matthias Brandt durch sein Spiel die unterschiedlichsten Menschen überzeugend darstellen und dem Zuschauer nahebringen kann.

Manchmal ist sogar allein sein Name auf der Besetzungsliste für mich Grund genug, mir deshalb den Film anzuschauen. Als Buchhändlerin bin ich begeistert von seiner Fähigkeit, auf Hörbüchern Romane und Krimis mit seiner Stimme lebendig werden zu lassen. Jetzt hat er gezeigt, dass er auch schreiben kann. Seinen Bruder Lars kennt man als Schriftsteller, dieser hatte sich bereits literarisch mit dem Vater Willy Brandt auseinandergesetzt. Mathias Brandt tut dies eigentlich nicht, jedenfalls nicht im rein biographischen Sinne. Er schreibt über eine, seine, Kindheit, und diese war, prägend wie sie für jeden Menschen ist, nun mal eine Kindheit im Hause Brandt.
Matthias Brandt zaubert in seinem Buch - zaubern im Sinne der Definition
"durch Magie etwas hervorbringen und erscheinen lassen". Bei mir hat er all die Gefühle, Erlebnisse, Wahrnehmungen, die ich als Kind hatte, wieder hochgebracht und erscheinen lassen. Und dies längst nicht nur deshalb, weil wir fast der gleiche Jahrgang sind - ich mich also allein durch viele Beschreibungen und Namensnennungen fast wie auf einer Zeitreise durch die Siebzigerjahre fühlte. Eine Familie versammelt sich geschlossen vor dem Fernseher, um gemeinsam "Drei mal Neun" anzuschauen, mit kalten Platten, Fischlis und Fürst-Pückler-Eis. Es ist gar nicht seine Familie, sondern die seines besten Freundes, bei dem er übernachten darf. Das kennen viele noch. Und um wieviel interessanter das Leben in der anderen Familie auf den ersten Blick erscheint - bis ihn schon mitten in der Nacht eine fast panische Welle von Heimweh erfasst:
diese Gefühle so intensiv wie gerade eben erst erlebt zu beschreiben, das ist für mich die eigentliche Kunst dieses Buches.
Geschichten sind es, die erzählt werden, nach außen hin meist alltägliche Erlebnisse wie die jährliche Ferienfahrt mit Mutter Rut in deren Heimat Norwegen, das bedeutungsvolle Fußballspiel, bei dem der kleine Matthias als Torwart einspringen darf, ein Kirmesbesuch mit dem Vater und gleichzeitig dem ganzen Tross der Pressefotografen dabei.
Doch jede dieser Geschichten enthält einen Wendepunkt, diesen unsichtbaren, von Eltern oder Erwachsenen kaum oder gar nicht bemerkten Moment, an dem sich etwas in uns für immer verändert. Der uns die Grenzen unserer bis dahin für unbegrenzt geglaubten Kräfte aufzeigt, oder unser Erschrecken über das Dunkle in uns, zu dem wir wohl auch fähig wären oder sind, unsere Scham, sich vor allen Freunden blamiert zu haben, die Begeisterung für andere ferne Lebenswelten und die Entstehung der Sehnsucht danach. Von unserem Bedürfnis, unsere Eltern zu beschützen, in Situationen, in denen wir schon genau spürten, dass sie diesen nicht gewachsen sind (rührend und komisch zugleich, wie er versucht, den Vater, der eigentlich gar nicht Fahrrad fahren kann, dies jedoch für ein Versöhnungsgespräch mit Herbert Wehner tun muss, mit seinem Bonanzarad zu begleiten). In der titelgebenden Geschichte "Raumpatrouille" erzählt Brandt von der für ihn unvergesslichen Mondlandung und sein Mitgefühl für Michael Collins, den dritten Astronauten, der alleine im Raumschiff zurückbleiben und auf seine Kameraden warten musste. Die folgenden Wochen verbringt er gefühlt nur noch im All - und in einer Astronautenausrüstung, eine Art Pyjama aus der Spielwarenabteilung, die ihm am Schluss in Fetzen herabhängt.
Deutlich spürbar die Liebe für die Mutter, und genauso auch, und da ist es eine Mischung aus Liebe und Unsicherheit, und für den meist abwesenden Vater. Der Mann, der ihm auf dem Schulweg angestrengt von Wahlplakaten entgegen lächelt, und ihn zehn Minuten zuvor zuhause im Badezimmer angeknurrt hat, weil er sich beim Rasieren geschnitten hat.
Die Geschichten lesen sich wie ein Reigen, ihre Abfolge ist sehr gut gewählt, in "Was ist", eine zutiefst berührende Begegnung mit seinem Vater, finden sie den passenden krönenden Abschluss.
Zeitgleich ist die CD "Memory Boy" mit Songs von Jens Thomas, einem engen Freund von Mathias Brandt, erschienen. Buch und Musik entwickelten sich parallel und in ständigem Austausch der beiden Künstler, nach eigenen Aussagen gäbe es das eine nicht ohne das andere.

Matthias Brandt "Raumpatrouille" Verlag Kiepenheuer & Witsch gebunden 18,- Euro

von Agnes Bötticher/ Buchhandlung am Markt

 

 

 

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